{"identifier":"fb1f2db5-173c-4453-98ea-ec7b59877cd3","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Geliebtes Elend","subTitle":"Zur Zeit der ersten H\u00fchnerjagden hing \u00fcber den Fel\u00addern der Ruch der Kartoffelfeuer. 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Kein Politiker h\u00e4tte gewagt, davon zu schwafeln, wir m\u00fcssten wieder \u201ekriegst\u00fcchtig\u201c werden. Er h\u00e4tte es vielleicht nicht \u00fcberlebt. Dennoch: Das, was wir heute Langwaffen nennen, durfte jeder Erwachsene frei erwerben. Er musste sie nicht einmal anmelden. Die Zahl der mit solchen Waffen begangenen Verbrechen ebenso wie jene der Unf\u00e4lle war \u2013 ver-glichen mit heute \u2013 gering.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">H\u00e4tte diesseits des Eisernen Vorhangs ein Politiker die Registrierung von simplen Flinten oder die Pflicht, diese in genormte Stahlschr\u00e4nke zu sperren, gefordert, w\u00e4re er postwendend den Kommunisten zugeordnet worden: \u201eDann geh doch r\u00fcber!\u201c&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Wir Buben profitierten von diesem Geist. Fast jeder hatte ein ordentliches Messer in der Hose, oft auch in der Schule, und h\u00e4ufig hing im Elternhaus Opas Flinte am Kleiderhaken. Wer aus einem Forst- oder J\u00e4gerhaus kam, hatte seinen ersten Hasen nicht selten schon als Zw\u00f6lfj\u00e4hriger erlegt. Motto: \u201eIrgendwann muss er es ja lernen.\u201c<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Mit der J\u00e4gerpr\u00fcfung begann das richtige Leben \u2013 vielleicht die erste H\u00fchnerjagd. Ohne Probleme fuhr man mit der Bahn ins Revier: Rucksack und Flinte offen auf dem Buckel, das Plesshorn an der Seite. Mit diesem erregten wir Buben damals mehr Misstrauen als mit einer Flinte. Man war ja kein Preu\u00dfe und wollte keiner sein. K\u00f6niggr\u00e4tz hatte die Preu\u00dfen den \u00d6sterreichern zum Feind gemacht. Pless (Pszczyna) \u2013 Geburtsort des gleichnamigen Jagdhorns \u2013 lag nur gut 30 Kilometer \u00f6stlich von K\u00f6niggr\u00e4tz.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Das K\u00f6nigreich Hannover, in jener Zeit unter englischer Herrschaft, aber an der Seite \u00d6sterreichs k\u00e4mpfend, wurde 1866 von Preu\u00dfen annektiert. Ohne zu z\u00f6gern, verboten die Preu\u00dfen den k\u00f6niglich hannoverschen F\u00f6rstern die Verwendung ihrer Signalh\u00f6rner und erzwangen \u2013 ausgenommen der Saupark Springe \u2013 die Verwendung des Plesshorns. Als F\u00fcrst Hans Heinrich XI. von Pless sp\u00e4ter auch noch Oberstj\u00e4germeister von Wilhelm II. wurde, war das Plesshorn ein preu\u00dfisches Symbol.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Kein \u00d6sterreicher h\u00e4tte nach K\u00f6niggr\u00e4tz ein solches Horn geblasen! Erst in den 1950er-Jahren brachte der ehemalige K\u00e4rntner Landesj\u00e4germeister Georg Thurn-Valsassina das bis dahin im heiligen \u00d6sterreich weitgehend unbekannte Plesshorn nach K\u00e4rnten. Heute gilt es als uralte, alpenl\u00e4ndische Tradition \u2026<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Zur\u00fcck zur H\u00fchnerjagd: Mein Freund Alois und ich waren zur H\u00fchnerjagd eingeladen. Ob sich der aus Bregenz stammende Jagdp\u00e4chter gerade von uns zwei \u201eBuben\u201c viel Hilfe erwartet hatte, ist nicht verb\u00fcrgt. H\u00fchner gab es jedenfalls genug.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Wir mochten zehn Sch\u00fctzen gewesen sein und streiften mit zwei oder drei Vorstehhunden breit die Felder ab. Die Landschaft war noch keine seelenlose Agrarsteppe. Schmale Streifen mit R\u00fcben, Mais, Hafer, Klee und Kohl wechselten einander ab. Zur Zeit der ersten H\u00fchnerjagden hing \u00fcber den Feldern der Ruch der Kartoffelfeuer. F\u00fcr m\u00e4andernde, mit Schilf ges\u00e4umte Gr\u00e4ben, f\u00fcr Sandwege und mitten in den \u00c4ckern stehende, das Bild der Landschaft beherrschende Eichen fand sich noch Platz und Verst\u00e4ndnis.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die vor Anfang September kaum irgendwo bejagten H\u00fchner lagen fest, ebenso fest standen die Hunde vor. Der Schuss auf die abstreichenden H\u00fchner war auch f\u00fcr uns Anf\u00e4nger wenig anspruchsvoll. Wie viele H\u00fchner an jenem Samstagnachmittag auf der Strecke lagen, wei\u00df ich nicht mehr, wohl aber dass wir beiden Buben gar nicht so schlecht schossen und am Abend jeder zwei H\u00fchner mit nach Hause nehmen durfte. Das machte uns unglaublich stolz!<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Und noch etwas pr\u00e4gte sich tief ein: Der Jagdaufseher hatte, als er unsere H\u00f6rner sah, etwas ironisch gefragt, ob wir nach der Jagd noch \u201eMusik\u201c machen wollten. Er riet uns, die Trompeten in den Rucksack zu stecken. Kommentar: \u201eDes mache blo\u00df d\u2018 Prei\u00dfe.\u201c<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Das rangh\u00f6chste Wild jener Jagd, ein f\u00fcr krank erkl\u00e4rter Jahrlingssechser, wurde ohnehin im Kofferraum des Jagdaufsehers zur Strecke gelegt. Auch das war in jener Zeit nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich. Noch wurden auf vielen Niederwildjagden \u2013 je nach \u201eK\u00fcchenlage\u201c \u2013 so nebenher Rehe geschossen. Selbstverst\u00e4ndlich mit der Flinte. Die Alten schossen und schwiegen. Es war halt, wie es vor jenen vorangegangenen geschichtstr\u00e4chtigen zw\u00f6lf Jahren Brauch und Praxis war.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Noch etwas blieb mir in Erinnerung: Nach der Jagd hatte der Jagdaufseher eine Liste, auf der das vorbestellte Wild notiert war. Heute d\u00fcrfen viele J\u00e4ger Wild, das sie nach der Jagd \u2013 notgedrungen \u2013 \u00fcbernahmen, nicht mehr mit nach Hause bringen. Das Rupfen von Federwild und das Abbalgen von Hasen und Kaninchen und erst recht das Zubereiten von Wildbret waren fr\u00fcher in einem J\u00e4gerhaushalt wirklich kein Thema. Dennoch waren damals die Scheidungsraten niedriger als heute.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Wer bei Freunden eingeladen war und einen pr\u00e4chtigen Fasanenhahn oder einen herbstfeisten Hasen als Gastgeschenk mitbrachte, war herzlich willkommen. Heute k\u00f6nnen daran Freundschaften zerbrechen \u2026<\/p><p style=\"text-align:justify;\">J\u00fcnger m\u00fcsste man sein, nein, nicht im Sinne einer religi\u00f6sen Gemeinschaft. J\u00fcnger an Lebensjahren ist gefragt. An die Zukunft m\u00fcsste man glauben k\u00f6nnen, dann w\u00e4re der Handel mit veganem, auf Soja basierendem Wildbret wahrscheinlich eine lohnende Gesch\u00e4ftsidee. Dazu vegane Troph\u00e4en aus Kunstharz mit G\u00fctesiegel: CIC-zertifiziert, Staub abweisend und absolut glutenfrei. Und gerade im November, wo wir alle zu gl\u00e4ubigen Besuchern von Hubertusmessen werden, f\u00e4nde der vegane, weil aufblasbare Hubertushirsch vor dem Altar f\u00fcr Tiersch\u00fctzer und Gelegenheitsgl\u00e4ubige seinen Platz!<\/p><p style=\"text-align:justify;\">\u00dcbrigens: In den 1950er-Jahren brachte die Firma Remington die Nylon 66 auf den Markt. Das war ein Selbstlader im Kaliber .22 mit einem 14-Schuss-R\u00f6hrenmagazin und einem Schaft aus Polymer. Wenn wir so wollen, war es die erste \u201evegane B\u00fcchse\u201c f\u00fcr den J\u00e4ger! Nur den Begriff kannten wir noch nicht.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Der eine oder andere Leser wird fragen: Was hat der alte N\u00f6rgler wieder geraucht, ehe er diesen Beitrag schrieb? Nichts \u2013 nur einen Earl Grey hat er getrunken! Die Erinnerung an das Gewesene und das Bewusstsein, dass es vorbei ist, haben ihm die Feder gef\u00fchrt.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Halt \u2013 da ist ja noch das Angebot, an einer \u201eklassischen\u201c H\u00fchnerjagd in einem Nachbarland teilzunehmen. Einen PR-Beitrag m\u00fcsste man daf\u00fcr schreiben, mehr nicht. Dennoch oder gerade deshalb: Was soll einen sich immer noch weitgehend gesund f\u00fchlenden Menschen veranlassen, f\u00fcr die T\u00f6tung etlicher armer Kreaturen aus Massenaufzucht sein eigenes Ich der Verelendung preiszugeben?<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Nein \u2013 er wird noch einmal dort sein, wo alles angefangen hat. Er wird mit der Gef\u00e4hrtin im Garten des Goldenen Ochsen hocken. Vor sich zwei goldbraune, duftende Perdices aus der Zucht eines els\u00e4ssischen Bauern, der ihnen kurz und schmerzlos die H\u00e4lse umgedreht hat, so wie es Mutter, Gro\u00dfmutter und Urahn mit anderem Hausgefl\u00fcgel schon taten. Ohne stressigen Transport zur \u201eHinrichtungsst\u00e4tte\u201c, ohne Weichschuss, quetschendes Hundemaul und Halali.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Im letzten Abendlicht wird in den Gl\u00e4sern der Zweigelt aus dem Elsass schimmern, und das alles ohne Verrat an der eigenen \u00dcberzeugung und Gesinnung.<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Bruno Hespeler<\/em><\/p>"}}]}