{"identifier":"2f3e5b41-51d0-4f0b-9a58-4c16620ffce9","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Der Neandertaler: Ureurop\u00e4er mit Hang zur Gro\u00dfwildjagd","subTitle":"\u00dcber viele Jahrhunderte beherrschte in Europa die Kirche mit ihren Dogmen und dem ausschlie\u00dflichen Glauben an die einmalige g\u00f6ttliche Sch\u00f6pfung der Erde und aller Lebewesen das Weltbild der Menschen. Die im 18. und 19. Jahrhundert zunehmende Besch\u00e4ftigung mit Naturerscheinungen durch ein aufstrebendes und vermehrt aufgekl\u00e4rtes Bildungsb\u00fcrgertum brachte dieses antiquierte Weltbild jedoch zunehmend ins Wanken. Wurden etwa fossile versteinerte Lebensspuren zun\u00e4chst noch mit dem biblischen Hinweis auf die Sintflut und theologischen Berechnungen des Alters der Erde von maximal 6.000 Jahren zu erkl\u00e4ren versucht, war es schlie\u00dflich Charles Darwin, der, ebenfalls kirchlich sozialisiert und deshalb von schweren Gewissenskonflikten geplagt, aber auf Basis seiner weltweit gesammelten Naturbeobachtungen mit seiner 1859 ver\u00f6ffentlichten Evolutionstheorie das bisherige Weltbild zum Einst\u00fcrzen brachte.","teaserText":null,"uriPathSegment":"der-neandertaler-ureuropaeer-mit-hang-zur-grosswildjagd","dateTime":null,"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/b455d5366e3dcb35566d37baa3a810fd5cf75795\/Bilder_1200x616_Kalte-Faehrte_01-1024x526.jpg","images":[],"categories":[{"identifier":"ec73ced4-4a28-472b-b641-f192863cfc5f","title":"Jagdkultur"}],"categories2":[{"identifier":"ca2c9be9-1182-478d-8478-71d2611e8f96","title":"Zur\u00fcck auf kalter F\u00e4hrte"}],"public":null},"childNodes":[{"identifier":"fe6cb432-21b1-4414-9917-61869fcc1b1b","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":""}},{"identifier":"f84ddf94-3415-43bd-8257-fcc40a30a322","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\"><strong>Evolution statt Kreation<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die von ihm vorgelegten Beweise widersprachen einer Unver\u00e4nderlichkeit der Arten und bezeugten im Gegenteil eine st\u00e4ndige Entwicklung und Ver\u00e4nderung der Lebewesen im Rahmen eines stetigen evolution\u00e4ren Prozesses. W\u00e4hrend in der Folge bereits die auf Pflanzen und Tiere angewandte neue Evolutionstheorie nicht nur von der Kirche als ketzerisch bek\u00e4mpft wurde, sondern auch in der Bev\u00f6lkerung heftige Widerst\u00e4nde hervorrief, war vor allem die Vorstellung, dass auch der Mensch als biologische Art diesen Prozessen unterliegen w\u00fcrde und damit nicht einzigartig von Gott geschaffen sei, schlichtweg undenkbar. Genau in diese von politischen und theologischen Schlagabtauschen gekennzeichnete Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts fiel nun die folgenschwere Entdeckung einiger bald schon als menschliche \u00dcberreste erkannter Knochen in einer Grotte in der N\u00e4he von D\u00fcsseldorf. Von Steinbrucharbeitern 1856 freigelegt, gelangten die Skelettreste in der Folge in die H\u00e4nde des Naturforschers Johann Carl Fuhlrott, der gemeinsam mit dem Anatomen Hermann Schaaffhausen und unter dem Eindruck des neu diskutierten Evolutionsmodells den Fund richtigerweise als vorzeitliche Form des modernen Menschen einstufte.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"7d16f520-57dc-4c31-9df5-1f32a5a8cae3","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/d7e16295f9afcaf9e48485e707fbf60f54ec4c70\/Bilder_1200x616_Kalte-Faehrte_03-1024x526.jpg","caption":"<p>Der Vergleich der Sch\u00e4delform von Neandertaler (links) und modernem Menschen (rechts) l\u00e4sst deutliche Unterschiede erkennen. Aufgrund der Gehirngr\u00f6\u00dfe waren die geistigen F\u00e4higkeiten der Neandertaler, wenngleich wahrscheinlich etwas anders als beim modernen Menschen, dennoch \u00e4hnlich und mindestens so komplex entwickelt. Auch ist man sich heute sicher, dass die Neandertaler bereits \u00fcber eine Sprachf\u00e4higkeit verf\u00fcgten.<\/p>"}},{"identifier":"39a5df8d-ea11-4de9-857c-8807e1e18bd6","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Mensch aus dem Neandertal<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">In Deutschland sollte sich diese revolution\u00e4re Erkenntnis zun\u00e4chst jedoch noch nicht durchsetzen und so war es schlie\u00dflich der irische Geologe William King, der den Fund 1863 als \u201eHomo neanderthalensis\u201c \u2013 also als \u201eMensch aus dem Neandertal\u201c \u2013 und somit als ersten ausgestorbenen Verwandten des anatomisch modernen Menschen richtig erkannte und beschrieb. War diese Erkenntnis zun\u00e4chst noch weitgehend umstritten, sollten zahlreiche weitere Funde in den folgenden Jahrzehnten den Befund jedoch endg\u00fcltig best\u00e4tigen und so gilt der sogenannte \u201eNeandertaler\u201c bis heute als eine der bekanntesten und wohl auch am besten untersuchten Urmenschenformen weltweit.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Doch wer waren diese Neandertaler? Woher kamen sie? Wie lebten sie und warum sind sie schlie\u00dflich wieder verschwunden?<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Bis heute wurden mehr als 400 Skelette dieser Menschenform entdeckt und so lassen sich etwa \u00fcber deren Aussehen und k\u00f6rperliche Besonderheiten doch recht genaue und umfangreiche Aussagen machen. Wurden sie zun\u00e4chst, nicht zuletzt aus einer gewissen geis-tigen Abwehrhaltung heraus, als kraftstrotzende, keulenschwingende, d\u00fcmmliche Halbaffen dargestellt, ist unser heutiges Bild von diesen Menschen wesentlich differenzierter. Da ist zun\u00e4chst der markante Sch\u00e4del, der mit seiner l\u00e4nglichen Form, der niedrigen Stirn und den deutlich hervortretenden \u00dcberaugenw\u00fclsten ganz charakteris-tisch erscheint.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p><strong>Intelligente Muskelprotze<\/strong><\/p><p>Au\u00dfergew\u00f6hnlich ist das Gehirnvolumen, das jenes des modernen Menschen deutlich \u00fcbertrifft und daher vermuten l\u00e4sst, dass die geistigen F\u00e4higkeiten dieser Urmenschen den unsrigen wohl mindestens ebenb\u00fcrtig, wenn nicht in manchen Belangen sogar \u00fcberlegen waren. Auch das Skelett der Neandertaler ist dem heutiger Menschen sehr \u00e4hnlich, wenngleich manche Proportionen und der kr\u00e4ftige Knochenbau auf einen \u00e4u\u00dferst kompakten Rumpf und st\u00e4mmige, muskelbewehrte Arme und Beine schlie\u00dfen lassen. Dieser massive und kr\u00e4ftige K\u00f6rperbau pr\u00e4destinierte diese Vormenschen zu einer Lebensweise als spezialisierte Gro\u00dfwildj\u00e4ger und so fanden sich etwa&nbsp; an der deutschen Fundstelle Salzgitter nicht nur Tausende Steinwerkzeuge, sondern auch die Knochenreste von 86 erjagten Rentieren. Aber auch Bisons und Mammuts geh\u00f6rten zum Beutespektrum, wobei als Waffen wohl vorwiegend Wurfspeere und h\u00f6lzerne Sto\u00dflanzen auf kurze Distanz zum Einsatz kamen. Dass diese Jagdweise \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlich war, l\u00e4sst sich an den zahlreichen an Neandertalerknochen vorgefundenen Verletzungen ablesen. Eine statistische Auswertung der Lage dieser Knochenbr\u00fcche und ein Vergleich mit heutigen Berufsgruppen, die ein \u00e4hnliches Verletzungsmuster aufweisen, f\u00fchrten zum Vergleich mit Rodeoreitern. Auch wenn Neandertaler sicher nicht auf Gro\u00dftieren geritten sind, f\u00fchrte die Jagd auf diese aber offensichtlich h\u00e4ufig zu gef\u00e4hrlichen und lebensbedrohlichen Zusammenst\u00f6\u00dfen. Dass viele dieser Knochenbr\u00fcche nachtr\u00e4glich wieder verheilt sind, l\u00e4sst wiederum R\u00fcckschl\u00fcsse auf ein ausgepr\u00e4gtes und entwickeltes Sozialverhalten dieser Menschenart zu. Dass die Neandertaler mit ihrer Lebensweise und mit ihren Anpassungen an die von warmen, vor allem aber auch von eiszeitlichen Phasen gepr\u00e4gte Umwelt \u00e4u\u00dferst erfolgreich waren, l\u00e4sst sich auch aus ihrer Zehntausende Jahre w\u00e4hrenden Existenz ableiten.<\/p>"}},{"identifier":"dd7a29e2-87dd-47fc-8156-b5f0c6638309","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/2ed313204ebe325475073f42103e7ef43a8147d2\/Bilder_1200x616_Kalte-Faehrte_02-1024x526.jpg","caption":"<p>Fundstelle in Krapina. Am Sandsteinabhang des Husnjakh\u00fcgels erinnert heute eine Bronzeskulptur in Form von drei Neandertalern an diese bedeutungsvolle urgeschichtliche Fundstelle und ihre Entdeckung von 1899.<\/p>"}},{"identifier":"2d09b3c0-4977-47c4-8d32-f5f8624dee51","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Entfernte Verwandte<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die \u00e4ltesten \u00dcberreste der klassischen Neandertaler stammen dabei von der kroatischen Fundstelle Krapina und wurden auf ein Alter von 150.000 Jahren datiert. W\u00e4hrend der \u201emoderne Mensch\u201c erst vor etwa 40.000 Jahren, von Afrika kommend, auch Europa erreichte, kann man den Neandertaler hingegen als eigentlichen \u201eUreurop\u00e4er\u201c bezeichnen. Bereits fr\u00fchere Vormenschenformen hatten, offenbar aus Afrika kommend, neben Asien auch Europa besiedelt, und w\u00e4hrend sich aus diesen Fr\u00fchmenschen in Afrika kontinuierlich der als \u201eHomo sapiens\u201c bezeichnete heutige Mensch entwickelte, f\u00fchrte eine Parallelentwicklung in Europa, getrennt davon, zum Neandertaler. Die besonders zahlreichen Funde in Spanien und S\u00fcdfrankreich weisen auf ein Hauptverbreitungsgebiet des Neandertalers in S\u00fcd- und S\u00fcdwesteuropa hin, wenngleich diese Menschenform auch Regionen bis nach Sibirien, zum Kaukasus, in den Iran und in die Levante besiedelte. Genau dort, n\u00e4mlich im heutigen Israel, d\u00fcrfte es bereits vor 60.000 Jahren zu einem Aufeinandertreffen von \u201emodernen\u201c, aus Afrika ankommenden Menschen und bereits dort sesshaften Neandertalern gekommen sein. Heute m\u00f6gliche modernste pal\u00e4ogenetische DNA-Analysen legen nahe, dass es dabei auch zur Zeugung von Mischlingskindern gekommen sein muss und dass aufgrund dessen bis heute bei der gesamten au\u00dferafrikanischen Bev\u00f6lkerung ein rund dreiprozentiger Anteil an Neandertalergenen erhalten geblieben ist. Nach einer etwa 4.000 Jahre dauernden Koexistenz, w\u00e4hrend der es also offenbar auch zu Vermischungen kam, verschwanden die Neandertaler vor etwa 40.000 Jahren vollst\u00e4ndig, sodass nur noch unsere Art als einzige Menschenform bis heute \u00fcberlebte.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p><strong>Fast vollst\u00e4ndig assimiliert<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Was zum Aussterben der Neandertaler f\u00fchrte, ist bis heute unklar und auch unter Fachleuten heftig umstritten. W\u00e4hrend es f\u00fcr kriegerische Auseinandersetzungen keine arch\u00e4ologischen Belege gibt, weisen eventuell die demografischen Daten auf eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung hin. So war die Dichte der Neandertaler wohl stets nur sehr gering, sodass in Europa wahrscheinlich kaum mehr als 10.000 dieser Vormenschen gleichzeitig lebten. W\u00e4hrend dieser Umstand eventuell zu einem Inzuchtproblem f\u00fchrte, sahen sich die Neandertaler schlie\u00dflich mit der Ankunft des Homo sapiens vor allem mit einer Art konfrontiert, die fr\u00fcher geschlechtsreif wurde und dadurch wesentlich mehr Nachkommen hervorbrachte. Gekoppelt mit Faktoren wie einer geringeren Sterblichkeit, einem gr\u00f6\u00dferen Nahrungsspektrum sowie besserer Kleidung und besseren Unterk\u00fcnften, waren es aber m\u00f6glicherweise vor allem die populationsbiologischen Nachteile des Neandertalers, die diese Art schlie\u00dflich f\u00fcr immer verschwinden lie\u00dfen. Dennoch \u00fcbt der Neandertaler bis heute eine ungebrochene Faszination auf uns heutige Menschen aus, stellt er doch eine alternative Form des Menschseins dar, eine andere Version von uns, die zwar einerseits f\u00fcr immer verschwunden ist, die aber andererseits zumindest genetisch in einem geringen Ausma\u00df in uns weiterlebt und damit fortbesteht.<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Markus Zeiler<\/em><\/p>"}},{"identifier":"ce98433a-d5ec-49b3-a323-13dc24cb4c84","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/56e2712445ff2c256199c8ec40ba6d9410e3aa4f\/Bilder_1200x616_Kalte-Faehrte_04-1024x526.jpg","caption":"<p>Zahlreiche Funde von ganzen Neandertalerskeletten in H\u00f6hlen oder unter Fels\u00fcberh\u00e4ngen lassen vermuten, dass diese Menschen ihre Toten bestatteten und somit vielleicht bereits \u00fcber eine Jenseitsvorstellung verf\u00fcgten.<\/p>"}}]}