{"identifier":"8445a112-ed27-408f-8e82-c2eb27cef09d","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Einzigartiges Naturerbe","subTitle":"Mit rund 20.000 Tieren beherbergt Norwegen die letzten Wildrentierbest\u00e4nde Europas. 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W\u00e4hrend die Art einst weite Teile Europas besiedelte, lebt heute fast die gesamte europ\u00e4ische Wildrentierpopulation in den Hochgebirgen S\u00fcdnorwegens. Dort ziehen die Tiere durch eine Landschaft aus offenen Hochebenen, Mooren, Seen und kargen Fjellregionen oberhalb der Baumgrenze. Mit rund 20.000 Tieren beherbergt Norwegen die letzten Wildrentierbest\u00e4nde Europas. Die Tiere verteilen sich auf 24 Wildrentierregionen, von denen die Hardangervidda mit Abstand gr\u00f6\u00dfte und bekannteste ist. Weitere wichtige Regionen sind Rondane, Sn\u00f8hetta, Setesdal-Ryfylkeheiane, Forollhogna und Knutsh\u00f8. Damit tr\u00e4gt Norwegen eine besondere Verantwortung f\u00fcr den Erhalt dieser einzigartigen Bergnomaden. Denn was f\u00fcr viele Besucher eine spektakul\u00e4re Gebirgslandschaft ist, ist f\u00fcr die Wildrentiere seit Jahrtausenden Heimat, Wanderkorridor und Lebensgrundlage zugleich.<\/p><p><strong>Das gr\u00f6\u00dfte Problem: zu wenig Platz<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Obwohl die Best\u00e4nde heute insgesamt als relativ stabil gelten, stehen die Wildrentiere vor erheblichen Herausforderungen. Das gr\u00f6\u00dfte Problem ist dabei nicht die Jagd, sondern der Verlust zusammenh\u00e4ngender Lebensr\u00e4ume. Als echte Wanderer sind Wildrentiere darauf angewiesen, zwischen Sommer- und Winterweiden \u00fcber gro\u00dfe, m\u00f6glichst ungest\u00f6rte Gebiete ziehen zu k\u00f6nnen. Wo fr\u00fcher ganze Herden ungehindert durch die Berge wanderten, treffen sie heute auf ein Netz aus Stra\u00dfen, Windparks, Stromleitungen und touristischer Infrastruktur. Besonders problematisch ist, dass sich die Auswirkungen vieler einzelner Eingriffe summieren. F\u00fcr den Menschen mag eine neue Stra\u00dfe, eine Stromtrasse oder ein weiteres Ferienhausgebiet kaum ins Gewicht fallen. F\u00fcr ein Wildrentier k\u00f6nnen jedoch mehrere solcher Hindernisse dazu f\u00fchren, dass traditionelle Wanderrouten aufgegeben und ganze Landschaftsbereiche gemieden werden. So entstehen nach und nach Barrieren, die die Lebensr\u00e4ume der Tiere weiter verkleinern und voneinander isolieren.<\/p><p><strong>Das Fjell als Freizeitpark<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Hinzu kommt die wachsende Nutzung des Gebirges durch den Menschen. Im Sommer sind Wanderer, Mountainbiker, Trailrunner und Hundebesitzer unterwegs. Im Winter folgen Langl\u00e4ufer, Schneemobile und zunehmend auch Snowkiter, die sich mit einem Lenkdrachen vom Wind \u00fcber die Hochebenen ziehen lassen.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">F\u00fcr die meisten Menschen ist das Fjell ein Ort der Erholung. F\u00fcr das Wildrentier bedeutet dies zus\u00e4tzlichen Stress. Die Tiere reagieren \u00e4u\u00dferst empfindlich auf St\u00f6rungen und meiden Weidegebiete und verbrauchen unn\u00f6tig Energie. Aus Sicht eines Rentiers ist das norwegische Hochgebirge l\u00e4ngst kein menschenleeres Fjell mehr, sondern gelegentlich ein un\u00fcbersichtlicher Abenteuer- und Freizeitpark.&nbsp;<\/p><p><strong>Albtraum CWD<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Als 2016 erstmals die Chronic Wasting Disease (CWD) bei Wildrentieren in der Nordfjella nachgewiesen wurde, war die Aufregung gro\u00df. Schlie\u00dflich handelte es sich um den ersten bekannten Fall dieser t\u00f6dlichen Prionenerkrankung bei Wildrentieren in Europa. Die Reaktion der Beh\u00f6rden war entsprechend drastisch: Die gesamte Wildrentierpopulation der Nordfjella-Zone 1 mit rund 2.000 Tieren wurde entfernt, um eine Ausbreitung der Krankheit auf andere Best\u00e4nde zu verhindern. Anschlie\u00dfend blieb das Gebiet mehrere Jahre praktisch rentierfrei, bevor mit einer vorsichtigen Wiederansiedlung begonnen wurde.&nbsp;<\/p><p><strong>Der gro\u00dfe Kahlschlag<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Aus Sicht vieler Wildtierbiologen war das ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher, aber nachvollziehbarer Schritt: Lieber eine Herde verlieren, als die Krankheit im gesamten norwegischen Wildrentierbestand zu etablieren. F\u00fcr viele J\u00e4ger war die Ma\u00dfnahme dagegen ein Schock. Nicht eine Naturkatastrophe, ein harter Winter oder \u00dcberbejagung hatten eine traditionsreiche Rentierpopulation verschwinden lassen, sondern eine bewusste Entscheidung des Staates. Schlie\u00dflich ist man es gewohnt, dass Beh\u00f6rden Jagdquoten festlegen und Formulare verschicken, nicht dass sie gleich eine ganze Herde von der Landkarte entfernen. Als der Staat zwischen einem potenziellen CWD-Reservoir und einer bestehenden Population w\u00e4hlen musste, fiel die Entscheidung zugunsten der Seuchenbek\u00e4mpfung aus. F\u00fcr Biologen war das ein mutiger Managementschritt, f\u00fcr manche J\u00e4ger f\u00fchlte es sich eher an, als w\u00fcrde vorsorglich ein ganzes Kapitel norwegischer Jagdgeschichte und Tradition gel\u00f6scht. Dennoch waren sich die meisten in einem Punkt einig: Amerikanische Verh\u00e4ltnisse, in denen CWD inzwischen in zahlreichen Hirschbest\u00e4nden dauerhaft vorkommt, wollte niemand riskieren. Die eigentliche Debatte drehte sich daher weniger um das Ziel als um die Frage, wie weit der Staat gehen darf, um dieses Ziel zu erreichen. Wie so oft im Wildtiermanagement herrschte erstaunlich viel Einigkeit dar\u00fcber, dass etwas unternommen werden musste, aber deutlich weniger Einigkeit dar\u00fcber, was genau.<\/p><p><strong>Wenn Rentiere Politik werden<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Seitdem werden erlegte Wildrentiere intensiv \u00fcberwacht. J\u00e4ger liefern Proben an, Wissenschaftler analysieren Gewebe und Beh\u00f6rden versuchen herauszufinden, ob die Krankheit irgendwo erneut auftaucht. Das Ergebnis ist eines der umfangreichsten \u00dcberwachungsprogramme f\u00fcr Wildtiere weltweit. Ein norwegisches Wildrentier kann sich nach dem Abschuss ziemlich sicher sein, dass mehr Menschen sein Gehirn untersuchen werden, als es sich jemals h\u00e4tte tr\u00e4umen lassen. Die Politik rund um CWD ist mittlerweile fast genauso interessant wie die Krankheit selbst. Viele Ma\u00dfnahmen zum Schutz der Wildrentiere haben n\u00e4mlich nur am Rande mit Jagd zu tun. Stattdessen geht es um Stra\u00dfen, Windkraftanlagen, Stromleitungen, Tourismus, Ferienhaussiedlungen oder Wanderwege. Damit wird die Diskussion schnell politisch. Fast alle sind f\u00fcr den Schutz der Wildrentiere, solange die Einschr\u00e4nkungen vorzugsweise die anderen betreffen. So entsteht gelegentlich der Eindruck, dass die Wildrentiere gleichzeitig vor Touristen, Ferienh\u00e4usern, Stra\u00dfen, Eisenbahnen, Mountainbikern, Snowkitern, Windparks und gelegentlich auch vor schlecht erzogenen Hunden gerettet werden m\u00fcssen. Das Problem ist nur, dass hinter all diesen Aktivit\u00e4ten ebenfalls gesellschaftliche Interessen stehen.<\/p>"}},{"identifier":"b5333833-2d6b-4e53-9cee-2aca9bc50746","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/7485361be4a8de8a342c6f4a0e7aea30f2ad5925\/Bilder_1200x616_Jagareien-Norwegen_01-1024x526.jpg","caption":"<p>Viele Ma\u00dfnahmen zum Schutz der Wildrentiere haben nur am Rande mit Jagd zu tun. Vordergr\u00fcndig geht es um die Eind\u00e4mmung von Stra\u00dfen, Windkraftanlagen, Stromleitungen, Tourismus, Ferienhaussiedlungen oder Wanderwege.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"b0b9d621-ef64-4583-96bd-4e6b107557f8","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Windr\u00e4der oder Rentiere?<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Besonders interessant wird es, wenn verschiedene Umweltziele aufeinandertreffen. Einerseits m\u00f6chte man die gr\u00fcne Energiewende voranbringen, andererseits brauchen Wildrentiere gro\u00dfe, m\u00f6glichst ungest\u00f6rte Lebensr\u00e4ume. So kann es durchaus vorkommen, dass dieselben Menschen, die heute f\u00fcr mehr Windkraft argumentieren, morgen gegen Windkraft in einem Wildrentiergebiet protestieren. Das macht die Debatte nicht einfacher, sorgt aber regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr ausgezeichneten Gespr\u00e4chsstoff in Jagdh\u00fctten, Gemeinder\u00e4ten und den Kommentarspalten norwegischer Zeitungen und des Internets.&nbsp;<\/p><p><strong>Der lange Weg zur Jagdkarte<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die Wildrentierjagd findet in Norwegen traditionell im Sp\u00e4tsommer und Fr\u00fchherbst statt. In den meisten Wildrentiergebieten beginnt die Jagd am 20. August und endet je nach Gebiet zwischen dem 20. und 30. September. Damit ist die Saison relativ kurz, was die Jagd zus\u00e4tzlich spannend macht. Das norwegische System der Rentierjagd ist eigentlich ganz einfach: Die Rentiere halten sich nicht an Grundst\u00fccksgrenzen, die Menschen aber schon. Jedes Jahr wird f\u00fcr jedes Wildrentiergebiet festgelegt, wie viele Tiere entnommen werden d\u00fcrfen. Auf dieser Grundlage werden Jagdkarten vergeben, die oft f\u00fcr bestimmte Tierkategorien gelten, etwa Kalb, Tier oder Bock. Ziel ist nicht, m\u00f6glichst viele Tiere zu erlegen, sondern einen gesunden Bestand zu erhalten.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Wer und wie man \u00fcberhaupt an eine solche Jagdkarte gelangt, ist allerdings eine andere Frage. Die Jagdrechte selbst geh\u00f6ren den Grundeigent\u00fcmern. Diese k\u00f6nnen selbst jagen, Jagdkarten an Freunde vergeben oder die Jagd an andere J\u00e4ger verkaufen oder verpachten. In vielen Wildrentiergebieten werden Jagdkarten von privaten Grundeigent\u00fcmern, Allmenden, Fjellstyren oder der staatlichen Forstverwaltung Statskog vergeben. Besonders begehrt sind die Karten f\u00fcr gro\u00dfe und bekannte Gebiete wie Hardangervidda, Rondane oder Sn\u00f8hetta. F\u00fcr manche Bereiche k\u00f6nnen sich J\u00e4ger \u00fcber \u00f6ffentliche Ausschreibungen oder Verlosungen bewerben. Statskog vergibt beispielsweise einen Teil der Villreinjagd \u00fcber elektronische Losverfahren, bei denen die Nachfrage oft deutlich gr\u00f6\u00dfer ist als das Angebot. Mit anderen Worten: F\u00fcr die meisten J\u00e4ger beginnt die eigentliche Rentierjagd bereits Monate vor dem 20. August, n\u00e4mlich bei dem Versuch, \u00fcberhaupt an eine Jagdkarte zu gelangen.<\/p><p><strong>Jagd auf Bergnomaden<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Der wirklich interessante Teil beginnt jedoch erst drau\u00dfen im Fjell. Ein Rentier kann heute auf Grundst\u00fcck A stehen und morgen zehn Kilometer weiter auf Grundst\u00fcck B. Damit die Jagd unter solchen Bedingungen \u00fcberhaupt funktionieren kann, schlie\u00dfen viele Grundeigent\u00fcmer sogenannte \u00dcbergangsvereinbarungen ab. Diese erlauben es den J\u00e4gern, mit ihrer Jagdkarte auch in benachbarten Revieren zu jagen. Teilweise gilt das gegenseitig, teilweise nur in eine Richtung. In manchen Gebieten geht die Zusammenarbeit sogar noch weiter. Dort bestehen gro\u00dffl\u00e4chige Gemeinschaftsjagden, bei denen mehrere Reviere praktisch als ein einziges Jagdgebiet behandelt werden. Dadurch k\u00f6nnen die J\u00e4ger den wandernden Herden folgen, anstatt frustriert an einer imagin\u00e4ren Grenzlinie stehen zu bleiben und den Rentieren hinterherzuwinken.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Nach dem Abschuss endet die B\u00fcrokratie noch lange nicht. Die Tiere m\u00fcssen registriert werden, h\u00e4ufig werden Gewichte erfasst, Kieferknochen eingesammelt oder Gewebeproben entnommen. Diese Daten liefern wichtige Informationen \u00fcber den Zustand der Best\u00e4nde. In den letzten Jahren spielt insbesondere die \u00dcberwachung der Chronic Wasting Disease (CWD) eine zentrale Rolle, sodass so manches Rentier nach seinem Tod wissenschaftlich gr\u00fcndlicher untersucht wird als zu Lebzeiten beob-<br>achtet.&nbsp;<\/p><p><strong>Sonne, Nebel und Rentiertr\u00e4ume<\/strong><\/p><p>Die Rentierjagd in Norwegen ist f\u00fcr viele die wohl urspr\u00fcnglichste Form der Jagd in Europa. Sie bedeutet lange M\u00e4rsche durch einsame Fjelllandschaften, schwere Rucks\u00e4cke, N\u00e4chte im Zelt und vor allem eines: Ungewissheit. Die Hochebenen der Vidda sind zwar selten besonders steil, k\u00f6nnen einem aber trotzdem alles abverlangen. Wer eine Jagdh\u00fctte nutzen kann oder jemanden mit einer H\u00fctte im Revier kennt, hat Gl\u00fcck. Alle anderen tragen ihr Zuhause f\u00fcr eine Woche auf dem R\u00fccken.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die Jagd bewegt sich st\u00e4ndig zwischen Traum und Albtraum. An guten Tagen ist sie der wahre J\u00e4gertraum schlechthin: Man sitzt auf einem sonnengew\u00e4rmten Bergr\u00fccken, blickt kilometerweit \u00fcber die Vidda und sucht mit dem Fernglas den Horizont ab. Der Anblick einer Rentierherde, die wie aus dem Nichts in der Weite der Landschaft auftaucht, bleibt unvergesslich. \u00dcber das Jagdradio kursieren derweil die neuesten Ger\u00fcchte: Wo wurden Tiere gesehen? Wohin sind sie gezogen? Und warum stehen sie garantiert \u00fcberall, nur nicht dort, wo man gerade sitzt? An schlechten Tagen besteht die Aussicht dagegen aus Nebel, etwas mehr Nebel und gelegentlich besonders dichtem Nebel. Alternativ verbringt man auch eine Woche damit, herauszufinden, warum norwegische Regenkleidung als technische Meisterleistung gilt.<\/p><p><strong>Was muss in den Rucksack?<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Fragt man zehn norwegische Rentierj\u00e4ger, was f\u00fcr eine Woche auf der Vidda unbedingt mitmuss, erh\u00e4lt man mindestens f\u00fcnfzehn verschiedene Antworten. Einig sind sich die meisten lediglich bei einem Punkt: Gute Bergschuhe sind unverzichtbar. Danach beginnt die Glaubensfrage. Die einen behaupten, ein echter Rentierj\u00e4ger brauche nur Gewehr, Fernglas und eine Packung Kn\u00e4ckebrot. Andere schleppen Rucks\u00e4cke in die Berge, die gro\u00df genug wirken, um notfalls ein kleines Familienunternehmen umzusiedeln. Dazwischen finden sich jene, die fest davon \u00fcberzeugt sind, dass ein bestimmtes Fernglasmodell, ein spezieller Kocher oder eine ganz bestimmte Wollsocke \u00fcber Erfolg und Misserfolg entscheidet. Entsprechend leidenschaftlich verlaufen die Diskussionen in Jagdforen und sozialen Medien. Dort wird mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit er\u00f6rtert, ob man zwei oder drei Ersatzunterhosen ben\u00f6tigt, ob ein Zelt 1,8 oder 2,1 Kilogramm wiegen darf und ob ein Kocher wirklich notwendig ist oder ob man einfach darauf vertrauen sollte, dass der Kumpel einen dabeihat. Bei einem weiteren Punkt herrscht allerdings vollst\u00e4ndige Einigkeit: Kaffee muss mit! Am Ende zeigt die Praxis aber meist eine unbequeme Wahrheit: Der J\u00e4ger mit der neuesten Hightechausr\u00fcstung sitzt meist genauso im Nebel wie der Kollege mit dem drei\u00dfig Jahre alten Rucksack und dem Schie\u00dfpr\u00fcgel. Und wenn die Rentiere beschlie\u00dfen, heute irgendwo anders zu sein, helfen weder Carbon-Lochschaft noch die f\u00fcnfte Lage Merinowolle.<\/p><p><strong>Der Wind macht die Jagd<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">F\u00fcr Rentierj\u00e4ger entscheidet der Wind nicht nur dar\u00fcber, ob die Tiere den J\u00e4ger wittern k\u00f6nnen. Oft entscheidet er bereits Tage vorher dar\u00fcber, ob \u00fcberhaupt Rentiere im Jagdgebiet stehen. Wildrentiere ziehen h\u00e4ufig gegen den Wind oder orientieren ihre Wanderungen an den vorherrschenden Wetterlagen. Auf den weiten Hochebenen S\u00fcdnorwegens k\u00f6nnen stabile Windrichtungen \u00fcber mehrere Tage ganze Herden in Bewegung setzen. Bl\u00e4st der Wind beispielsweise l\u00e4ngere Zeit aus Westen, k\u00f6nnen sich die Tiere \u00fcber viele Kilometer hinweg in den Westen verlagern. Dreht der Wind nach Osten, drehen auch die Rentiere. Erfahrene Rentierj\u00e4ger studieren daher Wetterkarten oft genauso aufmerksam wie Landkarten. Nicht wenige sind \u00fcberzeugt, dass sie die ungef\u00e4hre Position der Herden eher anhand des Windberichts als anhand der Beobachtungen vom Vortag vorhersagen k\u00f6nnen. Was gestern noch ein vielversprechendes Jagdgebiet war, kann heute v\u00f6llig leer sein, w\u00e4hrend sich die Tiere pl\u00f6tzlich auf der anderen Seite der Vidda sammeln. Auf der Rentierjagd jagt man eigentlich nicht die Rentiere, sondern den Wind. Wer den Wind versteht, findet vielleicht die Herde. Wer den Wind ignoriert, findet meistens nur andere J\u00e4ger, die denselben Fehler gemacht haben.<\/p>"}},{"identifier":"6460a8cc-32a7-492e-b3a2-0ce9c6d1ae5c","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/75cc88e2b15d50a6245c8b77ea73e05b4b9d5ccd\/Bilder_1200x616_Jagareien-Norwegen_03-1024x526.jpg","caption":"<p>Der Schuss markiert nicht das Ende der Jagd, sondern den Beginn der Schlepperei.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"e2ace2c9-696d-42c2-a000-13978b782c49","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Geteilte Herde, geteiltes Leid<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die eigentliche Herausforderung beginnt, wenn man tats\u00e4chlich eine Herde entdeckt. Denn meistens haben auch andere J\u00e4ger dieselbe Herde gesehen. Pl\u00f6tzlich starten von allen Seiten mehr oder weniger elegante Pirschversuche. Besonders spannend wird es, wenn irgendein \u00fcbermotivierter Kollege die Herde durch eine kleine Unachtsamkeit in die Flucht schl\u00e4gt. Es ist erstaunlich, wie schnell sich mehrere Stunden sorgf\u00e4ltiger Planung in Hunderte galoppierende Rentiere verwandeln k\u00f6nnen. Nach solchen Szenen tauchen hinter Felsbl\u00f6cken oder Gel\u00e4ndekanten oft weitere frustrierte J\u00e4ger auf, die offensichtlich denselben Plan verfolgt haben. Man nickt sich kurz zu. Worte sind meist \u00fcberfl\u00fcssig. Mindestens genauso frustrierend ist die Situation, wenn der Nachbarj\u00e4ger genau jenes Rentier erlegt, das die Herde eigentlich direkt an einem vorbeif\u00fchren sollte. Der Schuss f\u00e4llt, die Tiere drehen ab und verschwinden mit beeindruckender Geschwindigkeit \u00fcber s\u00e4mtliche Berge der Umgebung. In solchen Momenten lernt man viel \u00fcber Gelassenheit. Besonders faszinierend ist das Verhalten der Tiere, wenn sie Wind von Menschen bekommen. Dann zieht sich eine weit verstreute Herde innerhalb kurzer Zeit zu einem kompakten Kn\u00e4uel zusammen und marschiert geschlossen davon. F\u00fcr den J\u00e4ger ist das eher unerquicklich, denn geschossen werden darf nat\u00fcrlich nur auf frei stehende Tiere. Wer einen kleinen Trupp oder einzelne Tiere entdeckt, hat die Sache meist deutlich einfacher.<\/p><p><strong>B\u00f6cke fallen fr\u00fch<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Vor der Brunft sind die B\u00f6cke in kleineren Junggesellentrupps unterwegs. Diese lassen sich meist leichter anpirschen als Herden mit Tieren und K\u00e4lbern. Nahezu alle B\u00f6cke werden bereits vor der Brunft erlegt, oft sogar noch im Bast. F\u00fcr einen \u00f6sterreichischen J\u00e4ger wirkt das beinahe wie ein Sakrileg. Schlie\u00dflich geh\u00f6ren Brunfthirsche im Alpenraum zu den H\u00f6hepunkten des Jagdjahres. Und einen Ier-Hirsch im Bast zu erlegen, w\u00fcrde man nicht einmal machen, wenn es erlaubt w\u00e4re. In Norwegen gibt es daf\u00fcr jedoch einen sehr praktischen Grund. Eine gute Bekannte, Rentierbiologin und tief in der Telemark verwurzelt, brachte es einmal im breitesten Dialekt auf den Punkt: \u201eDu kan ikkje eta den forbanna reinsbukken n\u00e5r\u2018n \u00e6 i brunsten!\u201c F\u00fcr den \u00f6sterreichischen J\u00e4ger \u00fcbersetzt: \u201eA so an verdammtn Rentierbock kannst net fressn, wann a in da Brunft is!\u201c Tats\u00e4chlich entwickeln \u00e4ltere Brunftb\u00f6cke einen ausgesprochen intensiven Eigengeschmack, der selbst durch sorgf\u00e4ltiges Aufbrechen und beste Wildbrethygiene nur begrenzt zu beeinflussen ist. Viele glauben, dass die Arbeit mit dem Schuss endet. Erfahrene Rentierj\u00e4ger wissen: Der Schuss markiert nicht das Ende der Jagd, sondern den Beginn der Schlepperei. Pl\u00f6tzlich m\u00fcssen ein Rentier, die gesamte Ausr\u00fcstung und die eigenen m\u00fcden Beine gemeinsam zur\u00fcck zur Stra\u00dfe. Kein Wunder, dass manche J\u00e4ger lieber einen Hubschrauber anrufen. Ein paar Tausend Kronen wirken erstaunlich g\u00fcnstig, wenn die Alternative darin besteht, ein Rentier stundenlang durch das Fjell zu tragen.<\/p><p><strong>Was Rentiere wirklich wollen<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">F\u00fcr viele J\u00e4ger mag es \u00fcberraschend klingen: Die wichtigste Aufgabe des modernen Wildrentiermanagements besteht heute oft nicht darin, die Zahl der Tiere zu regulieren. Die gr\u00f6\u00dfere Herausforderung besteht darin, ausreichend Raum f\u00fcr die Wanderungen der Herden zu erhalten. Die Jagd bleibt dabei ein wichtiger Bestandteil einer nachhaltigen Bewirtschaftung. \u00dcber die Zukunft des Wildrentiers entscheiden jedoch zunehmend Fragen der Raumplanung, des Tourismus, der Energiepolitik und des Naturschutzes. Die zentrale Frage lautet heute h\u00e4ufig nicht: Wie viele Rentiere sollen wir haben? Sondern: Wo k\u00f6nnen die Rentiere \u00fcberhaupt noch ungest\u00f6rt leben? Das norwegische Wildrentier hat eigentlich recht bescheidene W\u00fcnsche: viel Platz, wenig Verkehr und gelegentlich einen Tag ohne Wanderer, Snowkiter, Drohnenpiloten, Windparks oder Ferienhausprojekte. Ein Wunsch, den vermutlich auch so mancher Rentierj\u00e4ger gut nachvollziehen kann.<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Andreas Zedrosser<\/em><\/p>"}}]}