{"identifier":"5642509e-76b7-4027-b69c-bc38e75486e5","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Tierische Dialekte","subTitle":"Die Laut\u00e4u\u00dferungen von Tieren unterscheiden sich regional voneinander. Es sind keine Dialekte im menschlichen Sinne, dennoch tragen sie zum Zusammenhalt innerhalb einer Gruppe und der Abgrenzung nach au\u00dfen bei.","teaserText":null,"uriPathSegment":"tierische-dialekte","dateTime":null,"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/550a6e2a8d7f79146472e83bb74df57831c8e0dd\/Bilder_1200x616_Boerner_01-1024x526.jpg","images":[],"categories":[{"identifier":"aff27094-6b27-4f5b-9bd4-bfadbb2b7fba","title":"Im Revier"}],"categories2":[],"public":null},"childNodes":[{"identifier":"ddfc6713-52f4-4cab-964e-226ec30afe12","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Die unterschiedlichen Mundarten der deutschen Sprache k\u00f6nnen einem gelegentlich ein kleines Schmunzeln abringen. Dialekte sind in erster Linie aber identit\u00e4tsstiftend und Menschen stellen damit unmissverst\u00e4ndlich ihre kulturelle Herkunft dar. Sie sind Ausdruck abweichender sprachlicher Entwicklungen und spiegeln regionale Vielfalt wider. Das, was beim Menschen seit jeher \u00fcblich ist, wird seit einiger Zeit in \u00e4hnlicher Weise auch bei verschiedenen Wildtierarten beobachtet. Denn bei diversen Spezies l\u00e4sst sich zweifelsfrei zeigen, dass sie sich regional abweichend voneinander artikulieren. Besonders prominent ist das bei unseren Singv\u00f6geln. Grunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich dabei zun\u00e4chst einmal zeigen, dass sie abh\u00e4ngig vom Lebensraum unterschiedlich laut singen. Im lauten Umfeld einer Stadt wird entsprechend auch lauter gesungen. Das betrifft aber nicht nur die st\u00e4dtischen Singv\u00f6gel. Auch st\u00e4dtische Stockenten m\u00fcssen gewisserma\u00dfen gegen den urbanen L\u00e4rm ank\u00e4mpfen und schnattern lauter als auf dem Lande.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p><strong>Lokale Besonderheiten&nbsp;<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Im Sinne dialektischer Unterschiede finden sich bei V\u00f6geln jedoch tats\u00e4chlich regionaltypisch auftauchende Merkmale in ihren Ges\u00e4ngen. Dabei unterscheiden sich die Tonh\u00f6hen und -arten ihrer Strophen. Zwar singt f\u00fcr unsere Ohren eine Amsel in der Steiermark der Melodie nach wie eine von der Ostseek\u00fcste und ist auch \u00fcberall gut wiederzuerkennen. In den Sonogrammen kann man aber regionaltypische Eigenschaften nachweisen. Die Ges\u00e4nge sind aber nicht nur geografisch gesehen unterschiedlich. Sie ver\u00e4ndern sich auch \u00fcber die Zeit hinweg. Auch hier finden sich also auffallende Parallelen zu unserer Sprache, denn auch sie unterliegt bekannterma\u00dfen einer zeitlichen und kulturellen Ver\u00e4nderung.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die Stimme eines einzelnen Vogels ist generell sehr vielsagend. Bei Nachtigallen fand eine Kollegin in meinem Institut einmal heraus, dass es einen Zusammenhang zwischen der Intensit\u00e4t des Gesanges und der sp\u00e4teren Aufzuchtleistung gibt. Je kreativer, aufwendiger und intensiver der Gesang war, desto vitaler sind die betreffenden M\u00e4nnchen letztlich auch. Weibchen w\u00e4hlen diese Typen bevorzugt aus. Bez\u00fcglich der Stimme z\u00e4hlt aber nicht nur \u201eStehverm\u00f6gen\u201c. Bei der Goldammer fand man in diesem Zusammenhang heraus, dass die Weibchen Geschlechtspartner bevorzugen, die einen \u00e4hnlichen Dialekt haben wie sie selbst. Man bleibt also offenbar gern unter sich.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"078b08ce-ce1e-4177-9bbc-6b9f012a9a8d","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/b7e05174af2e3b73beb430d6ec1c7adc23dcfc1d\/Bilder_1200x616_Boerner_02-1024x526.jpg","caption":"<p>Wildschweine sind in der Lage, die Stimmen ihrer Rottenmitglieder zu erkennen. Elefanten und weitere Arten verwenden offenbar sogar individuelle Laute f\u00fcr bestimmte Artgenossen.<\/p>"}},{"identifier":"284135b4-f61a-4656-882c-f3dde2444403","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Gibt es Dialekte beim Rotwild?<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Wie es bez\u00fcglich regionaltypischer Unterschiede der Brunftschreie beim Rotwild aussieht, ergab eine Untersuchung vor einigen Jahren. Dabei verglich man die Akustik der Brunftrufe von Rothirschen aus S\u00fcdungarn mit denen von der Iberischen Halbinsel. Zur Analyse kamen insgesamt 5.535 Brunftrufe. Dabei wurden signifikante Unterschiede in der Struktur und Akustik der Hirsche aus den beiden Untersuchungsgebieten festgestellt. Die Schreie der ungarischen Hirsche wiesen eine geringere Frequenz auf. Sie schrien also mit tieferer Stimme. Die Schreie der iberischen Hirsche dagegen wiesen nicht nur eine h\u00f6here Frequenz auf, sie wurden auch deutlich l\u00e4nger gehalten. Ein weiterer Unterschied bestand darin, dass innerhalb von Rufserien kurze stakkatoartige Laute bei den \u201eUngarn\u201c deutlich h\u00e4ufiger zu h\u00f6ren waren als bei ihren spanischen Verwandten. Die Biologen schlussfolgerten, dass Brunftlaute ein n\u00fctzliches Instrument zur Unterscheidung von Populationen und Unterarten des Rothirsches sind. Inwieweit sich die Stimmen auf kleinteiliger Ebene im Sinne von Dialekten unterscheiden, ist bis hierhin nicht bekannt und m\u00fcsste untersucht werden. Vorstellbar ist das jedoch durchaus, insbesondere dann, wenn es sich um isolierte Vorkommen handelt.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p><strong>Pers\u00f6nliche \u201eAnsprache\u201c<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Dialekte beziehungsweise Laut\u00e4u\u00dferungen werden von Tieren selbst aber auch auf einer sehr individuellen Ebene eingesetzt. Wildschweine sind generell in der Lage, die Stimmen ihrer Rottenmitglieder zu erkennen. Bei anderen Arten wurde bereits festgestellt, dass offenbar sogar individuelle Laute f\u00fcr bestimmte Artgenossen verwendet werden. So haben Forscher der Colorado State University nachgewiesen, dass Elefanten individuell auf Rufe von Artgenossen reagieren. Zu diesem Zweck analysierte das Team Rufe von nahezu 100 Elefanten, die in den Jahren 1986 und 2022 in Kenia aufgenommen wurden. Dabei stellten die Biologen fest, dass die akustische Struktur der Rufe variiert und abh\u00e4ngig davon ist, welcher Elefant gemeint ist. Elefanten verwenden also personalisierte Rufe. Im weitesten Sinne kommunizieren sie also mit namens\u00e4hnlichen Signalen. Ob das bei unseren Sauen auch der Fall, ist leider unbekannt.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"dcf50e4d-fca6-4daa-ba41-7b5ef9def8f3","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/21249f073349002d5a86b5eb777d15634c21f52e\/Bilder_1200x616_Boerner_03-1024x526.jpg","caption":"<p>Orcas sind in der Lage, Dialekte anderer Schwertwale zu erkennen und sogar zu erlernen.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"321a6891-f8f9-41a5-bbec-8f9ac4986be5","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Dialektische Anpassungsk\u00fcnstler<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die Kommunikation von Tieren kann aber nicht nur geografisch verschieden sein. Manche sind sogar in der Lage, sich individuell ver\u00e4nderten Umst\u00e4nden und damit den jeweiligen kommunikativen Gepflogenheiten anzupassen. Ein faszinierendes Beispiel daf\u00fcr lieferte ein Orca in einem Aquarium in Vancouver. Dieser Schwertwal \u00fcbernahm nach einiger Zeit den Dialekt eines Weibchens. Nach ihrem Tod kehrte er zu seinem urspr\u00fcnglichen Dialekt zur\u00fcck. Sp\u00e4ter, als zwei neue Schwertwale in sein Becken gesetzt wurden, passte er sich erneut an und lernte ihren Dialekt. Auch wenn dieses Beispiel sicher nicht generalisiert werden kann, so zeigt es doch, welche kommunikative Anpassungsleistung auch im Sinne der Laut\u00e4u\u00dferungen m\u00f6glich ist.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Ein weiteres spannendes Beispiel liefern unsere Hunde. Forschungen legen nahe, dass sie ihr Bellen an der Sprechweise ihrer Halter ausrichten. Allerdings ahmen sie nicht den Dialekt nach. Vielmehr \u00fcbernehmen sie unbewusst das typische Sprechtempo und den Sprechrhythmus ihres Menschen, was sich in ihren Laut\u00e4u\u00dferungen bemerkbar macht.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Rein wissenschaftlich gesehen, k\u00f6nnen Dialekte beim Menschen nicht direkt mit denen bei Tieren verglichen werden. Dennoch k\u00f6nnen sich daraus interessante Informationen ableiten lassen. Denn sie \u00fcbernehmen teilweise sogar biologische Funktionen, indem eine Gruppenzugeh\u00f6rigkeit dargestellt oder die Partnerwahl beeinflusst wird. Es lassen sich dadurch aber auch Einblicke in evolutive Beziehungen gewinnen, wenn \u00e4hnliche Laut\u00e4u\u00dferungen auf eine gemeinsame Vergangenheit schlie\u00dfen lassen. Dialekte k\u00f6nnen auf der anderen Seite aber auch zu einer gewissen Abgrenzung f\u00fchren, wenn sie ganz \u00e4hnlich wie beim Menschen eine Kommunikationsbarriere schaffen. Das kann so weit gehen, dass sich verschiedene Vorkommen praktisch nicht mehr gegenseitig erkennen. So ist sogar die Entstehung neuer Arten m\u00f6glich. Ein bekanntes Beispiel daf\u00fcr sind Nachtigall und Sprosser. Sie entstammen urspr\u00fcnglich einer Art, die sich durch eiszeitliche Isolation trennte. Auch wenn Hybridisierungen grunds\u00e4tzlich noch m\u00f6glich w\u00e4ren, werden diese heute auch durch den unterschiedlichen Gesang weitgehend vermieden.<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Konstantin B\u00f6rner<\/em><\/p>"}}]}