{"identifier":"153a8f4e-c600-4df9-99c5-a82202c7343f","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Jagdstrategien zur&nbsp;<br>Schalenwildregulierung","subTitle":"Erkenntnisse aus einer interdisziplin\u00e4ren FUST-Fachtagung. Wie kann Jagd unter heutigen Rahmenbedingungen wirksam, fachlich fundiert und gleichzeitig gesellschaftlich tragf\u00e4hig gestaltet werden? Diese Leitfrage stand im Zentrum einer ganzt\u00e4gigen Fachtagung des F\u00f6rderungs-<br>vereins f\u00fcr Umweltstudien Tirol (FUST) und sollte am Beispiel der Schalenwildbejagung konkretisiert werden.","teaserText":null,"uriPathSegment":"jagdstrategien-zur-schalenwildregulierung","dateTime":null,"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/e3e1def0878ec8862dc425f14d33138a332ff04a\/Bilder_1200x616_FUST_01-1024x526.jpg","images":[],"categories":[{"identifier":"aff27094-6b27-4f5b-9bd4-bfadbb2b7fba","title":"Im Revier"}],"categories2":[],"public":null},"childNodes":[{"identifier":"f9ff78e7-fb18-4c64-a3e5-3d1784194bd2","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Ziel der Tagung war, Strategien f\u00fcr die Bejagung des Schalenwildes nicht nur aus einer einzelnen Perspektive zu bewerten, sondern als Teil eines komplexen Wirkungsgef\u00fcges zu betrachten: Wildbiologie, Land- und Forstwirtschaft, Almwirtschaft, Freizeitnutzung, Raumplanung und rechtliche Rahmenbedingungen wirken gleichzeitig auf Wildverteilung, Bejagbarkeit und Sch\u00e4den. Der FUST bietet eine neutrale Plattform, auf der Wissenschaft und Praxis gezielt zusammengef\u00fchrt werden \u2013 nicht als \u201eMeinungsb\u00f6rse\u201c, sondern als Ort, an dem Argumente, Daten und Erfahrungen systematisch nebeneinandergelegt und auf ihre Konsequenzen hin gepr\u00fcft werden.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">In der Tagung mit 13 Referenten aus \u00d6sterreich, S\u00fcdtirol und Deutschland wurde hervorgehoben: Wer \u00fcber Best\u00e4nde, Absch\u00fcsse oder Waldverj\u00fcngung spricht, muss die Wechselwirkungen in alpinen Kulturlandschaften mitdenken. Wildtiere reagieren nicht nur auf jagdliche Eingriffe, sondern genauso auf die Vielfalt menschlicher Nutzungen. Tourismus und Freizeitverhalten \u2013 l\u00e4ngst nicht mehr nur tags\u00fcber \u2013 ver\u00e4ndern die St\u00f6rkulisse, Forststra\u00dfen und Erschlie\u00dfungen ver\u00e4ndern Flucht- und R\u00fcckzugsr\u00e4ume, Almwirtschaft und Weidedruck beeinflussen \u00c4sungsangebote und die klimatische Entwicklung verschiebt Vegetationszeiten und Aufenthaltsmuster. In Summe entsteht eine dynamische \u201eRisikolandschaft\u201c, in der Wild lernt, ausweicht, sich konzentriert oder in die Nachtaktivit\u00e4t abgedr\u00e4ngt wird. Genau diese Reaktionen sind f\u00fcr Jagdstrategien entscheidend \u2013 denn sie bestimmen, ob Wild \u00fcberhaupt noch so bejagbar bleibt, wie es Abschusspl\u00e4ne und Zielvorgaben voraussetzen.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Diese r\u00e4umlichen Zusammenh\u00e4nge werden beim Management des Rotwildes besonders deutlich. Wissenschaftliche Langzeitdaten und Telemetrieergebnisse zeigen \u00fcbereinstimmend, dass das Rotwild Lebensr\u00e4ume nicht fl\u00e4chig nutzt, sondern stark schwerpunkthaft. Ein gro\u00dfer Teil der Aufenthaltszeit entf\u00e4llt auf vergleichsweise kleine Kernbereiche, die oft \u00fcber Jahre hinweg konstant genutzt werden. Das hat praktische Konsequenzen: Nicht der Gesamtbestand im Revier ist der entscheidende Einflussfaktor f\u00fcr Sch\u00e4den, sondern die lokale Dichte in sensiblen R\u00e4umen. Sch\u00e4den entstehen selten gleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber die Fl\u00e4che; sie entstehen dort, wo sich Wild konzentriert \u2013 etwa an st\u00f6rungsarmen Einstandsbereichen, an attraktiven \u00c4sungs- oder Deckungsstrukturen oder in \u00dcbergangszonen, die durch menschliche Nutzung zunehmend \u201eeng\u201c werden. Wer solche Hotspots mit dem Gie\u00dfkannenprinzip bejagt, erreicht h\u00e4ufig nicht die gew\u00fcnschte Entlastung. Umgekehrt kann eine r\u00e4umlich kluge Strategie \u2013 also das gezielte Ansetzen am richtigen Punkt \u2013 wirksamer sein als eine rein mengenorientierte Erh\u00f6hung des Jagddrucks.<\/p><p><strong>Jagddruck als Steuerungsinstrument<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Damit war das zweite gro\u00dfe Thema der Tagung angesprochen: Jagddruck ist ein Steuerungsinstrument, aber er ist kein Selbstzweck. Jagd erzeugt immer Druck \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob sie als Ansitz, Pirsch, Bewegungsjagd oder mit technischen Hilfsmitteln erfolgt. Wird dieser Druck fl\u00e4chig und dauerhaft aufgebaut, sind die Folgen bekannt: Wild wird scheuer, weicht in dichte, schwer zug\u00e4ngliche Bereiche aus, verlagert Aktivit\u00e4t in die Nacht und wird insgesamt schwerer regulierbar. Gleichzeitig steigt lokal die Schadensintensit\u00e4t, weil die Tiere in genau jene Zonen gedr\u00e4ngt werden, die forstlich oder \u00f6kologisch besonders sensibel sind. Mehrfach wurde daher betont, dass erfolgreiche Strategien h\u00e4ufig weniger auf \u201emehr Jagd\u201c als auf \u201ebesser gesteuerte Jagd\u201c setzen: kurze, klar definierte Bejagungsphasen, dazwischen konsequente Ruhe und eine r\u00e4umliche Planung, die das Wild nicht permanent \u201eunter Strom\u201c setzt.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Als besonders praktikabler Ansatz wurde die Zonierung beschrieben, wie sie in unterschiedlichen Varianten bereits umgesetzt wird: jagdliche Ruhezonen, Intervallbejagungsfl\u00e4chen und\/oder \u2013 wo erforderlich \u2013 Schwerpunktbejagungsfl\u00e4chen. Entscheidend ist dabei nicht die blo\u00dfe Existenz solcher Fl\u00e4chen auf der Karte, sondern ihre konsequente Umsetzung und ihre innere Logik. Schwerpunktbejagung kann nur dann funktionieren, wenn zugleich klar ist, wo das Wild sein darf \u2013 und wenn diese Bereiche f\u00fcr die Tiere erreichbar und attraktiv sind. Die Frage \u201eWo darf das Wild nicht sein?\u201c greift zu kurz, wenn sie nicht durch die ebenso wichtige Frage erg\u00e4nzt wird: \u201eWo soll es sein?\u201c Ohne dieses Angebot entsteht eine Verdr\u00e4ngungsspirale, die das Problem r\u00e4umlich verschiebt, aber nicht l\u00f6st.<\/p>"}},{"identifier":"96a65a4d-6136-43ff-82f0-30ae78d8081e","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/4556df66ecd5bec4b90ebbf831ff8fcdac51753e\/Bilder_1200x616_FUST_02-1024x526.jpg","caption":"<p>Durch die Summe menschlicher Aktivit\u00e4ten entsteht eine dynamische \u201eRisikolandschaft\u201c, in der Wild lernt, ausweicht, sich konzentriert oder in die Nachtaktivit\u00e4t abgedr\u00e4ngt wird. Genau diese Reaktionen sind f\u00fcr Jagdstrategien entscheidend \u2013 denn sie bestimmen, ob Wild \u00fcberhaupt noch so bejagbar bleibt.<\/p>"}},{"identifier":"edb55625-0202-462c-ae2d-516505924e63","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Wissen, was man tut<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Aus biologischer Sicht wurde zudem betont, dass professionelles Wildtiermanagement zwingend am lebenden Bestand orientiert sein muss. Jagd als Teil eines umfassenden Wildmanagements bedeutet, Eingriffe so zu setzen, dass Sozialstrukturen, saisonale Einst\u00e4nde und artgerechte Aktivit\u00e4tsmuster nicht dauerhaft zerst\u00f6rt werden. Gerade bei sozial strukturierten Wildarten sind Leitindividuen und Vermehrungstr\u00e4ger f\u00fcr die Bestandsentwicklung zentral; zugleich sind sie f\u00fcr stabile Verbandsstrukturen und stressarmes Verhalten entscheidend. Jagdstrategien m\u00fcssen deshalb immer auch die Strukturwirkung ihrer Ma\u00dfnahmen mitdenken \u2013 nicht nur die Summe der Strecke. Hier zeigte sich ein wiederkehrender Bedarf: belastbare Daten und ein Monitoring, das \u00fcber reine Abschusszahlen hinausgeht. Nat\u00fcrliche Mortalit\u00e4t, Krankheitsgeschehen oder Fallwildanteile werden vielerorts nur unvollst\u00e4ndig erfasst; dadurch entstehen Interpretationsl\u00fccken, die sp\u00e4ter in politischen oder beh\u00f6rdlichen Debatten als scheinbar \u201eeindeutige\u201c Aussagen (z. B. Best\u00e4nde steigen \/ Best\u00e4nde sinken) gef\u00fchrt werden. Die Tagung stellte klar: Wer zielorientiert steuern will, braucht Indikatoren und harte Daten \u2013 und muss wissen, was und wie er misst.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Damit verbunden war die Frage nach gesetzlichen und administrativen Rahmenbedingungen. Nicht nur verschiedene Beitr\u00e4ge, sondern vor allem die Diskussion machten deutlich, dass die Jagd zunehmend in einer Sandwichposition steht. Auf der einen Seite steigen die Erwartungen an Waldumbau, Schutzwaldfunktion, Wildschadensvermeidung und Seuchenpr\u00e4vention; auf der anderen Seite ver\u00e4ndern sich Bejagbarkeit und Wildverhalten durch St\u00f6rungen und Klimadynamik. In diesem Spannungsfeld f\u00fchren manche gesetzlichen M\u00f6glichkeiten \u2013 etwa verl\u00e4ngerte Jagdzeiten, Schonzeitaufhebungen, fl\u00e4chige Kirrungen oder Nachtabschuss \u2013 in der Praxis zu einem Risiko: Sie k\u00f6nnen kurzfristig Absch\u00fcsse erleichtern, gleichzeitig aber mittel- bis langfristig die Bejagbarkeit verschlechtern, Sozialstrukturen destabilisieren und das Wild weiter in die Nachtaktivit\u00e4t dr\u00e4ngen. Die Tagung hat diese Zielkonflikte nicht moralisch bewertet, sondern fachlich eingeordnet: Als Strategieinstrumente m\u00fcssen solche Ma\u00dfnahmen immer daran gemessen werden, ob sie die gew\u00fcnschten Ziele dauerhaft unterst\u00fctzen oder ob sie \u2013 bei falscher Anwendung \u2013 Teil des Problems werden.<\/p>"}},{"identifier":"ed859057-69b8-45d6-90d5-4e964c022cd1","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/f1dccceb4fdf0903e41aec6a0924f1123e34fa23\/Bilder_1200x616_FUST_03-1024x526.jpg","caption":"<p>Neue jagdliche Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnen kurzfristig Absch\u00fcsse erleichtern, gleichzeitig aber mittel- bis langfristig die Bejagbarkeit verschlechtern, Sozialstrukturen destabilisieren und das Wild weiter in die Nachtaktivit\u00e4t dr\u00e4ngen.<\/p>"}},{"identifier":"5db6895b-a0df-4d7e-82a1-cfbf3006fcbe","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Wenn unterschiedliche Zielbilder aufeinandertreffen<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Ein weiterer sehr wichtiger Befund aus der Diskussion lautete, dass der viel zitierte \u201eWald-Wild-Konflikt\u201c als solcher nicht existiert, sondern in Wahrheit ein Mensch-Mensch-Konflikt ist. Unterschiedliche Zielbilder treffen auf denselben Raum: forstliche Nutzungsinteressen, jagdliche Nutzungsinteressen, touristische Erwartungen, landwirtschaftliche Produktionsanspr\u00fcche, Naturschutzpriorit\u00e4ten und viele andere. Wild wird dabei zum Projektionsraum. Gerade deshalb sind Kommunikation, Transparenz und gemeinsam entwickelte Zieldefinitionen so entscheidend. Die Tagung hat gezeigt, dass es nicht an Wissen oder guten Beispielen fehlt, sondern h\u00e4ufig an der \u00dcbertragbarkeit und an der konsequenten Abstimmung der Akteure. Dort, wo Planung auf Wildtierpopulationsebene gelingt, wo Jagd in Intervallen organisiert wird, wo Ruhefl\u00e4chen ernst genommen und St\u00f6rquellen zumindest reduziert werden, entsteht ein System, das sowohl Waldentwicklung als auch Wildtiereigenschaften besser miteinander vereinbart.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Klar war auch, ein effizientes und nachhaltiges Wildtiermanagement zur Erhaltung geeigneter Wildlebensr\u00e4ume und zur Vermeidung untragbarer Wildsch\u00e4den braucht mehr als nur Jagd. Jagd kann die bestehenden Probleme nicht allein l\u00f6sen. Sie ist Teil eines gr\u00f6\u00dferen Systems, in dem alle m\u00f6glichen Problemverursacher mit in die Verantwortung genommen werden. Dazu braucht es klare gesetzliche Rahmenbedingungen, realistische Zielsetzungen, abgestimmte Landnutzung, fr\u00fchzeitige Bildung und Aufkl\u00e4rung und einen offenen Dialog zwischen allen Beteiligten.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Genau an dieser Schnittstelle arbeitet der FUST. Er ist nicht Interessenvertretung einer einzelnen Gruppe, sondern schafft R\u00e4ume, in denen Wissen und Praxis gemeinsam diskutiert und weiterentwickelt werden. Der Mehrwert liegt in der n\u00fcchternen wissenschaftsnahen Betrachtung und im Austausch: Was sind die Mechanismen hinter beobachteten Problemen? Welche Ma\u00dfnahmen wirken nachweislich \u2013 und unter welchen Voraussetzungen? Welche Daten fehlen, um Entscheidungen belastbar zu treffen? Und wie l\u00e4sst sich ein alpines Wildtiermanagement gestalten, das gleichzeitig Schutzwaldanspr\u00fcchen, Tierwohl, Jagdpraxis und gesellschaftlicher Akzeptanz gerecht wird?<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Als Fazit l\u00e4sst sich festhalten: Zukunftsf\u00e4hige Jagd bedeutet nicht \u201emehr Jagd\u201c, sondern \u201edie richtige Jagd \u2013 am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, mit klaren Zielen\u201c. Sie setzt auf Steuerung statt Dauerstress, auf Zonierung statt Gie\u00dfkanne, auf Monitoring statt Bauchgef\u00fchl und auf Dialog statt Schuldzuweisung. Dabei dient der FUST als Br\u00fccke zwischen Forschung und Anwendung, als Ort des Austauschs und als Impulsgeber f\u00fcr ein umfassendes, nachhaltiges Wildtiermanagement, das den Zielen der Menschen gerecht wird. \u00dcbergeordnetes Ziel ist eine m\u00f6glichst schadensfreie Integration von Wildtieren in die Kulturlandschaft.<\/p>"}}]}