{"identifier":"47b4b831-d7ad-4571-8bfd-2bb73d169623","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Der gekaufte Parasit","subTitle":"Mit Lebendimporten von Hirschen aus Nordamerika wurde der Amerikanische Riesenleberegel bereits vor 150 Jahren erstmals nachweislich importiert und das geschah in der Folge noch vielfach. Mittler-weile kommt der vormals f\u00fcr Europa exotische Parasit in zumindest neun europ\u00e4ischen L\u00e4ndern vor und richtet zum Teil schwere Sch\u00e4den an.","teaserText":null,"uriPathSegment":"der-gekaufte-parasit","dateTime":null,"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/c6f09dca6979a0b2a58b94cffed6d57a927faa0e\/Bilder_1200x616_Wildtiergesundheit_01-1024x526.jpg","images":[],"categories":[{"identifier":"aff27094-6b27-4f5b-9bd4-bfadbb2b7fba","title":"Im Revier"}],"categories2":[{"identifier":"c3a14aa2-b454-4f9f-866b-076dd835eaa5","title":"Wildtiergesundheit"}],"public":null},"childNodes":[{"identifier":"60c37922-17e7-4a03-a3e3-542d643852b0","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Durch Importe von Hirschen aus Nordamerika wurde der Amerikanische Riesenleberegel (AMRI) vermutlich erstmals 1875 nach Europa eingeschleppt \u2013 in einen k\u00f6niglichen Park bei Turin\/Italien. Mittlerweile gibt es Nachweise aus zahlreichen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern (in Klammer jeweils das Jahr der Erstbeschreibung), so in der Tschechischen Republik (1930), in Deutschland (1932), Spanien (1935), Polen (1955), \u00d6sterreich (1982), Ungarn (1994), in der Slowakei (1994), in Kroatien (2002), Serbien (2008). Seit den 1950er-Jahren wurde erstmals aus der ehemaligen Tschechoslowakei \u00fcber hohe Verluste bei Rot-, Dam- und Rehwild berichtet. In \u00d6sterreich wurde der AMRI erstmals 1982 bei Damhirschen in einem Wildgatter in Nieder\u00f6sterreich entdeckt und der erste Nachweis in freier Wildbahn erfolgte im Jahr 2000 bei Rotwild in den Donauauen bei Fischa-mend. Seither hat sich dieser Parasit bei Rot- und Rehwild in den \u00f6sterreichischen Augebieten entlang der Donau etabliert. Mittlerweile hat sich dieser Parasit in \u00d6sterreich ausgebreitet, so gibt es in den letzten Jahren Nachweise aus dem Wald- und Weinviertel fernab der Donau. In diese Regionen drang der Parasit sicherlich von tschechischer Seite vor, so wie es auch in Nordostbayern zu einem massiven Auftreten des AMRI kam, beispielsweise am Truppen\u00fcbungsplatz in Grafenw\u00f6hr, wo mittlerweile nahezu alle \u00e4lteren St\u00fccke Rotwild befallen und K\u00f6rper- und Geweihgewichte deutlich gesunken sind. Berichte von J\u00e4gern deuten darauf hin, dass der AMRI auch schon im S\u00fcdburgenland und in der s\u00fcdlichen Steiermark vorkommt, weshalb gebeten wird, Verdachtsf\u00e4lle zu melden.<\/p><p><strong>Breites Wirtsspektrum<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Es wird zwischen drei verschiedenen Wirtsgruppen unterschieden, wobei das klinische und pathologische Bild in Abh\u00e4ngigkeit von der Wirtsgruppe und dem artspezifischen Immunsystem recht stark variiert. Bei spezifischen Endwirten (wie Wei\u00df- und Schwarzwedelhirsch, Wapiti, Karibu, Rot- und Damwild) verl\u00e4uft eine Infektion selbst bei hochgradigem Befall oft sogar ohne Symptome, kann aber auch Gewichtsverlust, Apathie, beeintr\u00e4chtigte K\u00f6rperkondition, struppiges Haarkleid und Durchfall hervorrufen. Jungegel wandern meist so lange durch das Lebergewebe, bis sie einen Partner gefunden haben. Als Reaktion auf die entz\u00fcndeten Bohrg\u00e4nge bilden sich Kapseln (Pseudozysten) um die Egel, um die Leber vor weiteren Wanderungen zu sch\u00fctzen. Hier reifen die Egel meist paarweise in Bindegewebskapseln heran und produzieren bis 4.000 Eier t\u00e4glich. Von au\u00dfen erscheint die Leber vergr\u00f6\u00dfert, die Leberr\u00e4nder sind stumpf, einzelne Pseudozysten sind sichtbar und die Oberfl\u00e4che der Leber wirkt oft samtig-rau. Dunkelgr\u00fcne bis schwarze Pigmentablagerungen durchziehen streifenartig das Lebergewebe. Die schwarze Verf\u00e4rbung wird durch das Pigment H\u00e4matin verursacht, ein Nebenprodukt, das vom Parasiten nach der Blutverdauung produziert wird.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Nicht spezifische Endwirte unterteilen sich in Blind- oder Sackgassenwirte und Irr- oder Fehlwirte. Blind- oder Sackgassenwirte sind Elch, Sikawild, Wild- und Hausschweine, Rinder, Yaks, Bisons, Pferde, Lamas. In Blind- oder Sackgassenwirten erreichen die Jungegel zwar die Leber, reifen aber nur selten heran und produzieren damit auch selten Eier, sie haben daher kaum Bedeutung bei der Ausbreitung des AMRI. Die Jungegel machen in diesen Wirten aber Leberwanderungen, die zu Lebersch\u00e4digung und starker Bindegewebsbildung f\u00fchren. Es kommt zu Leberschwellung, Konditionsverlust und auch zu Verendensf\u00e4llen. An befallenen Lebern findet man eine hochgradige Fibrose (Bindegewebszubildung &gt; derbe, h\u00f6ckrige Leber), dickwandige Pseudozysten, teilweise Kalzifizierung der Leberkapsel und eine schwarze Pigmentierung verschiedener Gewebe.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die schwersten klinischen Erscheinungen sind bei Irr- oder Fehlwirten (wie Reh-, Muffel- und Gamswild, Hausschafe und -ziegen) zu erwarten, denen eine Schutzreaktion in Form von Pseudozystenbildung oder Bindegewebskapseln fehlt. Dadurch rufen die wandernden Jungegel massive Gewebszerst\u00f6rungen nicht nur in der Leber, sondern auch in anderen Organen hervor. Die Leber ist von der Wanderung der Egel am st\u00e4rksten betroffen. Blutungen und Nekrosen des Lebergewebes f\u00fchren zu Entz\u00fcndungsreaktionen, Thrombosen der Lebervenen sind m\u00f6glich. Nur selten kommt es zum Auftreten adulter Leberegelstadien, die kurz vor dem Tod wenige Eier ausscheiden k\u00f6nnen. Innerhalb von vier bis sechs Monaten kommt es h\u00e4ufig zum Tod des infizierten Irrwirtes. Die Todesursache ist meist eine akute Bauchfellentz\u00fcndung oder ein Riss der Leberkapsel mit innerem Verbluten. Bei Rehen gibt es Anzeichen, dass sie sich immunologisch auf den Parasiten einzustellen scheinen und damit Verendensf\u00e4lle seltener werden.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Verluste in der Nutztierhaltung in Europa sind weit weniger bekannt als in Nordamerika und eher nur Ausnahmen, Infektionen von Rindern, Schafen und Pferden sind bekannt und erfolgten vermutlich \u00fcber die von Wild kontaminierten Weiden beziehungsweise \u00fcber dort gewonnenes Futter.<\/p>"}},{"identifier":"d7f4545a-01ba-4ccf-ae45-eb54ccefc410","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/e7da5ef9eab9df0770429cbb006a01a064e41139\/Bilder_1200x616_Wildtiergesundheit_02-1024x526.jpg","caption":"<p>Bei Irr- oder Fehlwirten wie Reh-, Muffel- und Gamswild rufen die wandernden Jungegel massive Gewebszerst\u00f6rungen nicht nur in der Leber, sondern auch in anderen Organen hervor. Innerhalb von vier bis sechs Monaten kommt es h\u00e4ufig zum Tod des infizierten Irrwirtes.<\/p>"}},{"identifier":"b436f3be-70e1-467a-98ea-fa25f9c09eaa","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Entwicklung<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Diese sehr gro\u00dfe Leberegelart (L\u00e4nge sieben bis zehn Zentimeter, Breite zwei bis drei Zentimeter) ben\u00f6tigt Schlammschnecken als Zwischenwirte, in denen sie sich entwickeln und ungeschlechtlich fortpflanzen kann. In Europa ist das am h\u00e4ufigsten die Zwergschlammschnecke, die auch der Zwischenwirt unseres heimischen Gro\u00dfen Leberegels ist. Die Entwicklung in der Au\u00dfenwelt ist temperaturabh\u00e4ngig, bei h\u00f6heren Temperaturen l\u00e4uft sie schneller ab. Der Parasit durchl\u00e4uft einen komplexen Lebenszyklus, der sich in f\u00fcnf Stadien unterteilen l\u00e4sst. Er beginnt mit der Eiausscheidung und geht \u00fcber Wimperlarven, die sich im Zwischenwirt \u00fcber Sporozysten sowie Mutter- und Tochterredien vermehren, als Zerkarien die Schnecken verlassen und schlussendlich als Metazerkarien \u00fcber die Nahrungsaufnahme wieder in Endwirte gelangen und den Kreislauf schlie\u00dfen k\u00f6nnen. Im Hintergrund weitere m\u00f6gliche Wirtstiere.<\/p><p><strong>Behandlungsversuche in den Donauauen<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Zwischen 2001 und 2018 lief ein Projekt in den Donauauen, in dem versucht wurde, Rotwild mit einem leberegelwirksamen Entwurmungsmittel zu behandeln (Wirkstoff Triclabendazol). Insgesamt wurden in den Jahren 2000 bis einschlie\u00dflich 2019 im Rahmen des Projektes \u201eRiesenleberegel\u201c 1.923 Lebern von Schalenwild (Rotwild, vereinzelt Reh- und Damwild) untersucht und bei 52 Prozent der Lebern der AMRI nachgewiesen.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Im Zuge des Monitorings wurde ab dem Jahr 2014 eine leicht abnehmende H\u00e4ufigkeit des AMRI dokumentiert, doch inwieweit die Medikation zu dieser Reduktion beigetragen hat, l\u00e4sst sich nicht feststellen. Es stellte sich damit heraus, dass dieser Parasit mit einem Entwurmungsregime nicht ausgerottet werden kann und die Pr\u00e4valenz \u00fcber die Jahre weiterhin schwankt. Nach Absetzen der Medikation schwankte der Befall recht stark, was aber nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass der j\u00e4hrliche Infektionsdruck nicht zuletzt auch stark von den Witterungs- und Lebensbedingungen f\u00fcr die Zwergschlammschnecken abh\u00e4ngig ist.<\/p><p><strong>Bek\u00e4mpfung und Zukunft<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Andere Bek\u00e4mpfungsma\u00dfnahmen wie die Reduktion der Rotwilddichte, Verbesserung der F\u00fctterungshygiene (keine Bodenvorlage von Futtermitteln!), Evaluierung von F\u00fctterungsstandorten, \u00dcberdenken der Sauenkirrungen, die von Rotwild besucht werden, sowie Lenkungsma\u00dfnahmen weg von Ideallebensr\u00e4umen der Zwergschlammschnecken k\u00f6nnten zu einer Reduktion der Befallsrate oder zumindest zu keinem weiteren Anstieg des Befalles und m\u00f6glichst zu keiner weiteren Ausbreitung des Verbreitungsgebietes des Amerikanischen Riesenleberegels f\u00fchren. Vorsicht ist jedenfalls auch bei Lebendwildzuk\u00e4ufen oder beim Zukauf von Futtermitteln aus Regionen geboten, wo dieser Parasit vorkommt. Auch aus diesem Grund w\u00e4re die Erhebung des derzeitigen Befallsgebietes h\u00f6chst notwendig und Meldungen von (Verdachts-)F\u00e4llen hilfreich. Andernfalls sind wir weiterhin in einem Blindflug unterwegs und dieser ehemals aus Amerika zugekaufte Parasit wird ein weitverbreiteter Neoeurop\u00e4er werden.<\/p>"}}]}