{"identifier":"a2745bad-079d-479c-bd67-27e0b5f852d8","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Mallnitzer Wintergams","subTitle":"Pl\u00e4neschmieden ist Vorlust, ist der Advent des Jagens, es geh\u00f6rt zur Jagd wie das Mehl zum Brot. Meine Vorlust hatte sich um morgendliche Ansitze auf Rotwild im Sch\u00f6nberg, in der Zattleiten oder am Fleckboden gerankt, je nach Wind. 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Das Sterben der Natur erinnert den Menschen an die eigene Verg\u00e4nglichkeit. Meine Antwort an Verg\u00e4nglichkeit und Tod war: jagdlich rege zu sein. Denn der November ist eine Zeit, in der man als Bergj\u00e4ger nur schwer still in der Stube sitzen kann. Zu sch\u00f6n ist es drinnen im Berg. Das \u201edrinnen\u201c borge ich mir von einem amerikanischen Biologen, der meinte, er habe irgendwann erkannt, dass Drau\u00dfensein eigentlich Drinnensein bedeute. Als J\u00e4ger wei\u00df man, was er damit sagen will \u2026<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Es ist ein ganz anderes Jagen jetzt als in den vergangenen Wochen und Monaten. Hatte das Fr\u00fchjahr den Hahnen geh\u00f6rt, der Sommer dem Feisthirsch, der Herbst dem Gams und dem Murmel, so durfte zum Winter hin fast alles passieren. Ein sp\u00e4ter Hirsch oder Kahlwild freute genauso wie die graue Rehgei\u00df oder der Fuchs, wenn sein Balg einmal reif war. Nat\u00fcrlich aber spielte auch der Gams immer noch eine gro\u00dfe Rolle.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die Novembergams werte ich in meiner Erinnerung schon als Wintergams. Erstens sind sie schwarz und zweitens stapft man nach Allerheiligen oft genug schon durch eine Schneelandschaft, wenigs-<br>tens in den h\u00f6heren Lagen. Ich habe nicht ann\u00e4hernd so viele Wintergams erlegt wie Herbstgams. Das hat auch damit zu tun, dass die Gamsbrunft nicht unbedingt meine hohe Zeit der Gamsjagd war, als die fr\u00fchen J\u00e4gerjahre einmal vor\u00fcber waren. Der durch den Schnee pfl\u00fcgende Brunftbock, der in Frost und Schnee die \u00fcber das Sommerhalbjahr angesparte Feist aufbrauchte, der faszinierte mich mit dem eigenen \u00c4lterwerden mehr und mehr, und der Finger blieb auf ihn nicht immer, aber immer \u00f6fter gerade. Mein Sinnen und Trachten galt in den Wintermonaten eher einer Jahrlingsgei\u00df oder einem schwachen Jungbock als den voll im Gesch\u00e4ft stehenden erwachsenen B\u00f6cken. Im Almbereich konnte man im November auch sehr sch\u00f6n auf Rotwild jagen und die Abendansitze auf die grauen Rehgei\u00dfen und Rehkitze liebte ich sowieso. Aber weil dieses Buch der Gamsjagd geh\u00f6rt, kommen Hirsch und Reh nur dort vor, wo sie im Zuge des Gamsjagerns eine Rolle spielten.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Wie der ganze Herbst schon hatte der November in meinem Berg zwei Gesichter. Es gab sowohl richtig kalte Wintertage, an denen es dem J\u00e4ger beim Einatmen die Nasenfl\u00fcgel zusammenzog und an denen die Hand am kalten Stahl des Gewehrlaufes picken blieb. Dann wusste man auch ohne Blick aufs Thermometer, dass es einen zweistelligen Minus hatte. Oft waren gerade das dann die guten Gamsj\u00e4gertage, die besondere Beute bescherten. Genausogut konnte es im Winter aber auch passieren, dass F\u00f6hn die Luft erw\u00e4rmte, manchmal sogar so, dass der Jagdpullover im Rucksack bleiben konnte. Diese Tage waren nicht unbedingt hochfliegende Jagdtage \u2013 der J\u00e4ger und das Wild waren an solchen Tagen \u00e4hnlich tr\u00e4ge. So wie damals, ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende. Das letzte Buch des Jahres war gerade aus der Druckerei gekommen und ich verlie\u00df die Stadt. Anfang November, und ich hatte eine ganze Woche Zeit f\u00fcr meinen Berg! Auf der sp\u00e4tn\u00e4chtlichen Fahrt durchs steirische Murtal h\u00e4tte mich um Haaresbreite ein Rehbock abgeschossen, der \u00fcber die Stra\u00dfe setzte. Ich nahm es als gutes Zeichen, wenn mich das Wild schon suchte, wo ich noch auf dem Weg zur Jagd war. Als ich in der alten Heimat ankam, war es weit \u00fcber Mitternacht. Mallnitz lag unter F\u00f6hnhimmel. Es war abartig mild, war also weit entfernt von dem, was man sich f\u00fcrs Jagen zu Beginn des Gamsmondes vorstellte.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Am n\u00e4chsten Mittag kam Regen. Unter grauem, nassem Himmel stieg ich den steilen Bichl zu Sankt Repetschnig auf, den Kopf voll mit jagdlichen Pl\u00e4nen. Pl\u00e4neschmieden ist Vorlust, ist der Advent des Jagens, es geh\u00f6rt zur Jagd wie das Mehl zum Brot. Meine Vorlust hatte sich um morgendliche Ansitze auf Rotwild im Sch\u00f6nberg, in der Zattleiten oder am Fleckboden gerankt, je nach Wind. Und nach dem Morgenansitz wollte ich dann auf Gams jagen. Schon jetzt begannen sich diese Pl\u00e4ne in Luft aufzul\u00f6sen. Vorerst ging n\u00e4mlich gar nichts: Schwerer Regen prasselte aufs H\u00fcttendach, die Berge h\u00fcllten sich in Nebel, der so undurchsichtig war wie Milch. H\u00fctte aufheizen und Tee trinken \u2013 das blieben die einzigen Aufgaben f\u00fcr diesen ersten Tag auf Repetschnig.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">\u00dcber Nacht war es klar geworden und kalt. Zwar reichte der Wind nicht f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Unternehmungen, aber es konnte immerhin Jagd werden. Vom Schirm vor der Zattleiten sah ich beim Lichtwerden zwei junge Gamsb\u00f6cke und sp\u00e4ter noch sechs St\u00fcck Rotwild: K\u00e4lbertier, guter Spie\u00dfer, noch ein guter Spie\u00dfer, Schmaltier und ein schwacher Sechser. Au\u00dfer der Reichweite meines Bergstutzens zogen sie ihrem Tageseinstand in der Kartinitza zu, einem kaum zug\u00e4nglichen Gebiet, das seit Jahrzehnten kein Mensch mehr betreten hatte. Der Sechser h\u00e4tte mir geschmeckt und war ein Versprechen f\u00fcr morgen in der Fr\u00fch. Da konnte ich versuchen, ihm den Wechsel zu verlegen. Ein erster zarter Faden zwischen Wild und J\u00e4ger war gesponnen. Zufrieden zog ich mich zur H\u00fctte zur\u00fcck. Von dort hatte ich noch einmal Rotwild im Anblick. Jetzt, zwei Stunden nach Hellwerden, zogen unter den Repetschnig-W\u00e4nden zwei Hirsche in den mit Almrausch-Inseln bestockten Grashang herein, ein blutjunger Kronenzehner und \u2013 wie in der Zattleiten \u2013 ein schwacher Sechser. Die beiden Hirsche bummelten von dort hoch durchs Kar auf den Fleckboden zu, der Sechser immer ein wenig hinterdrein. Sie hatten keine Eile. Der starke Regen hatte bis sp\u00e4t in die Nacht angedauert und das Rotwild schien nun lange auf den L\u00e4ufen bleiben zu wollen. Pl\u00f6tzlich wusste ich, was zu tun war: Den Sechser angehen! \u00dcber kurz oder lang w\u00fcrden die Hirsche hinten \u00fcber den Grat in Richtung K\u00e4rltal ziehen. Von einem der vorgelagerten Riegel aus sollte es sich dorthin mit einem weiten Schuss ausgehen. Ich packte es an.<\/p>"}},{"identifier":"03a34c16-352a-45f9-af5b-ddaa7f6a7821","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/22463be5611bf943386dc0530d4c18706c48a6f6\/Bilder_1200x616_Jagderlebnis_02-1024x526.jpg","caption":"<p>Mein Gott, wie sehr wollte ich nun diesen Hirsch, wollte Beute, wollte etwas Begreifbares und Handfestes aus dieser unwirklichen Schneewelt mitnehmen.<\/p>"}},{"identifier":"ea63f04d-bdbc-446f-9c99-9830753445a1","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Als ich mich eine halbe Stunde sp\u00e4ter vorsichtig an die Kante des Riegels vorschob, hatte ich den Sechser sofort im Glas. Er war gebettet und sa\u00df knapp unter dem Horizont, in meiner H\u00f6he. Es war weit, aber machbar. Als er hochwurde, nahm ich Ma\u00df, fasste ihn hoch im Blatt an, zog ab und war mir meiner Kugel eigentlich sicher. Der Hirsch sprang, ohne zu zeichnen, nach hinten ab, ein Tier und ein Kalb, die in Deckung gesessen waren, folgten. Es war jetzt elf Uhr. Alles atmete Vorfreude, ich war mir meines Sieges gewiss. Dass der Hirsch nicht gezeichnet hatte, wollte nichts besagen. Das kam \u00f6fters vor. Es w\u00fcrde ein langer Tag noch werden heute: aufbrechen, zerwirken, das Wildbret bis zum Abend zur H\u00fctte bringen, dort auf der Leiter aufh\u00e4ngen und morgen ins Tal liefern. \u2013 Der Anschuss wollte genau eingepr\u00e4gt sein: dort die zwei Zirben, dar\u00fcber der auff\u00e4llige Hirschfeger, dann die krumme Jungl\u00e4rche und von dort musste ich zu dem l\u00e4nglichen Stein, in den eine verdrehte Fichte hineinwuchs. Dort war der Hirsch beim Schuss gestanden. Meine Schwei\u00dfh\u00fcndin Trissa, die bildsch\u00f6ne und elegante Bayerische \u2013 im Buch \u201eSchwei\u00df\u201c verewigt \u2013, heftete sich am Anschuss sofort auf die F\u00e4hrte, kein Schwei\u00df, aber Ausrisse, es ging in der Falllinie bergab, ja, das w\u00fcrde schon passen, ich dachte, wir w\u00fcrden jetzt und jetzt vor dem Hirsch stehen. Hochmut kommt vor dem Fall. \u2013 Gar nichts passte n\u00e4mlich! Es ging tiefer und tiefer, bis Trissa mir signalisierte: Lassen wir\u2019s bleiben, dem fehlt nichts! Ich konnte und wollte es nicht glauben, wir gingen nochmals zum Anschuss, millimeterten alles ab \u2013 aber der Hirsch war gefehlt, wahrscheinlich \u00fcberschossen. Katerstimmung. Jetzt erst sp\u00fcrte ich den eiskalten S\u00fcdwind, der mir ins Gesicht blies, unter einem weitgehend blauen, aber nicht freundlichen, schon gar nicht mir wohlgesonnenen Himmel. Wie unecht die Bl\u00e4ue war, das zeigten auch die Wolkenb\u00e4nke und Nebelballen, die sich in den Berg krallten. In einer Trotzreaktion setzte ich an zu einer K\u00e4rltal-Pirsch \u2013 und brach nach wenigen Schritten mit wieder n\u00fcchternem Kopf ab: Ins geheiligte K\u00e4rltal ging man an jagdlichen Feiertagen, aber sicher nicht aus Frust nach einem Fehlschuss, noch dazu bei zweifelhaftem Wind. Also zur\u00fcck zur H\u00fctte. Als ich dort ankam, war es sp\u00e4ter Nachmittag. Ein ruhiger, bleierner Abend fiel. Die Lust aufs Jagen war mir f\u00fcrs Erste vergangen und ich verf\u00fcgte mich zeitig ins Bett. Katerstimmung nach einem Fehlschuss, man kannte das.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Der Morgen brachte den Regen zur\u00fcck. Ich lie\u00df das Licht bei der H\u00fctte kommen. Inzwischen rauschte der Regen immer heftiger nieder. Schon dachte ich an die Flucht aus dieser unwirtlichen Welt. Gams standen keine im Kar, daf\u00fcr aber entdeckte ich zu sp\u00e4ter Stunde einen Hirsch, diesmal einen \u00e4lteren. Er stand weit oben, oberhalb der Repetschnig-W\u00e4nde, im \u00dcbergang zur Wirth-Alm, von wo er wohl auch gekommen war, ganz im freien Gel\u00e4nde, auf 2.500 Meter Seeh\u00f6he. Trotz str\u00f6menden Regens bettete er sich jetzt dort. Ich schaute ihn mir im Spektiv an: Eissprosszehner. Ich kannte den Hirsch von der Feistzeit. Ein guter Hirsch mit starken Stangen. Ein reizvoller Hirsch. Nicht nur ich schaute ihn genau an, auch er schaute mich an. Er kannte ganz offensichtlich die H\u00fctte und er kannte wahrscheinlich auch mich. Aus Regen war dort, wo er gebettet war, inzwischen dichter Schneefall geworden. Der Hirsch lie\u00df sich die gro\u00dfen Flocken auf die Decke fallen, sa\u00df dort wie ein Wesen aus einer anderen Welt, aus einer Welt von vor zehntausend Jahren, aus einer Welt, in der der Mensch noch gl\u00fccklicher Wildbeuter war und keine \u00c4cker bebauen musste. Und irgendwann leckte der dichte Schneefall auch bei mir auf den H\u00fcttenanger herunter, ich schaute in einen Schneevorhang. Die Sicht zum Hirsch riss ab.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Als der Vorhang wieder aufging, war der Hirsch weg. Ich suchte und fand ihn ein St\u00fcck tiefer, wo er gerade durch einen Graben zog. Wenn er sich jetzt noch irgendwo steckte, w\u00fcrde ich ver-suchen, ihn anzugehen. Der Gedanke an eine Flucht ins Tal, der mich in der Fr\u00fch beschlichen hatte, war fortgeblasen, die Tr\u00e4gheit des Herzens gewichen. Der J\u00e4ger war wieder erwacht. Aber nun rann Regen. Es war erneut w\u00e4rmer geworden. Rund um die H\u00fctte bahnten sich kleine B\u00e4che ihren Weg und es sch\u00fcttete und sch\u00fcttete. Gab es unten im Tal schon Hochwasser? Wie w\u00fcrde mein R\u00fcckweg ins Tal aussehen? Alles Schmierseife? Hangrutschungen? Zarte Beklemmungen befielen mich. Um die bangen Gedanken zu vertreiben und mich zu besch\u00e4ftigen, hackte ich in der H\u00fctte Holz wie einst Kaiser Wilhelm II. im holl\u00e4ndischen Exil auf Haus Doorn. Fast h\u00e4tte ich mich dabei selbst ausgeknockt. Bei einem wuchtigen Hieb kam ich an der Decke der niedrigen H\u00fctte an, es verschlug mir die Axt und ich haute sie mir auf den Hinterkopf. Ich blutete wie ein Schwein. Aber es war nur eine Platzwunde, die ich schnell unter Kontrolle bekam.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Es wird nicht wirklich mit meinem Axthieb zu tun gehabt haben, aber mit einem Mal wurde es drau\u00dfen lichter, der Regen lie\u00df nach, es war ein Uhr mittags. Man sah die Welt wieder. Der erste Blick galt nat\u00fcrlich der Gegend, wo der Hirsch verschwunden war. Und da stand er wieder, mitten auf dem Riegel! Was zum Teufel wollte er da oben, wo immer noch knietief Schnee lag? Aus dem Staunen und Wundern reifte der Wille zur Tat: Angehen! Vielleicht hielten ja jetzt Wetter, Wind und Wild. Mein Gott, wie sehr wollte ich nun diesen Hirsch, wollte Beute, wollte etwas Begreifbares und Handfestes aus dieser unwirklichen Schneewelt mitnehmen. Ich packte einen leichten Rucksack, warf mir den Bergstutzen quer \u00fcber den R\u00fccken und ging los.<\/p>"}},{"identifier":"a05dcd09-0066-4a18-b8aa-3f93875aa291","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/4f2700475f70a1929546c60dd3a1fc6df9e65ae5\/Bilder_1200x616_Jagderlebnis_03-1024x526.jpg","caption":"<p>Das Zeitfenster des Jahres, in dem man hier jagen kann, ist kurz. Man muss die M\u00f6glichkeiten nutzen ...<\/p>"}},{"identifier":"c4612583-ce54-4b3f-b2c7-da095665e83e","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Nach einer guten halben Stunde war ich der Stelle nahe, die \u00fcber Sieg oder Niederlage entschied. Aber ich zweifelte l\u00e4ngst nicht mehr. Es w\u00fcrde gehen. Zwei Leben liefen aufeinander zu. Nach und nach verringerte ich das Tempo beim Steigen. Der Atem musste ruhig werden, bevor ich den Blick \u00fcber die Kante wagte. Da war der gro\u00dfe Felsblock, den ich mir von der H\u00fctte als Marke ausgeschaut hatte. Jetzt war die Stunde der Wahrheit! Hier heroben war die Welt noch wei\u00df und der Boden unglaublich rutschig. Zuerst bastelte ich mich entlang des Felsblocks nach rechts \u2013 um zu sehen, dass von hier aus die entscheidende Stelle \u00fcberriegelt war. Also zur\u00fcck und nach links! Vorsichtig den Kopf \u00fcber die \u201eBr\u00fcstung\u201c \u2013 und da stand der Hirsch! V\u00f6llig vertraut \u00e4ste er breit stehend von mir weg. Sekunden sp\u00e4ter war die Sache entschieden: Knall und Fall, der Hirsch walgte, bittebittebitte bleib liegen, nur nicht in den Graben hinunter! Und dann stemmte sich der Hirsch ein letztes Mal mit den Vorderl\u00e4ufen ins Leben herein, stemmte sich in den Hang, bremste den Fall, kam zum Stehen, drehte sich einmal \u00fcber, fing sich mit dem Geweih unter dem eigenen K\u00f6rper und lag. Hochspannung, die sich in Jubel aufl\u00f6ste, riesengro\u00dfen Jubel, wenn auch leise und nach innen. Ein Blick hinunter, um die H\u00fctte rankte sich wieder Nebel. Zwei Stunden Licht w\u00fcrde der Tag noch haben, f\u00fcrs Auskosten des ersten Inbesitznehmens. Nach dem Aufbrechen streckte ich den Hirsch an einer kleinen Doppell\u00e4rche. Was f\u00fcr ein Bild: grauer Hirsch im wei\u00dfen Schnee, leuchtende L\u00e4rchen und im Hintergrund zum S\u00fcden hin die Repetschnig-W\u00e4nde. Irgendwo dort hinten, \u00fcberm Sch\u00f6nberg drau\u00dfen, im letzten Licht noch eine Ahnung von Blau. Das versprach Wetterbesserung und damit auch bessere Bedingnisse morgen beim Liefern.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Nat\u00fcrlich kam es wieder anders. Als in der H\u00fctte in der Fr\u00fch der Wecker ging, war es noch trocken, bis ich beim Hirsch war, goss es schon wieder. Ich zerwirkte den Hirsch im str\u00f6menden Regen. Zwei Tage sp\u00e4ter war alles im Tal, bis auf das Haupt. Das lehnte vor der H\u00fctte und wartete auf mich, als ich wieder heraufkam, todm\u00fcde, aber erf\u00fcllt von der Melodie gro\u00dfer Jagd. Der Regen hatte den Schnee bis weit hinauf wieder weggeleckt. Ich trocknete mein Gewand \u00fcber dem H\u00fcttenherd, reinigte den Bergstutzen und ordnete mein Jagdzeug. Jetzt freute ich mich aufs Gamsjagern!<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Anderthalb Stunden blieben vom Tag noch \u00fcbrig, als die Ger\u00e4tschaft wieder in Ordnung und der J\u00e4ger wieder einsatzbereit waren, und diese Zeit wollte ich nahe der H\u00fctte beim in die Latschen hineingeschnittenen Schirm vor der Zattleiten verbringen. Ohne allzu ernste Gedanken schob ich mich dort ein und erlebte die Bilder rund um den Hirsch im Schnee nach. Aber unversehens wurde es gleich wieder Jagd. Tief unten im Mittelriegel stand ein Gams \u2013 eine schwache Jahrlingsgei\u00df. Jetzt schob sich auch noch eine Gei\u00df mit ihrem Kitz aus den Erlen dazu heraus. Zuerst waren mir die Gams f\u00fcr einen Schuss auf den Jahrling zu dicht beisammen, dann aber r\u00fcckten sie ein wenig auseinander, jetzt passte es, und ich zog, in verdrehter Haltung im Schirm stehend, ab, der Gams zeichnete deutlich, brach, wurde wieder hoch und stoppelte schwer krank nach unten in die \u00dcberriegelung. Er konnte liegen, aber ich ahnte, dass die Sache noch nicht ausgestanden war. Halb f\u00fcnf Uhr, eine knappe Stunde Licht blieb mir bis zur Dunkelheit. Eine Viertelstunde gab ich noch Ruhe, dann umschlug ich den Riegel, stieg im Hochwald in Deckung ab und n\u00e4herte mich von unten dem Anschuss. Schon d\u00e4mmerte es merklich. Vorsichtig schob ich mich an die Stelle heran, wo der Gams verschwunden war \u2013 und stand ihm schon gegen\u00fcber, auf keine zwanzig Meter. Besser gesagt: seinem Haupt. Denn mehr war von dem im Almrausch sitzenden kranken Wild nicht zu sehen. Es hatte mich l\u00e4ngst weg, wurde aber trotzdem nicht hoch. Ich wollte nicht aufs Hochwerden warten. Also setzte ich die kleine Kugel aus dem Bergstutzen knapp unter dem Haupt an, darauf vertrauend, dass das Gescho\u00df seinen Weg durch den Almrausch zum Tr\u00e4ger fand. Es fand nicht, der Gams wurde hoch, ich lie\u00df die gro\u00dfe Kugel folgen, jetzt genau auf den Tr\u00e4ger. Der Gams lag. So wenig r\u00fchmlich das alles war, wenigstens war es gelungen, die Sache in recht kurzer Zeit zu beenden. Der erste Schuss hatte zu weit hinten gefasst. \u2013 Im Eilzugstempo verrichtete ich die rote Arbeit. Dann trug ich den Gams zur H\u00fctte hinauf, die ich erst im Stockfinstern erreichte. Ich h\u00e4ngte den Gams an die H\u00fcttenwand, wusch den Schwei\u00dfsack im Wassergraben aus und fiel ins Bett.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Warum hatte ich den Schuss heute \u00fcberhaupt getan? War mir der gute Hirsch nicht genug gewesen? Vielleicht war es das Wissen, dass das Jagen hier heroben f\u00fcr dieses Jahr sehr bald zu Ende ging. Das Zeitfenster des Jahres, in dem man hier jagen kann, ist kurz. Man muss die M\u00f6glichkeiten nutzen. Aber das sagte nur der Kopf. Viel eher war die Antwort: Ich hatte geschossen, weil ich mit allen Fasern meines K\u00f6rpers J\u00e4ger war. Weil das Alltagsleben mit seinem Gef\u00fcge von Normen und Konventionen bei mir nur an der Oberfl\u00e4che kratzte und ich in der Abgeschiedenheit der Schattseite sehr schnell zu dem wurde, der ich wirklich war: der Wildbeuter, der, wenn er jagte, nicht anders konnte, als mit Haut und Haar einzutauchen in die Welt seiner Wahrheit, in die Welt seiner Wurzeln, in die Welt der Wurzeln von uns allen.<\/p>"}},{"identifier":"21309768-2cac-4aaf-967b-4e2800b57a37","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Leseprobe aus<\/strong>: <em>Michael Sternath: <\/em><strong>\u201eAuf Gams\u201c.<\/strong><em> 176 Seiten, Format: 13,5 x 21 cm, Preis: \u20ac 35,-. Sternath Verlag, www.sternathverlag.at<\/em><\/p><p>&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Michael Sternath ist innerhalb \u00d6sterreichs J\u00e4gerschaft wahrlich kein Unbekannter. Viele Jahre arbeitete er in der Redaktion WEIDWERK, ehe er die Leitung des \u00d6sterreichischen Jagd- und Fischereiverlages in Wien \u00fcbernahm und ihn zum bedeutendsten Buchverlag unseres Genres im deutschsprachigen Raum ausbaute. Die vielen B\u00fccher, die er in dieser Zeit mit den namhaftesten Autoren hervorbrachte, beeindrucken durch Fachkenntnis und atmen gleichzeitig eine wohltuende Unaufgeregtheit. Michael Sternath wich nie von seiner tiefen \u00dcberzeugung ab, wonach der Schl\u00fcssel zur Jagd in ihrer Urspr\u00fcnglichkeit, verbunden mit der Beherrschung des Handwerks und mentaler wie k\u00f6rperlicher Fitness, zu finden ist. Tiefes Naturempfinden, gepaart mit archaischer Passion, charakterisiert Sternaths pers\u00f6nliche Jagd.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">In seinem j\u00fcngsten vorliegenden Werk, verarbeitet er in wohltuender und bildgewaltiger Sprache seine vielen Bergjagderlebnisse in einem Revier in den Hohen Tauern. In die Erz\u00e4hlungen webt er viel Pers\u00f6nliches inklusive seiner Zeit als Verleger in Wien ein. Das Buch berichtet von der Gamsjagd in der alten Tradition, fernab von den Menschen, in der wegelosen Schattseite eines Berges, den Bergsteiger und Wanderer stets mieden. Es berichtet vom Jagen in weiten Karen oder an der Baumgrenze oder, im Winter, auch in talnahen Gebieten. Es berichtet von einer Jagd, die leichtes Gep\u00e4ck verlangte und den Verzicht auf jeglichen \u00fcberfl\u00fcssigen Ballast gebot. Einer Jagd, die nicht viel mehr brauchte als ein H\u00fcttendach \u00fcber dem Kopf, ein wenig Proviant, eine vertraute B\u00fcchse und einen verl\u00e4sslichen Hund. So gut man sein Handwerk auch beherrschte, ein Fehlschuss konnte dabei immer passieren. Daf\u00fcr lernte der J\u00e4ger bei dieser Art des Jagens im Grenzbereich viel \u00fcber sich selbst und \u00fcber die Menschennatur. Wer dieses Buch liest, merkt gleich: Hier in der Schattseite galten andere Ma\u00dfst\u00e4be und Gesetze als in der \u201ezivilisierten\u201c Welt.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Fast sein ganzes J\u00e4gerleben lang fand Jagd f\u00fcr den Autor in dem verborgenen Bergparadies statt, von dem er in diesem Buch erz\u00e4hlt. Das gro\u00dfe Gl\u00fcck, Bergj\u00e4ger zu sein \u2013 in dem Buch \u201eAuf Gams\u201c wird es greifbar.<\/p>"}}]}