{"identifier":"150a8acc-a910-4840-b8ce-86b206efc6aa","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Leben und Tod","subTitle":"Der Gams setzte Schale um Schale in den br\u00fcchigen Fels. Gleich w\u00fcrde er das schmale Grasband erreichen, auf dem er \u00fcber den Grat wechseln konnte. Von weiter unten drangen lautes Menschengeschrei und Hubschrauberl\u00e4rm zu ihm herauf. 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Er wusste nur, dass er hier fort musste. Rotorenl\u00e4rm donnerte lauter als die Lawinen, die er vom Winter her kannte, und wurde hundertfach von den Felsformationen zur\u00fcckgeworfen. J\u00e4h von seinem Nachtlager aufgescheucht, sog er die k\u00fchle Nachtluft durch seinen Windfang ein. Der Geruch von Menschen war rings um ihn. Mehrmals drehte er sich in den Latschen, die ihm sonst in der Nacht Deckung boten, um die eigene Achse, pr\u00fcfend, in welche Richtung er am besten fl\u00fcchten sollte. Dem Hauptwechsel strebte er zu. Dort w\u00fcrde er ins Kar wechseln, das Schuttfeld hinab und die Nacht im Schutze des Bergwalds verbringen. Hier gab es kein Bleiben mehr f\u00fcr ihn.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Steine rollten die Felswand hinab, als er \u2013 noch starr von seiner Nachtruhe \u2013 \u00fcber mit Latschen und sch\u00fctteren L\u00e4rchen durchsetzte Felsk\u00f6pfe zog. Gleich w\u00fcrde er in das Kar hin\u00fcberwechseln. Direkt am Wechsel standen Menschen. Grelles Licht, das von ihren roten Helmen kam. Donnernd ert\u00f6nte das Knattern des Hubschraubers in seinen Lauschern. Glei\u00dfend blendete ihn das Scheinwerferlicht und Tausende vom Helikopter aufgewirbelte Latschennadeln und kleine Steine schmerzten ihn in Lichtern und Windfang. Schnell machte er kehrt und dr\u00fcckte sich in die Gruppe von Latschenb\u00fcschen, aus der er gekommen war. Einen Herzschlag lang verhoffte er. Doch hierbleiben? Da erhob sich dr\u00f6hnend hinter ihm erneut der Hubschrauber, der um den Felskopf herumgeflogen war. Die Latschen und L\u00e4rchen bogen sich im Wind. Weg musste er, so schnell es nur irgendwie ging. Weiter oben war ein anderer Wechsel. \u00dcber einen steilen und br\u00fcchigen Felsturm f\u00fchrte er. Schon einmal hatte er ihn in der Not genommen. Damals war es, an einem kalten Tag. Das dritte Mal, dass er es erlebte, wie sich die alten B\u00f6cke durch das Kar jagten. Als mit einem Mal ein Knall die k\u00fchle Morgenluft des Kars zerschnitt. Und mit einem Mal der brennende Schmerz. Knapp oberhalb der Wirbels\u00e4ule, wo er es immer noch manchmal sp\u00fcrte, besonders wenn die Tage k\u00e4lter wurden. Zuflucht hatte er gesucht in der gleichen Latschengruppe, in der er nun sa\u00df. Es war das erste Mal in seinem damals noch jungen Leben gewesen, dass er gesp\u00fcrt hatte, dass das Leben auch andere Seiten bereithielt als das freudige Herumtoben im Kar mit den anderen jungen B\u00f6cken und dem \u00c4sen der frischen Kr\u00e4uter, die im Sommer zwischen dem groben Schutt der Ger\u00f6llfelder \u00fcberall zu finden waren. Ganz anders war ihm damals.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Doch der Schmerz, er lie\u00df nach. Ruhiger wurde er, bis er mit einem Mal Bewegung im Ger\u00f6ll unter sich vernahm. Menschenstimmen. Und mit einem Mal war er nicht mehr allein in den Latschen. Ein roter Hund war es, der seiner F\u00e4hrte ins Latschendickicht folgte. Doch was war der Hund, der die Abende, weich gebettet, vor dem Feuer des Kachelofens verbrachte, f\u00fcr ihn, der dort im Fels zuhause war? Der Schmerz war mit einem Wimpernschlag vergangen. Und mit wenigen S\u00e4tzen wechselte er \u00fcber den steilen Felsturm hin\u00fcber auf die Schattseite. Damals war es. Inzwischen zierten f\u00fcnfzehn Jahresringe seine pechige Krucke. Und dunkel war es. Immer noch war er ganz benommen vom L\u00e4rm und Scheinwerferlicht. Trotz und Lebensfreude trieben ihn damals an, als er, vor dem roten Hund fl\u00fcchtend, den ausgesetzten Wechsel nahm. Die nackte Verzweiflung war es nun, die seine m\u00fcden Glieder in Richtung des steilen Felsens trieb. Rutschig war der Weg vom gefallenen Regen und immer wieder warf er auf, weil die Felsen das Echo des Hubschraubers zu ihm warfen.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Langsam setzte er Schale um Schale in den br\u00fcchigen Fels. Gleich w\u00fcrde er das schmale Grasband erreichen, auf dem er \u00fcber den Grat wechseln konnte. Von weiter unten drangen lautes Menschengeschrei und Hubschrauberl\u00e4rm zu ihm herauf. Schneller ging er voran, da brach der Fels unter ihm. Bevor er wusste, wie ihm geschah, schlug er unterhalb auf den Felsen auf. Niedergestreckt lag er auf dem blanken Fels, der Regen, der wieder eingesetzt hatte, durchfeuchtete seine Decke. Wieder und wieder versuchte er aufzukommen, doch seine Glieder versagten. Ein Lautsprecher erklang irgendwo oberhalb in den Felsen. St\u00e4rker wurde der Regen und eiskalt fuhr ihm der einsetzende Wind in seine nassen Glieder. Da durchfuhr es ihn und mit einem letzten Anflug an Lebenswillen raffte er sich auf. Sein Vorderlauf, den er beim Sturz gebrochen hatte, baumelte nutzlos am Gelenk herunter. Auf drei L\u00e4ufen schleppte er sich m\u00fchsam vorw\u00e4rts. Erst langsam, dann gelang es ihm immer besser. Wieder gelangte er an einer Felswand an, ein steiles Band f\u00fchrte hinunter in den sch\u00fctzenden Wald. Mit seinen vier gesunden L\u00e4ufen w\u00e4re es leicht gegangen. Nun stand er pr\u00fcfend am Rand des Felsens. Immer st\u00e4rker wurde der Regen und unten lockte der rettende Bergwald. Einen Satz noch machte er, dann verlor er auf seinen drei L\u00e4ufen das Gleichgewicht, kippte vorn\u00fcber und st\u00fcrzte die Felswand hinab. Der Regen prasselte unaufh\u00f6rlich auf die Felswand ein. Unterhalb lag er. F\u00fcnfzehn Jahresringe sollte sp\u00e4ter der J\u00e4ger z\u00e4hlen, der der Spur seines inzwischen grau gewordenen Hundes folgte und den von den Kolkraben blank gefressenen Sch\u00e4del fand.&nbsp;<\/p><p><strong>Aus dem Lokalbericht<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Und wieder einmal ist es zu einem spektakul\u00e4ren Bergwachteinsatz gekommen. Eine Wandergruppe ist am Xxxgrat vom Weg abgekommen und in ausgesetztes Absturzgel\u00e4nde geraten. Da die Gruppe sp\u00e4t losmarschierte, war mittlerweile die Dunkelheit eingebrochen. Schlie\u00dflich konnte die Bergwacht mithilfe des Rettungshubschraubers die Gruppe in Sicherheit bringen. Der Einsatzleiter berichtet: \u201eIn diesem Gel\u00e4nde, bei Dunkelheit und dem Wetter geht es um Leben und Tod. Gl\u00fccklicherweise ist niemand zu Schaden gekommen.\u201c<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Martin Echter<\/em><\/p>"}}]}