{"identifier":"9aa17f09-766d-449c-a3c6-de91646ef00f","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Comment","properties":{"title":"Rationalit\u00e4t","subTitle":"Forstler &amp; J\u00e4ger","teaserText":null,"uriPathSegment":"rationalitaet","dateTime":{"date":"2026-10-30 01:00:00.000000","timezone_type":3,"timezone":"Europe\/Berlin"},"images":[],"categories":[{"identifier":"aff27094-6b27-4f5b-9bd4-bfadbb2b7fba","title":"Im Revier"}],"categories2":[{"identifier":"0946f97e-aac5-41fc-8513-002d3a4b42c5","title":"Forstler & J\u00e4ger"}],"public":null},"childNodes":[{"identifier":"daa8478d-4a6e-491b-828d-58d2d004952d","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Mein wichtigstes Jagdutensil ist seit jeher das Fernglas. Es bringt mich \u00fcberhaupt erst dazu, zur B\u00fcchse greifen zu k\u00f6nnen. Und so stand ich nach einem Ansitzabend neben einem jungen Weidmann, der etwas um den Hals h\u00e4ngen hatte, das Fernglas, W\u00e4rmebildger\u00e4t und Nachtsichtoptik in einem war. Auf der Heimfahrt \u00fcberlegte ich, ob ich mir so ein Ger\u00e4t nicht anschaffen sollte. Brauchen w\u00fcrde ich es freilich nicht, aber ich merkte, wie mein Kopf recht geschickt die Nervenbahnen von \u201ehaben wollen\u201c zu \u201ebrauchen\u201c umlegte, um mich am Ende selbst zu bel\u00fcgen. Das ist bei jagdlichen Angelegenheiten wohl keine Seltenheit.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Ein alter Freund von mir besitzt ein kleines, feines Forstgut und alle paar Jahre flattert eine Einladung herein, ihn zu besuchen. Meist nicht zum Jagen, sondern f\u00fcr Kaffee und Tratsch. Beim letzten Treffen erz\u00e4hlte er mir von der \u2013 trotz guter Holzpreise \u2013 finanziell angespannten Situation in seinem Betrieb und den horrenden Kosten f\u00fcr Waldpflege und dergleichen. Von der Terrasse, auf der wir sa\u00dfen, sah man zu einem Stadel; darin stand ein standesgem\u00e4\u00dfer Gel\u00e4ndewagen, daneben zwei Quads und hintendrin ein Schneemobil. Hinter dem Stadel waren noch ein paar Siloballen f\u00fcr die Rotwildf\u00fctterung aufgeschichtet, die er betreibt. Ich machte ihm recht frech den Vorschlag, einfach bei seinen Ausgaben f\u00fcr die Jagd zu sparen, dann bliebe ihm mehr f\u00fcr seinen Wald. Was darauf folgte, war ein Monolog, in dem er recht eloquent seine Jagdleidenschaft als Notwendigkeit darstellen wollte. Ich h\u00f6rte zu, blickte auf meine abgewetzten Schuhe und zitierte: \u201eExcuse me, I am not convinced.\u201c Er konnte mich schlichtweg nicht einmal im Ansatz \u00fcberzeugen.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Einige Zeit sp\u00e4ter stand ich einen Bezirk weiter neben einem gro\u00dfz\u00fcgig ausgelegten Streckenplatz, wo an die 30 J\u00e4gerinnen und J\u00e4ger um magere drei St\u00fcck Wild standen. Nun, es gibt Jagden der langen Strecken und Jagden der langen Gesichter. Diese geh\u00f6rte definitiv zur letzteren Kategorie. Vor allem weil das Streckenmachen hier an oberster Stelle stand. Das Jahr davor war es auch nicht besser gewesen. Das alles trotz erheblichen Aufwands f\u00fcr Organisation und Durchf\u00fchrung. An den Autos erkannte man, dass einiges an betriebseigenem Forstpersonal f\u00fcr diese Jagd abgestellt wurde. Das kostet nat\u00fcrlich Geld, und in dem Fall viel Geld pro erlegtem Reh. Vermutlich h\u00e4tte man diese Strecke auch einfacher und billiger bewerkstelligen k\u00f6nnen. Bei der Verabschiedung hob der Forstverwalter hervor, welchen Aufwand es bedeutet, die Wildst\u00e4nde so zu regulieren, dass der Waldumbau auch funktioniert, und welche Belastung das f\u00fcr das Forstpersonal bedeuten w\u00fcrde. Ich fragte ihn, ob es nicht sinnvoller w\u00e4re, die Jagd zur G\u00e4nze zu vergeben und die Einnahmen in den Schutz der Forstkulturen zu investieren. Auch hier kam eine l\u00e4ngere Erkl\u00e4rung, die nicht wirklich \u00fcberzeugen konnte.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Ob klassischer Heger oder moderner Wildstandsregulierer \u2013 wenn\u2018s ums Geld geht, l\u00fcgen wir uns bei der Jagd gern selber an und konstruieren uns mit alternativen Fakten alternative Wahrheiten. Wir tricksen uns selber aus. Einerseits k\u00f6nnte man wunderbar dagegen wettern, aber andererseits ist das auch sch\u00f6n. Jagd ber\u00fchrt uns so tief, dass sie die T\u00fcren der Rationalit\u00e4t spielend aushebeln kann.<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Harald Chapin<\/em><\/p>"}}]}