{"identifier":"2a4bf7e0-f77d-4ec4-bb69-0a08934da2ea","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Schwarze Nase, rotes Wild","subTitle":"Hirschjagd in Westnorwegen mit dem Schwarzhund l\u00e4uft meist nach \u00e4hnlichem Muster ab: Der Hund f\u00fchrt, der Mensch tr\u00e4gt und der Hirsch ist meistens schon weg. Dennoch gibt es kaum etwas Reizvolleres, als durch die Fjorde zu pirschen und auf Anblick zu hoffen.","teaserText":null,"uriPathSegment":"schwarze-nase-rotes-wild","dateTime":null,"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/0bff23e93d367b538b07ac23048d80444790382f\/Bilder_1200x616_Jagareien-Norwegen_01-1024x526.jpg","images":[],"categories":[{"identifier":"5980b1c9-d48d-4bd2-a98c-51174e187aa7","title":"Unter J\u00e4gern"}],"categories2":[{"identifier":"5ceabebb-1c98-448c-8803-557b025e1fe2","title":"Jagareien aus ..."}],"public":null},"childNodes":[{"identifier":"460a1fbd-560b-4b03-8c3b-8615bfa4dc69","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Einer der wichtigsten Teilnehmer einer norwegischen Hirschjagd tr\u00e4gt selten ein Gewehr. Er l\u00e4uft auf vier Beinen, ist pechschwarz und nimmt die Welt vor allem durch seine Nase wahr. Was f\u00fcr den Menschen nach stillem Wald aussieht, ist f\u00fcr ihn ein Geflecht aus Duftspuren, Witterungen und Geschichten. Der Norsk Elghund Sort (Norwegischer Elchhund schwarz) arbeitet an der langen Leine und sucht mit hoher Nase nach der Witterung von Rotwild, einer Wildart, die die Landschaften entlang der norwegischen Fjorde seit Jahrhunderten pr\u00e4gt. Dort, wo bewaldete Bergh\u00e4nge direkt aus dem Meer aufsteigen, geh\u00f6ren Rothirsche ebenso zum Herbst wie Regen, Wind und die ersten Nachtfr\u00f6ste. Der F\u00fchrer folgt m\u00f6glichst lautlos dahinter, w\u00e4hrend der Hund die unsichtbaren Hirschspuren in der Luft entschl\u00fcsselt und ihn zielsicher durch unwegsames Gel\u00e4nde f\u00fchrt. Die Rollenverteilung ist eindeutig: Der Hund f\u00fchrt, der Mensch versucht Schritt zu halten, w\u00e4hrend irgendwo vor ihnen ein Rothirsch versucht, die ganze Angelegenheit m\u00f6glichst unbemerkt zu verlassen.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Der Morgen beginnt wie so viele Jagdmorgen an den norwegischen Fjorden: Es regnet. Nicht unbedingt stark, aber genau genug, um bereits nach wenigen Minuten nicht mehr sicher zu sein, ob die N\u00e4sse von au\u00dfen oder von innen kommt. Loden funktioniert hier nur an den wenigen regenfreien Tagen, ansons-<br>ten ist Goretex von der Nasenspitze bis zu den Zehen angesagt. Der Schwarzhund hingegen ist bereit. Eigentlich ist er immer bereit. Vermutlich war er schon bereit, bevor sein J\u00e4ger \u00fcberhaupt aufgestanden ist. Sobald die Leine eingeh\u00e4ngt wird, hebt der Hund den Kopf in den Wind. Nach wenigen Minuten hat er bereits eine Meinung dar\u00fcber, wo sich die Hirsche aufhalten. Der J\u00e4ger darf w\u00e4hrenddessen die angenehme Illusion genie\u00dfen, weiterhin die F\u00fchrung zu \u00fcbernehmen. Dass heute \u00fcberhaupt wieder Schwarzhunde durch die Fjorde ziehen, war allerdings lange keineswegs selbstverst\u00e4ndlich.<\/p><p><strong>Uralt, aber beinahe vergessen<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Kaum eine Hunderasse ist so eng mit der norwegischen Jagdgeschichte verbunden wie der Norsk Elghund Sort, meist einfach als svarthund (Schwarzhund) bezeichnet. Gemeinsam mit seinem bekannteren grauen Verwandten, dem Norsk Elghund Gr\u00e5 (Norwegischer Elchhund grau), geh\u00f6rt er zu den \u00e4ltesten Jagdhunderassen Skandinaviens. Arch\u00e4ologische Funde deuten darauf hin, dass Hunde vom Elchhund-Typ die Menschen im Norden bereits seit mehreren Tausend Jahren begleiteten. Ob die Wikinger tats\u00e4chlich genau solche Hunde an ihrer Seite hatten, l\u00e4sst sich nicht mit Sicherheit sagen. Dass robuste Spitzhunde seit Jahrhunderten zum skandinavischen Jagdalltag geh\u00f6ren, steht jedoch au\u00dfer Frage.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Dass es den Schwarzen \u00fcberhaupt noch gibt, ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Als \u00dcberbejagung den Elchbestand Norwegens um 1830 bis 1840 beinahe ausgel\u00f6scht hatte, interessierte sich kaum jemand f\u00fcr Elchhunde. Die Samen dagegen hielten den schwarzen Hund unbeirrt weiter, ein Umstand, dem die Rasse viel verdankt. Eingesetzt wurde er angeblich auch auf B\u00e4ren, wo er laut alten Quellen als besonders scharf galt. Um die Mitte der 1950er-Jahre war der Bestand dennoch so weit geschrumpft, dass die Rasse kurz vor dem Aussterben stand. Gerettet haben ihn, wenn man so will, auch Hirsch und Wolf. In Westen des Landes entdeckten J\u00e4ger, dass ein lautlos arbeitender Hund an der Leine ideal zu den steilen, kleinteiligen und oft unwegsamen Fjordlandschaften passte. Im manchen Gebieten in Ostnorwegen machte der Wolf vor allem die Elchjagd mit frei laufenden Hunden zum Risiko und viele Jagdgruppen stiegen deshalb auf den b\u00e5ndhund (Leithund) um.<\/p><p><strong>Bergauf mit starker Meinung<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Dann beginnt der Aufstieg. Eine typische Fjordjagd mit dem Schwarzhund besteht zu gro\u00dfen Teilen daraus, bergauf zu gehen. Wenn man eine Weile bergauf gegangen ist, folgt meist eine noch steilere Passage bergauf. Anschlie\u00dfend quert man einen Hang, der auf der Karte harmlos aussieht, in der Realit\u00e4t jedoch eher an eine geologische Fehlentscheidung erinnert. Bergst\u00f6cke verwendet hier niemand, sondern man betrachtet den Alpenj\u00e4ger mit seinem pinne (Stock) leicht h\u00f6hnisch. Nach steilen Auf- und Abstiegen mit einem \u00c4lpler mit Bergstock im Schlepptau werden aber auch viele Norweger zu Bergstockgl\u00e4ubigen, obwohl sie es nur \u00e4u\u00dferst ungern zugeben w\u00fcrden. Vorne zieht der Hund entschlossen durch Wacholder, Heidekraut, Blockfelder und Moorl\u00f6cher. Dahinter folgt der J\u00e4ger. Im Laufe des Vormittags entwickelt er sich langsam vom stolzen Weidmann zu einem schwer atmenden Lastentr\u00e4ger mit Gewehr. Oft jagen mehrere J\u00e4ger gemeinsam, auch mit dem b\u00e5ndhund: Einer folgt dem Hund, die anderen stehen an.<\/p><p><strong>Meister der leisen Pirsch<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Was der Hund da vorne eigentlich tut, ist Handwerk mit langer Tradition. Die Entwicklung der Elchhundrassen wurde vor allem von den Anforderungen der Jagd gepr\u00e4gt. Norwegische J\u00e4ger brauchten Hunde, die selbstst\u00e4ndig arbeiten, gro\u00dfe Wildtiere finden und auch bei rauem Wetter und in schwierigem Gel\u00e4nde zuverl\u00e4ssig ihren Dienst verrichten. So entstanden \u00fcber die Jahrhunderte verschiedene regionale Typen, aus denen sich schlie\u00dflich die heutigen Elchhundrassen entwickelten. Der Schwarzhund blieb dabei etwas kleiner, leichter und beweglicher als sein grauer Verwandter.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Urspr\u00fcnglich wurden Elchhunde vor allem f\u00fcr die Jagd auf Elche gez\u00fcchtet, was ihr Name bis heute verr\u00e4t. In vielen Regionen Norwegens fanden sie jedoch schon fr\u00fch auch Verwendung bei der Jagd auf Rothirsche, insbesondere in den Fjordlandschaften Westnorwegens. Heute werden die Rassen je nach Region und Jagdtradition sehr unterschiedlich eingesetzt. W\u00e4hrend der gro\u00dfe Graue bei der Elchjagd h\u00e4ufig frei sucht und das Wild mit lautem Gebell stellt, arbeitet der kleine Schwarze meist lautlos an der langen Leine. Mit erhobener Nase f\u00fchrt er seinen J\u00e4ger gegen den Wind zur Witterung von Elch oder Rothirsch. Seine Aufgabe besteht nicht darin, Wild zu stellen und mit seinem Gebelle zu sorgen, dass der J\u00e4ger wei\u00df, wo er sich anpirschen muss. Stattdessen nutzt er den Wind wie ein Navigationssystem und versucht, seinen Menschen m\u00f6glichst unbemerkt an das Wild heranzuf\u00fchren. Er lokalisiert das Wild mit hoher Nase; fehlt der Wind, markiert er ersatzweise nach Geh\u00f6r und Sicht.<\/p><p><strong>Charakter mit starker Meinung<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Das erfordert Geduld, Konzentration und eine Eigenschaft, die Besitzer von Elchhunden nur allzu gut kennen: eine gesunde Portion Eigenst\u00e4ndigkeit. Genau deshalb gelingt es dem Hund gelegentlich, seinen Menschen davon zu \u00fcberzeugen, dass dessen wichtigste Aufgabe darin besteht, das andere Ende der Leine festzuhalten. Mit seinen 16 bis 20 Kilogramm wirkt ein Schwarzhund eher kompakt als imposant. Das dichte, schwarze Fell, die aufrecht stehenden Ohren und die eng \u00fcber dem R\u00fccken gerollte Rute verraten jedoch sofort seine Zugeh\u00f6rigkeit zu den nordischen Spitzhunden. Gebaut f\u00fcr Gebrauch statt f\u00fcr Show, vereint er Ausdauer, Wendigkeit und Wetterfestigkeit in einem erstaunlich handlichen Paket.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Charakterlich gilt der Schwarzhund als typisch norwegisch. Er ist robust, arbeitsfreudig und eng an seinen F\u00fchrer gebunden, ohne dabei unterw\u00fcrfig zu sein. Selbstst\u00e4ndiges Denken war \u00fcber Jahrhunderte ausdr\u00fccklich erw\u00fcnscht, schlie\u00dflich musste der Schwarzhund im Wald oft Entscheidungen treffen, lange bevor sein Mensch \u00fcberhaupt wusste, dass es etwas zu entscheiden gab. Entsprechend bringt die Rasse eine gesunde Portion Eigenwilligkeit mit. Seine Besitzer beschreiben ihn gerne als kooperativ, intelligent und loyal. Der Hund selbst w\u00fcrde vermutlich zustimmen und erg\u00e4nzen, dass die Zusammenarbeit ausgezeichnet funktioniert, solange sein Mensch nicht auf die Idee kommt, die Richtung vorzugeben oder eigenst\u00e4ndig Entscheidungen zu treffen.<\/p><p><strong>Kaffeepause mit Fjordblick<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Nach ein bis zwei Stunden stellt sich schlie\u00dflich die entscheidende Frage des Tages: nicht, wo die Hirsche sind, sondern wo man den Kaffee trinken kann. Eine halbwegs trockene Felskante wird als Aussichtspunkt ausgewiesen, der Rucksack ge\u00f6ffnet und die Thermoskanne hervorgeholt. Der Schwarzhund legt sich daneben und beobachtet seinen Menschen mit jener Mischung aus Geduld und milder Verachtung, die Arbeitshunde gegen\u00fcber sitzenden Personen gelegentlich entwickeln. W\u00e4hrend der J\u00e4ger seinen Kaffee genie\u00dft und seine niste (Jause, fast immer ein belegtes Brot) verzehrt, \u00fcberblickt man den Fjord, die Inseln und die steilen Bergh\u00e4nge. Wenn dann auch noch die Sonne hinter den Wolken hervorkommt, ist man im Jagdparadies und erinnert sich daran, warum man sich freiwillig bei Regen durch unwegsames Gel\u00e4nde bewegt.<\/p>"}},{"identifier":"e7df45d3-1c35-4fbf-88be-8c05f146240b","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/www.anblick.at\/media\/thumbnail\/7c26d558-f812-482a-a64f-d01f47579b1e","caption":"<p>Beg\u00fcnstigt durch mildere Winter, Ver\u00e4nderungen in der Landnutzung und eine gezielte Wildbewirtschaftung, breitet sich der Rothirsch zunehmend aus. Heute lebt er im gesamten S\u00fcden Norwegens.&nbsp;<\/p><p>Mit dem Schuss im Fjord ist die Jagd noch l\u00e4ngst nicht zu Ende, jetzt erfolgt die Bergung ...<\/p>"}},{"identifier":"301caec1-8c1a-4629-b327-4e43efd07fe6","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Der Herr der Fjorde<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Es erscheint nur fair, bei dieser Gelegenheit auch den anderen Hauptdarsteller dieser Geschichte vorzustellen. Kaum ein Wildtier ist so eng mit den Fjordlandschaften Westnorwegens verbunden wie der Rothirsch. Dort, wo Fjorde tief ins Land schneiden, findet er seit Jahrhunderten ideale Lebensbedingungen. Die Jagd auf ihn hat Generationen von J\u00e4gern gepr\u00e4gt und zur Entwicklung jener Hunde beigetragen, die ihm noch heute auf der Spur sind. So wurden Hirsch, Hund und Mensch zu festen Bestandteilen derselben norwegischen Geschichte.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Der Rothirsch geh\u00f6rt zu den urspr\u00fcnglichsten Wildtieren Norwegens. Knochenfunde belegen ihn seit der Steinzeit und eine Studie mit alter und moderner DNA, die rund 7.000 Jahre umspannt, zeigt die norwegischen Hirsche als Endpunkt der nacheiszeitlichen Einwanderung nach Norden. Der Mensch begann fr\u00fch, ordnend einzugreifen: Schon 1604 erlie\u00df K\u00f6nig Christian IV.&nbsp;<br>Regeln f\u00fcr die Jagd auf Rothirsch und Elch. Das half wenig. Im 19. Jahrhundert war der Hirsch in Norwegen auf wenige Hundert Tiere in einer Handvoll isolierter Restbest\u00e4nde zusammengeschrumpft, vor allem entlang der Westk\u00fcste. Wie klein die Best\u00e4nde waren, zeigen die Abschusszahlen. In der Saison 1889\/90 wurden in ganz Norwegen 213 Hirsche erlegt und viele Jahre blieb es bei 200 bis 300 Tieren. 1935\/36 waren es 599, 1955\/56 gerade einmal knapp tausend. Danach nahm die Entwicklung Fahrt auf. In der Saison 2020\/21 \u00fcberschritt die Strecke erstmals die Marke von 50.000. Zum Vergleich: Elche wurden zuletzt rund 26.600 erlegt. Der Rothirsch hat sich damit l\u00e4ngst zur meistbejagten Hirschart des Landes entwickelt, wobei der Elch das mit norwegischer Fassung tr\u00e4gt. Die meisten Hirsche fallen in Vestland sowie in M\u00f8re og Romsdal.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Beg\u00fcnstigt durch mildere Winter, Ver\u00e4nderungen in der Landnutzung und eine gezielte Wildbewirtschaftung, breitet sich der Rothirsch zunehmend aus. Heute lebt er im gesamten S\u00fcden des Landes, die Verbreitung reicht bis zum Saltfjellet in Nordland. Mittlerweile hat die Ausbreitungswelle sogar die schwedische Grenze erreicht, wo sich die aus dem Westen vordringenden norwegischen Rothirsche mit den Populationen treffen, die sich zeitgleich von Osten her aus Schweden ausgebreitet haben. In einigen Gebieten trifft er dabei auf Elchbest\u00e4nde und nutzt \u00e4hnliche Lebensr\u00e4ume und Nahrungsressourcen. Welche Auswirkungen das langfristig auf die Wildbest\u00e4nde haben wird, ist noch nicht vollst\u00e4ndig gekl\u00e4rt. Sicher ist nur: Was einst als typischer Hirsch der Fjorde galt, ist zu einer Wildart geworden, die gro\u00dfe Teile Skandinaviens pr\u00e4gt.<\/p><p><strong>Der Wind dreht<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Irgendwo tr\u00e4gt der Wind jetzt frische Hirschwitterung heran. Der Kaffee wird hastig ausgetrunken, das Brot verschwindet halb gekaut im Mundwinkel, die Pause ist beendet. Der Hund hat beschlossen, dass genug entspannt wurde. Erneut zieht er mit seinem J\u00e4ger im Schlepptau los, um Hirsche zu finden. Irgendwann ver\u00e4ndert sich sein Verhalten erneut. Die Bewegungen werden vorsichtiger. Die Leine spannt sich st\u00e4rker. Der Schwarzhund wei\u00df nun ziemlich sicher, dass ein Hirsch in der N\u00e4he ist. Nichts ist spannender als jene Sekunden (oder Minuten), die vergehen vom Moment, in dem man am Verhalten des Hundes erkennt, dass ein Hirsch ganz nah ist, bis man ihn tats\u00e4chlich erblickt. Oder, je nach Ausgang, nichts ist frustrierender. Schritt f\u00fcr Schritt arbeiten sich Hund und Mensch gegen den Wind voran. Jeder Tritt muss sitzen. Jeder trockene Ast erscheint pl\u00f6tzlich als existenzielle Bedrohung. Der Hund bewegt sich konzentriert vorw\u00e4rts, w\u00e4hrend der J\u00e4ger versucht, m\u00f6glichst ger\u00e4uschlos durch Vegetation zu schleichen, die offenbar eigens daf\u00fcr geschaffen wurde, jeden Kontakt akustisch zu melden.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Dann friert der Hund regelrecht ein. Zwischen Birkenst\u00e4mmen und Heidelbeerstr\u00e4uchern erscheint eine dunkle Silhouette. Vielleicht ein Hirsch. Vielleicht ein Geweih. Vielleicht auch nur ein besonders fantasievoll geformter Felsen. Die Unterschiede sind im westnorwegischen Nebel manchmal \u00fcberraschend gering. Im n\u00e4chs-ten Augenblick f\u00e4llt entweder der Schuss oder der gesamte Hang explodiert f\u00f6rmlich in Rothirschen. Kaum ein Tier bewegt sich durch unwegsames Gel\u00e4nde mit einer solchen Leichtigkeit wie ein westnorwegischer Hirsch, der gerade einen Menschen entdeckt hat. Sekunden sp\u00e4ter sind die Tiere verschwunden, zur\u00fcck bleiben Stille, eine leere Bergflanke und reichlich Gelegenheit zur Selbstkritik des Hundef\u00fchrers. Weil am Ende scheitert eine Jagd deutlich h\u00e4ufiger am Sch\u00fctzen als am Hund.<\/p><p><strong>Wenn der Erfolg zum Problem wird<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Wenn alles gut l\u00e4uft, liegt schlie\u00dflich der Hirsch. Hund und J\u00e4ger tun h\u00f6flich so, als h\u00e4tten sie ungef\u00e4hr gleich viel zum Erfolg beigetragen. Keiner von beiden glaubt das wirklich. Doch die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. Denn nun stellt sich die Frage, was da eigentlich genau liegt und warum der J\u00e4ger es \u00fcberhaupt erlegen durfte. Dann zeigt sich, dass der Hirsch deutlich gr\u00f6\u00dfer ist als durch das Zielfernrohr, das Auto deutlich weiter entfernt als in der Erinnerung und der Hang deutlich steiler als auf dem Hinweg. Beim Abstieg liegen unten im Tal die H\u00f6fe und mit ihnen das eigentliche Thema der norwegischen Hirschbewirtschaftung. Der Rothirsch ist in Norwegen zweifellos eine Erfolgsgeschichte. Doch wie so oft in der Wildtierbewirtschaftung bringt Erfolg auch neue Herausforderungen mit sich. Mit steigenden Best\u00e4nden nehmen in vielen Regionen die Konflikte mit anderen Landnutzern zu. Anders als in vielen mitteleurop\u00e4ischen L\u00e4ndern bereitet dem norwegischen Forst bislang weniger das Sch\u00e4len oder der Verbiss von B\u00e4umen Sorgen. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung liegt vor allem in der Grasproduktion. Besonders Landwirte kennen das Problem nur zu gut. Rothirsche verbringen einen betr\u00e4chtlichen Teil des Jahres auf Wiesen und Weiden und entwickeln dabei einen bemerkenswerten Appetit auf Gras, das eigentlich f\u00fcr die Winterf\u00fctterung von Rindern und Schafen vorgesehen war. Aus Sicht der Hirsche handelt es sich dabei um hochwertiges Futter. Aus Sicht der Landwirte eher um ungefragte Erntehelfer.<\/p><p><strong>Das Erbe der Troph\u00e4enjagd<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">In Norwegen geh\u00f6rt das Wild niemandem, das Jagdrecht aber dem Grundeigent\u00fcmer. Wer Hirsche jagen will, braucht deshalb die Erlaubnis des Grundbesitzers. Geregelt wird die Rothirschjagd auf kommunaler Ebene. Die Gemeinden arbeiten mit sogenannten vald, \u00e4hnlich unseren Hegeringen, und vergeben f\u00fcr jeden vald eine Abschussgenehmigung. Diese Genehmigung legt nicht nur die Zahl der Tiere fest, sondern auch deren Verteilung auf f\u00fcnf Klassen: K\u00e4lber, Schmaltiere, Schmalspie\u00dfer sowie erwachsene Hirsche und Alttiere ab 2,5 Jahren. Die Jagdzeit reicht gesetzlich vom 1. September bis zum 23. Dezember, einzelne Gemeinden d\u00fcrfen sie verk\u00fcrzen oder anders ausgestalten.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen der norwegischen Rothirschbewirtschaftung ist heute das Erbe der Jagdsysteme und Jagdstrategien. Die Quote sollte zwar ausgesch\u00f6pft werden, muss es aber nicht. Der J\u00e4ger hat mit m\u00f6glichen Sch\u00e4den nichts zu tun und daher nicht unbedingt Motivation, Alttiere und K\u00e4lber zu erlegen. Nicht \u00fcberraschend richtete sich das Interesse vieler J\u00e4ger \u00fcber die Jahrzehnte vor allem auf Hirsche mit Geweih. Entsprechend wurden bevorzugt erwachsene Hirsche erlegt, meist unabh\u00e4ngig davon, was sie auf dem Haupt trugen, w\u00e4hrend K\u00e4lber, Jungtiere und Alttiere vergleichsweise geschont wurden. Aus jagdlicher Sicht war diese Strategie nachvollziehbar. Aus Sicht der Populationsbiologie weniger. Die Folge waren in vielen Regionen unausgewogene Geschlechterverh\u00e4ltnisse, eine ung\u00fcnstige Altersstruktur und vor allem stark wachsende Best\u00e4nde. Besonders in den traditionellen Rothirschgebieten entlang der Westk\u00fcste erreichten die Dichten vielerorts ein Niveau, das zunehmend Fragen nach Sch\u00e4den in der Landwirtschaft, Wildunf\u00e4llen und der Gesundheit der Population aufwarf.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Inzwischen hat bei den meisten ein gewisses Umdenken stattgefunden. Vor allem Grundbesitzer und kommunale Wildmanager dr\u00e4ngen massiv darauf, die Quoten zu erf\u00fcllen. Das einzige echte Druckmittel der Grundeigent\u00fcmer ist, dass sie nach Ablauf der Pachtperiode einen neuen P\u00e4chter suchen. Sie kann sich von einer Woche \u00fcber ein Jahr bis zu mehrj\u00e4hrigen Pachtvertr\u00e4gen erstrecken. Dass das n\u00f6tig ist, zeigen die Zahlen: In der Saison 2025\/26 waren landesweit 78.576 St\u00fcck Rotwild zum Abschuss freigegeben, erlegt wurden 50.148, also rund 64 Prozent. Immerhin hat sich das Verh\u00e4ltnis der Geschlechter angeglichen: Unter den Erlegten waren 24.681 m\u00e4nnliche und 25.467 weibliche St\u00fccke.&nbsp;<\/p><p><strong>Freies Kalb: ein Experiment mit Folgen<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Um die sehr hohen Rothirschbest\u00e4nde entlang der Westk\u00fcste zu regulieren, haben viele Regionen ihre Abschussstrategien angepasst. Eine wichtige Rolle spielt dabei die sogenannte Fri-Kalv-Regelung (freies Kalb). Das Prinzip ist einfach: Zus\u00e4tzlich zur regul\u00e4ren Quote d\u00fcrfen K\u00e4lber ohne Obergrenze erlegt werden. Ausprobiert wurde das im Herbst 2022, als in 75 Gemeinden die quotenfreie K\u00e4lberjagd erlaubt wurde. Seither wird die Ausnahme von den Beh\u00f6rden Jahr f\u00fcr Jahr verl\u00e4ngert, zuletzt auch f\u00fcr 2026. Alle erlegten K\u00e4lber m\u00fcssen gemeldet werden und bei der Bewertung der Jagdergebnisse wird der K\u00e4lberanteil herausgerechnet, damit niemand f\u00fcr sein Engagement bestraft wird.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die Begr\u00fcndung der Wildbiologen: Hirschbest\u00e4nde sind von Natur aus an einen hohen K\u00e4lberabgang angepasst und we-niger K\u00e4lber verbessern im folgenden Sommer die Lebensbedingungen der \u00fcberlebenden Jungtiere. In drei Versuchsgemeinden stieg der Anteil erlegter K\u00e4lber um rund drei Prozent. Dramatisch ver\u00e4nderte sich weder die Gesamtstrecke noch die Altersstruktur, sagen die Forscher. Ziel ist es, die Bestandsdichte zu senken, die Alters- und Geschlechterstruktur zu verbessern und langfristig die K\u00f6rperkondition der Tiere zu erh\u00f6hen. Aus Sicht der Wildbiologen ein sinnvoller Ansatz. Aus Sicht eines Rothirschkalbes vermutlich ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, dass erfolgreiche Populationsentwicklung nicht immer nur Vorteile mit sich bringt.<\/p><p><strong>Bis zum n\u00e4chsten Wochenende<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">W\u00e4hrend der J\u00e4ger viele Kilogramm Wildbret talw\u00e4rts schleppt und seine Lebensentscheidungen \u00fcberdenkt, trabt der Schwarzhund leichtf\u00fc\u00dfig voraus. Er wirkt zufrieden, beinahe fr\u00f6hlich. Schlie\u00dflich verbringt er seinen Tag damit, das zu tun, wof\u00fcr er geschaffen wurde. Und der J\u00e4ger? Der kommt meist zu dem Schluss, dass diese Jagd eigentlich viel zu anstrengend ist und n\u00e4chstes Jahr vielleicht etwas weniger betrieben werden sollte. Beim Reinigen des Gewehrs am Abend, mit einer frischen Tasse Kaffee in der Hand, h\u00e4lt er diesen Plan dann schon f\u00fcr etwas weniger \u00fcberzeugend. Bis zum n\u00e4chsten Wochenende jedenfalls. Dann stehen beide wieder am Fu\u00df des Berges, blicken in den Nieselregen und halten die ganze Sache erneut f\u00fcr die spannendste Besch\u00e4ftigung der Welt.<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Andreas Zedrosser<\/em><\/p>"}}]}