{"identifier":"a6f99b59-5020-4165-8e5f-f7ef11d40ea7","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Die manipulative Wirkung von Zuschauern","subTitle":"Zuschauer k\u00f6nnen uns Menschen motivieren oder entmutigen \u2013 je nachdem wie gut unser Auftritt ist. Tieren geht es nicht anders. Entsprechend ihrem Entwicklungsgrad sind sie zu ebensolchen Einsch\u00e4tzungen und Reaktionen f\u00e4hig.","teaserText":null,"uriPathSegment":"die-manipulative-wirkung-von-zuschauern","dateTime":null,"images":[],"categories":[{"identifier":"aff27094-6b27-4f5b-9bd4-bfadbb2b7fba","title":"Im Revier"}],"categories2":[],"public":null},"childNodes":[{"identifier":"dd75fe22-7d9e-4a0a-b8a1-2d0943889d3f","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/eeffe325d45c33723a45257ff21f2f3fb6843bf0\/Bilder_1200x616_Boerner_02-1024x526.jpg","caption":"<p>Hirsche sind in der Lage, die F\u00e4higkeit eines Konkurrenten an dessen Stimme einzusch\u00e4tzen. W\u00e4hrend der Ruf eines jungen Hirsches einen Platzhirsch kaum aus der Reserve lockt, wird ein Hirsch mit kr\u00e4ftiger, dunkler Stimme, der diesem ebenb\u00fcrtig sein k\u00f6nnte, durchaus ernst genommen. Alttiere reagieren auf die Stimme ebenso.<\/p>"}},{"identifier":"aea37de4-2ebb-4a8d-b176-3e008be41eba","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Es ist ein warmer Sommerabend und ich sitze an einer kleinen Wiese am Waldrand. Der Platz ist vielversprechend und der Wind g\u00fcnstig. Ich habe meinen Sitz vor noch nicht allzu langer Zeit bezogen, da tritt eine Gei\u00df mit ihrem Kitz aus dem Bestand. Kurz darauf gesellt sich eine weitere Gei\u00df mit ihren beiden Kitzen dazu. Etwa eine halbe Stunde sp\u00e4ter rei\u00dft mich lautes Knacken aus meinen Gedanken. Im Robinienbestand sehe ich schemenhaft, wie zwei B\u00f6cke aufeinander losgehen. Die B\u00f6cke rangeln hin und her und stemmen ihre Geh\u00f6rne gegeneinander. Leider verschluckt der Wald den Ausgang des Duells f\u00fcr mich. Wie versteinert haben die beiden Gei\u00dfen das Treiben der B\u00f6cke aufmerksam verfolgt. Wie die Zuschauer bei einem Boxkampf, denke ich.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\"><strong>Menschen und Zuschauer<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Von sich selbst wei\u00df man, dass eine Zuschauermenge das eigene Verhalten erheblich beeinflussen kann. Ob es in diesem Fall auch so gewesen sein k\u00f6nnte, bleibt f\u00fcr mich zun\u00e4chst offen. Zuschauer k\u00f6nnen beim Menschen im positiven, aber auch im negativen Sinne beeinflussend wirken. Sozialer Druck f\u00fchrt zu ver\u00e4ndertem Verhalten bzw. \u00c4u\u00dferungen, indem man beispielsweise (oft unbewusst) versucht, den Erwartungen oder Meinungen der Zuschauer gerecht zu werden. Standardbeispiele sind sportliche Wettbewerbe oder \u00f6ffentliche Reden. Die Anwesenheit eines Publikums kann einerseits die Motivation erh\u00f6hen und zu einer verbesserten Leistung f\u00fchren. Andererseits kann die Angst vor negativer Bewertung in anderen F\u00e4llen so hemmend wirken, dass es zu einer Verschlechterung der Leistung kommt. In der Biologie wird die Wirkung von Zuschauern schon l\u00e4nger untersucht. Dabei m\u00fcssen zwei Aspekte unterschieden werden. Denn es ist dabei nicht nur von Interesse, ob und inwieweit sich mit dem Publikum das Verhalten \u00e4ndert. Die Frage ist auch, welche Informationen die Zuschauenden im Einzelnen daraus ziehen k\u00f6nnen. In jedem Fall findet zwischen den Beteiligten eine Art Kommunikation statt. Wobei diese eher im Kontext von Kommunikationsnetzwerken als von Zweiergruppen betrachtet werden muss. Das ist auch daran zu erkennen, dass viele Signale, die w\u00e4hrend einer Interaktion ausgetauscht werden, oft viel weiter \u00fcbertragen werden, als es f\u00fcr die Informations\u00fcbertragung zwischen den direkt beteiligten Individuen erforderlich w\u00e4re. Eine H\u00e4sin beispielsweise k\u00f6nnte sich einem zudringlichen Rammler in der Regel sehr einfach entziehen. Tats\u00e4chlich inszeniert sie aber eine auff\u00e4llige Verfolgungsjagd, die wiederum andere Rammler aufmerksam macht. Das hei\u00dft, dass sie Signale nutzt, die darauf ausgelegt sind, auch von anderen weiter entfernten Individuen empfangen zu werden.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"f4894897-106f-4b98-a732-40c4ab2e4b2e","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/09c506fdeb7a530ceed82e3f142e3846510915fc\/Bilder_1200x616_Boerner_01-1024x526.jpg","caption":"<p>Eine H\u00e4sin inszeniert eine auff\u00e4llige Verfolgungsjagd, die wiederum andere Rammler aufmerksam macht. Sie nutzt damit Signale, die darauf ausgelegt sind, auch von weiter entfernten Individuen empfangen zu werden.<\/p>"}},{"identifier":"f5bf9270-6c53-4d35-9ed0-90420414ace5","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Verlierer kommen nicht gut an<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Wie komplex die Zusammenh\u00e4nge sein k\u00f6nnen, verdeutlichen verschiedene Untersuchungen. Bei Siamesischer-Kampffisch-M\u00e4nnchen kommt es regelm\u00e4\u00dfig zu aggressiven Auseinandersetzungen. Bei einer diesbez\u00fcglichen Studie wurden aggressive Interaktionen dokumentiert und danach auch auf den Zuschauereffekt hin \u00fcberpr\u00fcft. Dabei stellte sich heraus, dass M\u00e4nnchen, die einen Kampf gegen ein anderes M\u00e4nnchen verloren hatten, deutlich weniger Zeit damit verbrachten, sich einem Weibchen zu pr\u00e4sentieren, das dem Kampf beigewohnt hatte. Handelte es sich jedoch um ein Weibchen, das diesen Kampf nicht beobachtet hat, hielten sich die Verlierer dort l\u00e4nger auf und warben um seine Gunst. Daraus l\u00e4sst sich schlussfolgern, dass sich diese M\u00e4nnchen sowohl \u00fcber ihre Niederlage als auch deren Wirkung im Klaren sind. Denn eine Niederlage im Kampf reduziert die Wahrscheinlichkeit der Paarung mit zuschauenden Weibchen. Inwieweit m\u00e4nnliche Zuschauer Informationen aus beobachteten Interaktionen von Konkurrenten gewinnen und diese f\u00fcr sich nutzen, wurde unter anderem bei Kohlmeisen untersucht. In einem diesbez\u00fcglich interessanten Experiment wurde einem residenten M\u00e4nnchen (A) zun\u00e4chst ein Eindringling (B) vorgegaukelt, indem wiederholt sein Gesang abgespielt wurde. Sp\u00e4ter spielte man dem Inhaber des Territoriums dann eine \u201egesangliche Auseinandersetzung\u201c au\u00dferhalb des eigenen Reviers vor. Dabei kam es zu einem Duell zwischen dem M\u00e4nnchen (B) und einem anderen weiteren M\u00e4nnchen (C). L\u00e4sst man B daraus als Gewinner hervorgehen und spielt seinen Gesang dann wieder im Revier von A ab, reagiert dieser darauf mit einem intensiven Territorialgesang. L\u00e4sst man den Gesang von M\u00e4nnchen C (also dem Verlierer), bleibt die Reaktion deutlich verhaltener. Kohlmeisen sind also in der Lage, die Qualit\u00e4t ihres Gegen\u00fcbers genau einzusch\u00e4tzen und ad\u00e4quat zu reagieren.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p><strong>Tiefe Stimmen werden ernst genommen<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Vergleichbares kennt man auch von unserem Rotwild. Auch Hirsche sind in der Lage, die F\u00e4higkeit eines Konkurrenten an dessen Stimme einzusch\u00e4tzen. W\u00e4hrend der Ruf eines jungen Hirsches einen Platzhirsch also kaum aus der Reserve locken kann, wird ein Hirsch mit kr\u00e4ftiger, dunkler Stimme, der diesem ebenb\u00fcrtig sein k\u00f6nnte, durchaus ernst genommen. Beide werden sich daraufhin in der Regel in ein Rufduell begeben. Aus Playback-Untersuchungen ist au\u00dferdem bekannt, dass auch Alttiere einem der Stimme nach k\u00f6rperlich starken Hirsch mehr Aufmerksamkeit widmen als einem schwachen Hirsch. Es handelt sich dabei um sogenannte ehrliche Signale, denn diese korrespondieren in der Regel direkt mit der k\u00f6rperlichen Verfassung der rufenden St\u00fccke \u2013 fitte Hirsche rufen schlicht imposanter!&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\"><strong>K\u00e4mpfen B\u00f6cke vor Publikum intensiver?<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">W\u00e4hrend die B\u00f6cke l\u00e4ngst verschwunden sind, stehen die Gei\u00dfen noch immer vor mir auf der Wiese. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie sich den Eindruck, den die beiden B\u00f6cke gemacht haben, gemerkt haben. Auch die B\u00f6cke ihrerseits waren sich vermutlich der Zuschauer bewusst. Tats\u00e4chlich zeigen Untersuchungsergebnisse, dass die Anwesenheit von weiblichen Rehen w\u00e4hrend eines Kampfes von B\u00f6cken einen Einfluss auf den Grad der Eskalation hat. Denn diese k\u00e4mpfen dann intensiver. Hoem et al. (2007) schlussfolgern daraus, dass die Anwesenheit von Artgenossen die beiden Kontrahenten st\u00e4rker zum Kampf motiviert. Sie folgern weiter, dass andere B\u00f6cke tats\u00e4chlich Informationen zu Kampff\u00e4higkeiten ableiten k\u00f6nnen und der Ausgang anderer K\u00e4mpfe damit beeinflusst werden kann. Im Falle der zuschauenden Gei\u00dfen, so die Biologen weiter, wird angenommen, dass dadurch Paarungsentscheidungen mitbeeinflusst werden. Dieser Effekt konnte bei anderen Tierarten bereits zweifelsfrei nachgewiesen werden. Bei unserem Rehwild laufen derartige Entscheidungen jedoch \u00fcber komplexe Abl\u00e4ufe ab, so dass sie nur einen Aspekt unter vielen darstellen.<\/p>"}}]}