{"identifier":"5b7248e5-b384-45cc-a1be-4266220d8a00","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Der Faktor Genetik","subTitle":"Es liegt in unserer Natur, alles optimieren zu wollen: bessere B\u00f6cke, st\u00e4rkere Hirsche, h\u00f6heres Wildbretgewicht. Die Evolution bewertet Merkmale allerdings nicht nach menschlichen Ma\u00dfst\u00e4ben, sondern nach ihrem Beitrag zur Fitness im jeweiligen Lebensraum.","teaserText":null,"uriPathSegment":"der-faktor-genetik","dateTime":{"date":"2026-10-28 01:00:00.000000","timezone_type":3,"timezone":"Europe\/Berlin"},"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/9b487e52f19775c2355424e97ac27c76acacbecd\/Bilder_1200x616_Boerner_01-1024x526.jpg","images":[],"categories":[{"identifier":"aff27094-6b27-4f5b-9bd4-bfadbb2b7fba","title":"Im Revier"}],"categories2":[{"identifier":"95596036-d5ee-4122-8f8a-fb68adad403c","title":"Rotwild"}],"public":null},"childNodes":[{"identifier":"6fcb1fc1-61e9-47c2-b554-b51e090b6d8c","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Die Wildbiologie hat in den vergangenen Jahren dank neuer Techniken zahlreiche bisher unbekannte Zusammenh\u00e4nge aufkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Besonders im Bereich der Genetik hat die rasante technische Entwicklung dazu beigetragen, wichtige Erkenntnisse zu gewinnen. Auf dieser Grundlage entwickelte sich ein v\u00f6llig neuer Blick auf die Evolutionsgeschichte und Artentstehung. Auch Prozesse wie die Isolation von Populationen oder die genetische Verarmung lassen sich mit modernsten Technologien neu betrachten. In diesem Zusammenhang wurde in der j\u00fcngeren Vergangenheit auch der besorgniserregende genetische Zustand verschiedener deutscher Rotwildvorkommen bekannt. Durch genetische Verfahren sind wir zudem aber auch in der Lage, besser zu verstehen, welche Faktoren im Leben von Wildtieren auf Umweltbedingungen zur\u00fcckzuf\u00fchren sind oder aber durch vererbbare Merkmale erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"0494a5e6-22e9-4f6a-bf32-a334dc9e93f4","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/f2bbc20235e1c536a09bc3bad111f7e34964c1e2\/Bilder_1200x616_Boerner_02-1024x526.jpg","caption":"<p>Ein h\u00f6heres Geburtsgewicht bei Rotwildk\u00e4lbern ist in der Regel mit einer besseren k\u00f6rperlichen Entwicklung und einer h\u00f6heren Wahrscheinlichkeit verbunden, sich erfolgreich fortzupflanzen.<\/p>"}},{"identifier":"9b68c2ec-ab8d-4790-9b40-90dfa9509b78","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Geburtsgewicht von Rotwild<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">In einer umfassenden schottischen Studie wurde beispielsweise untersucht, welche Faktoren das Geburtsgewicht von Rotwildk\u00e4lbern beeinflussen. Diese Erkenntnisse sind von besonderer Bedeutung, da das Geburtsgewicht einen erheblichen Einfluss auf das sp\u00e4tere Schicksal eines St\u00fcckes hat. Denn ein h\u00f6heres Geburtsgewicht ist in der Regel mit einer besseren k\u00f6rperlichen Entwicklung und einer h\u00f6heren Wahrscheinlichkeit verbunden, sich erfolgreich fortzupflanzen. Ein kr\u00e4ftiges und vitales Hirschkalb hat gute Aussichten, sich zu einem erfolgreichen Platzhirsch zu entwickeln. Wird der Anteil unklarer Einflussfaktoren au\u00dfer Acht gelassen und werden die verbleibenden Einflussgr\u00f6\u00dfen zu 100 Prozent aufgeteilt, ergibt sich folgendes Bild: Der Einfluss des jeweiligen Jahres mit seinen jeweils g\u00fcnstigen oder ung\u00fcnstigeren klimatischen Bedingungen wirkt sich auf das Geburtsgewicht nur zu etwa elf Prozent aus und ist somit relativ gering. Dieser Anteil kann jedoch in anderen Lebensr\u00e4umen h\u00f6her ausfallen, insbesondere wenn Wetterbedingungen besonders variabel sind. Der Lebensraum, in dem das setzende Alttier beziehungsweise das Rudel lebt, hat mit 34,6 Prozent einen deutlich gr\u00f6\u00dferen Einfluss. Besonders die \u00c4sungsbedingungen und St\u00f6rungen im Lebensraum spielen dabei eine \u00fcbergeordnete Rolle. Am deutlichsten zeigt die Untersuchung jedoch, dass die genetischen Voraussetzungen den gr\u00f6\u00dften Einfluss auf das Geburtsgewicht der K\u00e4lber haben \u2013 mit 56,4 Prozent. Dabei ist die Genetik der Mutter ebenso entscheidend, was in der jagdlichen Praxis, die h\u00e4ufig auf die Hirsche fokussiert ist, oft vernachl\u00e4ssigt wird.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p><strong>Genetik beim Reh weniger entscheidend<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Beim Reh spielen Umweltfaktoren eine gr\u00f6\u00dfere Rolle. Um hohe Durchschnittsgewichte (und damit auch starke Krickel) zu erreichen, m\u00fcssen sich die St\u00fccke in ihrem Lebensraum in erster Linie wohlf\u00fchlen. Das bedeutet, dass der Lebensraum geeignet sein muss und die soziale Konkurrenz durch andere Rehe moderat bleiben sollte.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Auch wenn bessere und schlechtere Rehlinien existieren, bleiben genetische Faktoren mit geringerem Gewicht. Ihr Anteil am Gesamteinfluss wird auf etwa 20 Prozent gesch\u00e4tzt. Das dr\u00fcckt sich auch dadurch aus, dass \u00fcber gezielte Verpaarungen nur ein geringer Einfluss genommen werden k\u00f6nnte. Selbst wenn man also gezielt ausw\u00e4hlen und z\u00fcchterisch planen k\u00f6nnte, bliebe der \u201eErfolg\u201c gering. Nach Berechnungen ist in diesem Zusammenhang eine theoretische Erh\u00f6hung der Geweihmasse um etwa 0,2 Prozent pro Jahr m\u00f6glich. Eine solche \u201eZ\u00fcchtung\u201c ist also nicht nur jagdpraktische Illusion, sie w\u00e4re nat\u00fcrlich auch biologisch \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdig.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p><strong>Genetik und der Einfluss auf Geweihe<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Beim Rotwild kommen entsprechende Studien zu dem Ergebnis, dass der Faktor Genetik etwa ein Drittel der Geweihst\u00e4rke ausmacht. Ein weiteres Drittel h\u00e4ngt von den jeweiligen Bedingungen des Jahres ab. Der Faktor Lebensraum macht f\u00fcr die Geweihe demnach lediglich etwa 15 Prozent aus. Dieser Wert erscheint auff\u00e4llig gering. Sein Einfluss f\u00e4llt auch deshalb so klein aus, weil allen Mitgliedern eines Bestandes nat\u00fcrlich auch mehr oder weniger der gleiche Lebensraum zur Verf\u00fcgung steht. Wichtig ist demnach, zu beachten, dass das Design der Studie also ebenfalls ausschlaggebend f\u00fcr den Aussagewert der Daten ist. Denn insgesamt spielt dieser Faktor auch bei dieser Art eine gr\u00f6\u00dfere Rolle, als die vorgenannten Zahlen vermuten lassen.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Zwei kleine Beispiele sollen uns behilflich sein, diesen Zusammenhang zu erkennen: In einer sehr gro\u00dfen, bekannten Umsiedlungsaktionen meiner Heimat wurden Hirsche aus Rominten und Ungarn in die Schorfheide verbracht. Es ist davon auszugehen, dass die ungarischen Hirsche zu diesem Zeitpunkt in etwa das doppelte Gewicht besa\u00dfen wie unsere m\u00e4rkischen Hirsche. Die Umsiedlung blieb jedoch erfolglos. Nach nur wenigen Jahren gingen die Geweihgewichte wieder zur\u00fcck. Nach etwa 30 Jahren waren die Durchschnittsgewichte wieder auf dem Niveau vor der Ma\u00dfnahme.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Im zweiten Beispiel wurden im Jahr 1870 sieben St\u00fcck Rotwild von Schottland nach Neuseeland verbracht und ausgewildert. Schottisches Rotwild geh\u00f6rt bekannterma\u00dfen zu den k\u00f6rperlich Schw\u00e4chsten seiner Art. Ausgewachsene Hirsche erreichen aufgebrochen nur selten ein Gewicht von 100 Kilo. Unter den neuen, deutlich g\u00fcnstigeren Lebensbedingungen gediehen die Hirsche jedoch hervorragend. Schnell erreichten die Hirsche sogar das Gewicht ungarischer Hirsche. Nach weiteren Generationen wuchs dort das st\u00e4rkste Rotwild der Welt heran. Die Beispiele unterstreichen deutlich den Einfluss des Lebensraumes.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"65335369-59f6-457a-a96d-e5be3f534198","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/www.anblick.at\/media\/thumbnail\/3ec3888e-8ca0-4961-af18-b6b09708797d","caption":""}},{"identifier":"d7cc36e5-79eb-4369-84d1-363ff370a79e","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Alte Hirsche sind gefragt<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Nat\u00fcrlich hat auch das Alter der Hirsche einen wesentlichen Einfluss auf die Geweihst\u00e4rke. In der zuvor erw\u00e4hnten schottischen Studie hatte dieser Faktor einen Einfluss von 18 Prozent. Ein Bestand, der nur junge Hirsche hat, kann eben auch nur geringe durchschnittliche Geweihgewichte erbringen.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Grunds\u00e4tzlich ist die Frage, welche Hirsche alt werden sollen, weniger entscheidend, als dass \u00fcberhaupt ein ausreichender Anteil die Mittelklasse \u00fcbersteht. Ein Abschuss, der auf bestimmten Kriterien basiert, stellt jedoch sicher, dass nicht jeder Hirsch willk\u00fcrlich und ohne Ansprechen erlegt werden kann. Aus meiner Sicht ist es nach wie vor empfehlenswert, diese Vorgehensweise beizubehalten. Auf diese Weise kann garantiert werden, dass ein gewisser Anteil der Hirsche das notwendige Alter erreicht. Denn Fakt ist, dass alte Hirsche biologisch gebraucht werden.&nbsp;<\/p><p><strong>Variabler Einfluss der Genetik<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Der Beitrag der Genetik zur Auspr\u00e4gung k\u00f6rperlicher Merkmale liegt je nach Merkmal und Studiendesign zwischen etwa 20 und 60 Prozent. Daraus folgt auch, dass innerhalb einer Population genetische Linien existieren, die hinsichtlich bestimmter Merkmale unterschiedlich veranlagt sind. Diese Unterschiede sind Ausdruck nat\u00fcrlicher genetischer Variation.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Aus wildbiologischer Sicht ist jedoch fraglich, ob gr\u00f6\u00dfere K\u00f6rperma\u00dfe grunds\u00e4tzlich als erstrebenswert angesehen werden d\u00fcrfen. K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe stellt vielmehr eine Anpassung an die jeweiligen Umweltbedingungen dar. Ein Berghirsch ist mit seiner geringeren K\u00f6rpermasse besser an seinen Lebensraum angepasst als ein gro\u00dfrahmiger Hirsch aus den Ebenen Ungarns. Gleiches gilt f\u00fcr die vergleichsweise kleinen schottischen Hirsche. Ihre K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe spiegelt die begrenzten Ressourcen ihres Lebensraums wider. Gr\u00f6\u00dfere Individuen k\u00f6nnten unter diesen Bedingungen ihren Energiebedarf kaum dauerhaft decken.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die Evolution bewertet Merkmale nicht nach menschlichen Ma\u00dfst\u00e4ben, sondern nach ihrem Beitrag zur Fitness im jeweiligen Lebensraum. Anpassung ist daher stets das Ergebnis des Zusammenspiels von Genetik und Umwelt. Die Natur \u201eentwickelt, verwirft und passt an\u201c, wie es Lebensraum und -bedingungen erfordern. Akzeptieren wir es.<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Konstantin B\u00f6rner<\/em><\/p>"}}]}