{"identifier":"8f146420-2248-40a3-8bd6-4d251b84010b","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Klimawandel trifft Rehbrunft","subTitle":"In hei\u00dfen Sommern werden weniger Gei\u00dfen erfolgreich beschlagen als in k\u00fchlen. In Extremsituationen kann es sogar zu einem Ausfall der Blattzeit kommen. Rehe sind aber flexibel und holen das Vers\u00e4umte teilweise in einer Nachbrunft nach.","teaserText":null,"uriPathSegment":"klimawandel-trifft-rehbrunft","dateTime":null,"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/9cad7913c3b1d843647319f13d2a9e1114a559b2\/Berner_1-1024x526.jpg","images":[],"categories":[{"identifier":"aff27094-6b27-4f5b-9bd4-bfadbb2b7fba","title":"Im Revier"}],"categories2":[],"public":null},"childNodes":[{"identifier":"2ac97c64-1999-4dab-aa80-7de8fc2a7e7c","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Der Klimawandel ist l\u00e4ngst keine abstrakte Theorie mehr, sondern beeinflusst bereits heute konkret zahlreiche Lebensr\u00e4ume und Tierarten. Ein deutliches Zeichen f\u00fcr diese Entwicklung ist die Vorverlagerung des Fr\u00fchlingsbeginns um rund zwei Wochen. Zudem ist die durchschnittliche Jahresmitteltemperatur in \u00d6sterreich in den letzten 50 Jahren um etwa 2 \u00b0C gestiegen. Wildtiere geraten zunehmend unter Druck: L\u00e4ngere Hitzeperioden, geringere Niederschl\u00e4ge und eine sich ver\u00e4ndernde Vegetation beeinflussen ihre Lebensgrundlagen. Die steigenden Temperaturen beeintr\u00e4chtigen nicht nur das Nahrungsangebot, sondern auch das Verhalten und die Fortpflanzung vieler Arten. Viele S\u00e4ugetierarten besitzen grunds\u00e4tzlich die F\u00e4higkeit, sich durch eine Anpassung ihres Lebensraums oder ihres Jahreszyklus an ver\u00e4nderte Umweltbedingungen zu gew\u00f6hnen. Beim Rehwild jedoch ging man lange Zeit davon aus, dass es in dieser Hinsicht nur eingeschr\u00e4nkt flexibel ist.<\/p>"}},{"identifier":"bfada7e8-0da6-4bb1-a67d-740d448ac02f","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/9cad7913c3b1d843647319f13d2a9e1114a559b2\/Berner_1-1024x526.jpg","caption":"<p>Hohe Temperaturen wirken auf Rehwild zum einen direkt durch k\u00f6rperliche Belastungen, zum anderen indirekt \u00fcber verschlechterte Umwelt- und \u00c4sungsbedingungen.<\/p>"}},{"identifier":"f2544c83-7a20-466c-adb9-602e86d13e81","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\"><strong>Rehwild und hohe Sommertemperaturen<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">In einer aktuellen und \u00e4u\u00dferst aufschlussreichen Untersuchung wurde analysiert, wie das Rehwild auf die ver\u00e4nderten sommerlichen Klimabedingungen reagiert (Kamieniarz et al., 2024). Dabei verglichen die Forscher den Reproduktionsstatus der Tiere in einem extrem hei\u00dfen Sommer mit dem eines Sommers mit normalen Temperaturen \u2013 mit teils \u00fcberraschenden Ergebnissen.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Zwar wurde \u00fcber den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg eine hohe durchschnittliche Reproduktionsbeteiligung von 88,6 Prozent festgestellt, doch im Detail zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Jahren. So waren im sehr hei\u00dfen Sommer 2015 nur 77,6 Prozent der Gei\u00dfen tr\u00e4chtig, w\u00e4hrend dieser Wert im Folgejahr mit moderaten Temperaturen bei 98,5 Prozent lag. Besonders interessant ist die detaillierte Analyse der Fortpflanzung im Hitzesommer. Die hohen Temperaturen f\u00fchrten nicht nur zu einer geringeren Reproduktionsrate, sondern auch zu einer deutlichen Verschiebung des Fortpflanzungszeitpunkts. Denn nur etwas mehr als die H\u00e4lfte der Gei\u00dfen und Schmalrehe wurde im Sommer beschlagen, w\u00e4hrend der verbleibende Teil erst in der Winterbrunft aufgenommen hatte.&nbsp;<\/p><p><strong>Hei\u00dfe Sommer \u2013 weniger Nachwuchs?<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Auff\u00e4llig war jedoch nicht nur die geringe Reproduktionsbeteiligung w\u00e4hrend des hei\u00dfen Sommers. Auch bei den St\u00fccken, die sich erfolgreich an der Sommerbrunft beteiligten, war h\u00e4ufig lediglich ein Kitz nachweisbar. Die Analyse legt nahe, dass hohe Temperaturen auf zweierlei Weise wirken: zum einen direkt durch k\u00f6rperliche Belastungen, zum anderen indirekt \u00fcber verschlechterte Umweltbedingungen. Denn neben dem unmittelbaren Hitzestress f\u00fchren auch ung\u00fcnstige Vegetationsverh\u00e4ltnisse zu einer insgesamt geringeren Nahrungsverf\u00fcgbarkeit. In der Folge verschlechtert sich die k\u00f6rperliche Kondition der Gei\u00dfen, was wiederum die Anzahl ovulierter Eizellen reduziert. Besonders bemerkenswert ist, dass Gei\u00dfen, die nach dem Hitzesommer erst im Herbst aufgenommen hatten, h\u00e4ufig zwei oder sogar drei Embryonen trugen. Nachdem der ung\u00fcnstige Sommer \u00fcberstanden war, zeigten sie w\u00e4hrend der \u201ezweiten Brunft\u201c eine normale Reproduktionsleistung. Um hohe Temperaturen auszugleichen und die Auswirkungen des Hitzestresses zu verringern, reduziert das Rehwild seine Aktivit\u00e4t auf ein Minimum.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Besonders in den Mittags- und Nachmittagsstunden ziehen sich die Tiere in die k\u00fchlsten Bereiche ihrer Einst\u00e4nde zur\u00fcck. Brunftverhalten ist dann deutlich seltener zu beobachten und findet meist nur in den Nachtstunden statt. Die Daten zeigen, dass es bei extremer Sommerhitze sogar zu einem teilweisen Ausfall der Blattzeit kommen kann. F\u00fcr den J\u00e4ger bedeutet das deutlich geringere Chancen auf die Erlegung eines Rehbockes. Umgekehrt gilt es, g\u00fcnstige Wetterlagen gezielt zu nutzen: Normale Temperaturen, weitgehende Windstille sowie Phasen nach Regenf\u00e4llen erh\u00f6hen die Erfolgschancen bei der Blattjagd sp\u00fcrbar.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"721b5fc1-daf0-4578-9a2d-133aadfae406","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/46029b71b449d367a0d75aae2792167483578274\/App_Boerner_1-1024x683.jpg","caption":"<p>Die Datenreihe von 16.111 markierten Rehkitzen aus Baden-W\u00fcrttemberg von 1972 bis 2019 zeigt, dass sich der durchschnittliche Setzzeitpunkt um etwa eine Woche nach vorn verschoben hat.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"5d44578d-9feb-437b-857d-b481344cef96","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Besonderheiten des Hochgebirges<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Grunds\u00e4tzlich lassen sich zwei zeitliche H\u00f6hepunkte f\u00fcr den erfolgreichen Einsatz des Fieptons mit dem Blattinstrument ausmachen. Klassisch gilt die Zeit nach dem H\u00f6hepunkt der Brunft, typischerweise in der ersten Augustwoche, als besonders aussichtsreich. Eine weitere lohnende Phase liegt bereits vor dem eigentlichen Brunftgeschehen \u2013 etwa um den 25. Juli. Zu diesem Zeitpunkt sind die Gei\u00dfen in der Regel noch nicht brunftig, die meisten Rehb\u00f6cke hingegen reagieren bereits und stehen gut zu. Ein Versuch ist diese fr\u00fche Phase daher in jedem Fall wert. Anzumerken ist, dass sich die Brunft im Hochgebirge zeitlich um eine gute Woche nach hinten verschiebt.&nbsp;<\/p><p><strong>Auswirkungen auf &nbsp;den Setzzeitpunkt<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Eine weitere wichtige Frage ist, wie sich der Setzzeitpunkt der Rehe im Zuge des Klimawandels grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndert haben k\u00f6nnte. Eine aktuelle Untersuchung der Wildforschungsstelle des Landes Baden-W\u00fcrttemberg widmet sich dieser Thematik. Auf Grundlage einer umfangreichen Datenreihe von 16.111 markierten Rehkitzen aus den Jahren 1972 bis 2019 konnten Forscherinnen und Forscher feststellen, dass sich der durchschnittliche Setzzeitpunkt \u2013 also der Zeitpunkt, an dem die Rehkitze geboren werden \u2013 um etwa eine Woche nach vorn verschoben hat. Heute liegt der mittlere Setzzeitpunkt etwa beim 20. Mai. Angesichts der Tatsache, dass mehr als drei Viertel der Rehkitze innerhalb eines Zeitraums von nur vier Wochen geboren werden, ist diese Verschiebung ein deutliches Indiz daf\u00fcr, dass sich Rehe in gewissem Ma\u00dfe an ver\u00e4nderte Umweltbedingungen anpassen k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p><p><strong>Anpassungsf\u00e4higer als gedacht<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Als sogenannter \u201eIncome Breeder\u201c sind Rehe auf eine ausreichende Nahrungsverf\u00fcgbarkeit w\u00e4hrend energieintensiver Phasen wie der Brunft angewiesen. Die im Sommer stattfindende Brunft f\u00e4llt in eine Zeit mit gutem Nahrungsangebot, wodurch optimale Bedingungen f\u00fcr Fortpflanzung und anschlie\u00dfenden Aufbau gewisser Energiereserven f\u00fcr den Winter gegeben sind. Im Gegensatz dazu bauen \u201eCapital Breeder\u201c deutlich mehr Reserven f\u00fcr Brunft oder Rausche auf. Sie kommen daf\u00fcr weitgehend ohne \u00c4sung oder Fra\u00df \u00fcber die Fortpflanzungszeit. &nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Eine Sp\u00e4tbrunft beim Reh kann dazu beitragen, reproduktive Ausf\u00e4lle auszugleichen, etwa wenn eine Gei\u00df im Sommer nicht empf\u00e4ngnisbereit war oder eine fr\u00fche Tr\u00e4chtigkeit verloren ging. Inwieweit dieses Ph\u00e4nomen k\u00fcnftig h\u00e4ufiger auftritt, bleibt jedoch offen. Insgesamt zeigt das Rehwild eine bemerkenswerte F\u00e4higkeit, selbst unter den Bedingungen eines sich rasant ver\u00e4ndernden Klimas zu bestehen.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Konstantin B\u00f6rner<\/em><\/p>"}}]}