{"identifier":"12c74472-364a-4535-8a17-e04dca0ac849","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Bilanz des Lebens&nbsp;","subTitle":"Muss eine erfolgreiche Bilanz auf eine lange Lebensspanne verweisen k\u00f6nnen? Oder auf viele Nachkommen? Die Biologie wei\u00df keine klare Antwort darauf, denn unterschiedliche Arten verfolgen in diesem Punkt unterschiedliche Strategien.","teaserText":null,"uriPathSegment":"bilanz-des-lebens-nbsp","dateTime":null,"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/504c7e81acb3f1a5fdb10644f1ab92216f7f1fa2\/M.Sch%C3%BCtte00071-1024x682.jpg","images":[],"categories":[{"identifier":"aff27094-6b27-4f5b-9bd4-bfadbb2b7fba","title":"Im Revier"}],"categories2":[],"public":null},"childNodes":[{"identifier":"3137de63-9552-4faa-9084-416521dd01dc","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/ed0312cb930b998208402f6203e7bd94c3f5ed51\/Bilder_1200x616_Boerner_01-1024x526.jpg","caption":""}},{"identifier":"584f4993-62dd-4f37-8042-c4098407a89c","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Die Naturwissenschaft hat per Definition einen sehr unverkl\u00e4rten und n\u00fcchternen Blick auf Prozesse und Zusammenh\u00e4nge der belebten und unbelebten Natur. Es verwundert vor diesem Hintergrund wenig, dass die Wildbiologie das Leben eines Wildtiers in lediglich zwei Hauptphasen unterteilt. Der erste Teil ist durch Heranreifung und Entwicklung gekennzeichnet. Der K\u00f6rper w\u00e4chst heran und das Tier erreicht seine Geschlechtsreife. Der zweite Lebensabschnitt ist die reproduktive Phase, in der es darum geht, die eigenen Gene in die n\u00e4chste Generation zu \u00fcberf\u00fchren. Grunds\u00e4tzlich haben Wildtiere in Sachen Fortpflanzung sehr unterschiedliche Voraussetzungen. W\u00e4hrend bei einigen Arten der \u00dcbergang der ersten in die zweite Lebensphase schon sehr fr\u00fch einsetzt, brauchen andere Tiere viele Jahre, bevor sie k\u00f6rperlich reif f\u00fcr die Reproduktion sind. Analog verh\u00e4lt es sich mit der Lebenserwartung: Manche haben Aussicht auf ein langes Leben, andere m\u00fcssen diesbez\u00fcglich mit deutlich weniger Zeit auskommen. Entsprechend haben sich auch sehr verschiedene Strategien entwickelt. Ein praktisches Beispiel kann helfen, die Zusammenh\u00e4nge besser zu verstehen. Hierf\u00fcr werden die Arten Braunb\u00e4r und Feldhase gegen\u00fcbergestellt. Die Feldh\u00e4sin erreicht bereits nach etwa einem halben Jahr die Geschlechtsreife und weist mit bis zu 17 Jungtieren pro Jahr eine sehr hohe Fortpflanzungsrate auf. Allerdings ist ihre Lebensspanne mit f\u00fcnf bis sechs Jahren in der Wildbahn vergleichsweise kurz. Ganz anders verh\u00e4lt es sich bei der Braunb\u00e4rin: Sie wird erst im Alter von drei bis f\u00fcnf Jahren geschlechtsreif und bringt pro Wurf durchschnittlich nur ein bis zwei Jungtiere zur Welt. Ihre Fortpflanzungsrate ist somit deutlich niedriger als die der H\u00e4sin. Daf\u00fcr hat die Braunb\u00e4rin mit bis zu 30 Jahren eine weitaus l\u00e4ngere Lebenserwartung.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p><strong>Verk\u00fcrzt Fr\u00fchreife das Leben?<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Hohe Reproduktionsraten fr\u00fch im Leben sollten der Theorie nach also zu einem k\u00fcrzeren Leben f\u00fchren. Genau das ist zu erwarten, wenn zum Beispiel Gei\u00dfkitze besonders fr\u00fch reif sind. Verschiedentlich ist nachgewiesen, dass ein sehr geringer Anteil weiblicher Kitze bereits in der Winterbrunft aufnehmen kann und als Schmalreh das erste Mal setzt. Es ist davon auszugehen, dass sich diese \u201eTaktik\u201c negativ auf die Lebensdauer auswirkt. Um diesen Zusammenhang genauer unter die Lupe zu nehmen, wurde er auf der schottischen Insel Rum beim Rotwild untersucht. Es ist dabei vorweg zu sagen, dass der Zeitpunkt der ersten Reproduktion bei Alttieren aufgrund der sehr harten Bedingungen dort im Allgemeinen erst im Alter von drei bis vier Jahren erfolgt. Im Ergebnis konnte man tats\u00e4chlich nachweisen, dass Alttiere, die sehr fr\u00fch mit der Reproduktion begannen, ab dem Alter von neun Jahren deutlich schneller alterten, als das sp\u00e4ter setzende Alttiere taten. In der Konsequenz lie\u00df sich aus dieser Studie ableiten, dass eine zeitige Geburt des ersten Kalbes sich tats\u00e4chlich verk\u00fcrzend auf die Lebensdauer auswirkt.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"a80f4e52-3c47-4ba5-9848-94f7858ce08c","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/34e4e37f991b7943f372bbf690289560ba976ed1\/Bilder_1200x616_Boerner_02-1024x526.jpg","caption":"<p>Mutterschaft in einer fr\u00fchen Lebensphase wirkt sich verk\u00fcrzend auf die eigene Lebensdauer aus. Gleiches gilt f\u00fcr eine hohe Zahl von Nachkommen (Muffelwild, Hase ...).<\/p>"}},{"identifier":"714a0538-6394-4aab-98c4-7b2760c9463d","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Viel Nachwuchs hat seinen Preis<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Ein \u00e4hnlicher Zusammenhang l\u00e4sst sich auch bei einer gesteigerten Reproduktionsleistung erwarten. In einer fortpflanzungsbiologischen Untersuchung am Damwild konnte ich Alttiere nachweisen, die \u2013 wenn auch selten \u2013 dazu neigen, Zwillinge zu setzen. Diese erh\u00f6hte Reproduktionsrate hat offensichtlich einen Einfluss auf die Lebenserwartung, die dadurch reduziert wird. Ein vergleichbares Ph\u00e4nomen zeigt sich auch beim Muffelwild: Einige Altschafe neigen dazu, unter bestimmten Bedingungen zweimal innerhalb eines Jahres zu lammen. Die sogenannten Herbstl\u00e4mmer werden zwischen Ende Oktober und Anfang November geboren. Die doppelte Investition in den Nachwuchs muss jedoch dazu f\u00fchren, dass sich die Lebensspanne entsprechend verk\u00fcrzt. Auch bei den langlebigen Albatrossen zeigt sich die Verbindung zwischen Reproduktionsleistung und Lebenserwartung. Manche Arten pflanzen sich nur alle zwei Jahre fort und erreichen dadurch ein deutlich h\u00f6heres Alter als ihre j\u00e4hrlich reproduzierenden Verwandten. Grunds\u00e4tzlich zahlt sich die Strategie, fr\u00fch und viel zu reproduzieren, jedoch nur dann aus, wenn die Tiere einer Population eine geringe Lebenserwartung haben. In solchen F\u00e4llen ist es vorteilhaft, m\u00f6glichst fr\u00fch im Leben in die Reproduktion zu investieren, da den Tieren ansonsten die Zeit fehlt, um ihre Lebenszeit effektiv in Nachwuchs umzusetzen. Zu welchem Zeitpunkt im Leben wie viele Junge geboren werden, h\u00e4ngt also auch vom vorherrschenden Selektionsdruck ab.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p><strong>Individuelle Strategien innerhalb von Arten<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Eine weitere Frage besteht darin, durch welche Strategie eine Reproduktionsperiode am effizientesten genutzt werden kann. Anhand des Feldhasen l\u00e4sst sich das gut verdeutlichen. \u00dcblicherweise haben H\u00e4sinnen \u00fcber die reproduktive Phase eines Jahres drei bis vier S\u00e4tze mit in der Regel jeweils ein bis f\u00fcnf (maximal sechs) Junghasen. Bekannt ist dabei, dass H\u00e4sinnen in eher n\u00f6rdlichen Regionen weniger W\u00fcrfe setzen, die W\u00fcrfe daf\u00fcr aber gr\u00f6\u00dfer sind. Das korrespondiert mit der unterschiedlichen L\u00e4nge der Vegetationsphasen. Doch auch bei uns finden sich unterschiedliche Strategien. So gibt es H\u00e4sinnen, die bereits mit dem ersten Wurf, der schon im Februar fallen kann, f\u00fcnf Junghasen zur Welt bringen. Diese Strategie ist nat\u00fcrlich \u00e4u\u00dferst risikobehaftet. Denn wird es dann noch einmal sehr kalt und nass, ist ihre \u00dcberlebenschance \u00e4u\u00dferst gering. Bleibt das Wetter aber freundlich, ist diese H\u00e4sin im Vorteil. Sie hat zu diesem Zeitpunkt schon viele Junge zur Welt gebracht, die sich ihrerseits auch vermehren. Ihre Gene sind fr\u00fch im Jahr bereits sehr gut verteilt.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"bb750edd-9634-467c-a811-2a13d6be0b2a","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/b9d485f864dd6e0ae5fe970218e95af3d9aa7cd1\/Bilder_800x458_Boerner-1024x586.jpg","caption":"<p>Langlebige Arten werden sp\u00e4t geschlechtsreif und haben auch dann nicht j\u00e4hrlich Nachwuchs (B\u00e4r, Elefant ...).<\/p>"}},{"identifier":"ec291eec-d9bb-45a0-9c78-0c99bbebd57d","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Lifetime Reproductive Output<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Unabh\u00e4ngig davon, welche spezifischen Fortpflanzungsstrategien ein Tier verfolgt, l\u00e4sst sich eine Konstante erkennen: das sogenannte Lifetime Reproductive Output, also die Gesamt-reproduktionsleistung im Laufe des Lebens. Dieser Begriff beschreibt die Gesamtzahl der Nachkommen, die ein Weibchen in seiner Lebensspanne hervorbringen kann. Dabei entspricht die Summe des Gewichts aller Nachkommen in der Regel etwa dem 1,6-Fachen des K\u00f6rpergewichts der Mutter. Ein Beispiel: Eine H\u00e4sin wiegt etwa vier Kilo. Sie bringt nach dieser Rechnung im Laufe ihres Lebens etwa 6,4 Kilo Jungtiere zur Welt. Eine Rehgei\u00df hat ein durchschnittliches Lebendgewicht von 20 Kilo. Sie setzt in einer Lebensspanne Kitze mit einem aufsummierten Gewicht von 32 Kilo. Dieses Verh\u00e4ltnis gilt auch f\u00fcr viele andere Tierarten. Das Prinzip gilt unabh\u00e4ngig davon, wie sich der Fortpflanzungsaufwand oder die Energieaufteilung im Einzelnen gestalten.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Nat\u00fcrlich haben auch die allgemeinen Lebensraumbedingungen einen Einfluss auf den Alterungsprozess, die Lebensspanne und somit auf die reproduktionsbiologische Strategie eines Tieres. In einer bemerkenswerten Untersuchung trat man der Frage n\u00e4her, inwieweit ung\u00fcnstige Lebensraumbedingungen einen Einfluss auf das Altern haben. Dazu untersuchte man die L\u00e4nge der Telomere bei Rehen aus verschiedenen Lebensr\u00e4umen. Telomere sind die sch\u00fctzenden Enden der Chromosomen, deren L\u00e4nge als Marker f\u00fcr den Alterungsprozess dient. Die Forscher fanden heraus, dass Rehe, die in g\u00fcnstigen Lebensr\u00e4umen lebten \u2013&nbsp;<br>also in Gebieten mit g\u00fcnstigen Nahrungsverh\u00e4ltnissen und wenig Stress \u2013,&nbsp;<br>l\u00e4ngere Telomere hatten als St\u00fccke, die aus ung\u00fcnstigeren Lebensr\u00e4umen stammten. Die Ergebnisse lassen darauf schlie\u00dfen, dass die Qualit\u00e4t des Lebensraums einen direkten Einfluss auf die biologische Alterung und die Lebensspanne von Rehen haben kann. Die Studie legt damit nahe, dass Alterungsprozesse und Lebensspanne durch verbesserte Revierbedingungen beeinflussbar sind.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p><strong>Alles hat sein F\u00fcr und Wider&nbsp;<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Zusammenfassend l\u00e4sst sich festhalten, dass jedes Wildtier \u00fcber ein begrenztes Energiebudget verf\u00fcgt. Diese Energie wird auf verschiedene Lebensprozesse wie Wachstum, Fortpflanzung und den Erhalt des K\u00f6rpers verteilt. In der Biologie wird dieses Konzept als Allokationsprinzip bezeichnet. Der Begriff beschreibt die Aufteilung und Zuweisung von Ressourcen. Faktoren wie die Lebensdauer, der Lebensraum und die Reproduktionsleistung stehen dabei in einem engen Zusammenhang zueinander und beeinflussen sich gegenseitig. Je nach Lebensraum und Bedingungen kann es sinnvoll sein, fr\u00fchzeitig in die Reproduktion zu investieren oder aber diese auf einen l\u00e4ngeren Zeitraum zu verteilen. Klar gilt jedoch auch f\u00fcr dieses System: Einen Euro kann man nur einmal ausgeben. Wer also an einer Stelle investiert, muss an anderer Stelle Zugest\u00e4ndnisse machen.<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Konstantin B\u00f6rner<\/em><\/p>"}}]}