{"identifier":"5544ec15-193c-4aea-ac94-17d0ade075ba","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Stille allerorten!","subTitle":"Still war\u2019s. Kein Auto st\u00f6rte den Frieden. 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Der Weg, heim nach K\u00e4rnten und wieder zur\u00fcck, viel zu weit. Das f\u00fcr solche Tage vom zust\u00e4ndigen Referenten empfohlene Kultur- und Kulinarikprogramm war l\u00e4ngst abgearbeitet, das notwendige Allgemeinwissen \u00fcber Baustile und Epochen l\u00e4ngst verinnerlicht.<\/p><p>Dieses Mal hatte die Forstdirektion das f\u00fcr mich gedachte Programm wohlwollend ge\u00e4ndert. Zu zweit wollten wir nach einem \u201eWeihnachtsbratei\u201c schauen. Beim Aufbruch eine Ahnung von Sonne hinter tr\u00e4ge ziehenden Nebelschleiern. Nach einer knappen Stunde Fahrt das Revier, eingeklemmt zwischen Donau und Urgebirge. Im Wald viel Granit an der Oberfl\u00e4che, alte Wei\u00dftannen \u2013 ein Hauch Adalbert Stifter, eine Erinnerung an die verblassten B\u00f6hmerwaldskizzen Karl Klostermanns, an eine Zeit, in der das ganze Gebirge noch B\u00f6hmerwald genannt wurde \u2026<\/p><p>So genoss man den Sonntag, auf einem Stockerl sitzend, dann wieder an \u00e4rarische Buchen oder Fichten gelehnt, und pflegte die Hoffnung. Drau\u00dfen im offenen Land musste die Donau den Nebel zum Mitkommen \u00fcberredet haben; einzelne Strahlenb\u00fcndel fanden den Weg ins Stangenholz.<\/p><p>Still war\u2019s. Kein Auto st\u00f6rte den Frieden, kein Flugzeug. Gelegentlich, wie um Diskretion bem\u00fcht, kaum h\u00f6rbar das L\u00f6sen eines sp\u00e4ten Buchenblattes vom Zweig, vielleicht noch ein zartes Anstreifen auf dem Weg zur Erde. Einmal ein Tannenh\u00e4her, der mich neugierig betrachtete.<\/p><p>Dann \u2013 unvermutet und doch ganz pflichtschuldigst erwartet: Gei\u00df und Kitz! Fast \u201et\u00e4nzelnd\u201c huschten sie durchs Stangenholz. Einen Moment verhofften sie \u2013 beide spitz zu mir stehend. Angst, der Wind k\u00f6nnte mich verraten haben. Doch der stand gut, daf\u00fcr noch ziemlich weit entfernt die hohe Stimme eines Hundes \u2013 der Dackel meines Gastgebers. Die beiden Rehe setzten sich ohne jede Hast wieder in Bewegung, eine gute Schrotschussweite links an mir vorbei, um, sich leicht nach hinten drehend, in bequemer Schussweite zu verhoffen.&nbsp;<\/p><p>Der Knall des Schusses wurde zum \u201eLaut\u00adst\u00e4rkenregler\u201c des rauhaarigen Basti. Die Gei\u00df ging im Schuss fl\u00fcchtig ab, das Kitz lag, machte noch zwei, drei Zucker mit einem der beiden Vorderl\u00e4ufe. Man hat \u201egemordet\u201c und erlebt eine urzeitliche, heute \u201ekindisch\u201c genannte Freude: Endlich Fleisch!&nbsp;<\/p><p>Dann machte sich wieder Stille breit, nur mein Tinnitus \u00fcbernahm \u2013 fast stimmungsvoll \u2013 die akustische Umrahmung. Nach Basti kam auch dessen Gesch\u00e4ftspartner, der Herr Jagdreferent, w\u00fcnschte Weidmannsheil und bemerkte lachend: Weihnachten sei gesichert.<\/p><p>Novembertage sind kurz, und so fuhren wir mit dem Auto zur benachbarten F\u00f6rsterei. Dieses Mal sa\u00df ich auf einem gut mannshohen Granitblock in einem Buchenaltholz mit viel \u201erehhoher\u201c Verj\u00fcngung. Viel Bewegung erlaubte dieser Stand nicht, er war verr\u00e4terisch, auch wenn er guten Einblick in die inselartige Verj\u00fcngung bot. Bequem konnte man ihn auch nicht nennen. Der Stein war kalt und die Beine hingen einfach herunter und eine Auflage gab es \u00fcberhaupt nicht. Da war ein ruhiger Schuss schwierig. Ja, in der Schweiz, in Schweden und anderswo h\u00e4tte man die Flinte \u00fcber den Knien gehabt. Doch an solche M\u00f6glichkeiten darf man bei uns gar nicht denken. Protestanrufe und Verlangen nach Boykott \u201eringsum\u201c. Wir beschw\u00f6ren fast unabl\u00e4ssig unsere jagdliche Tradition und verteufeln jene, die bis 1938 bei uns und in fast ganz Europa gelebt wurde. Was danach kam, nennen wir Tradition \u2026<\/p><p>B\u00f6hmerwald: Schon vor mehr als 150 Jahren verw\u00fcstete ein Orkan in wenigen Stunden gro\u00dfe Teile des B\u00f6hmerwaldes. Was folgte, war eine&nbsp; explosionsartige Vermehrung der Borkenk\u00e4fer. In Teilen der Bev\u00f6lkerung wurde die Katastrophe wohlwollend aufgenommen und ging, so hinterlie\u00df uns Klostermann, als \u201egoldene K\u00e4ferjahre\u201c in die Geschichte ein. Sie brachte Menschen, nicht Maschinen Arbeit und Brot. Viele Berufe profitierten von ihr.&nbsp;<\/p><p>Unser \u201eTreiben\u201c war ein ziemlich steiler und daher auch recht verwilderter Graben \u2013 Bauernwald. Wir bejagten nur die eine Seite, jene, auf der die Sonne lag. Auf die andere Seite wechselten die Rehe, wenn sie der Hund in Bewegung brachte, nur selten. Fast immer fl\u00fcchteten sie quer durch den Hang oder sie spielten zwischen Stechlaub, einzelnen Eiben und Fichtenwildnis mit dem Hund Katz und Maus.<\/p><p>Vor vielen Jahren, noch in der alten Heimat, hatte ich im Allg\u00e4u eine vergleichbare Situation. Mit von der Partie war fast immer meine Terrierh\u00fcndin. Am Beginn des verwachsenen Grabens abgelegt, wartete sie darauf, von Heidi nach der Uhr losgeschickt zu werden. Ich aber postierte mich mit Abstand am Ende des Grabens und wartete auf Anlauf. Mehr als zweimal je Herbst haben wir das nie praktiziert. So fehlte den Rehen weitgehend die M\u00f6glichkeit zu lernen.<\/p><p>Nun sa\u00df man auf seinem Granit und genoss die Sonne. Zwischendurch irgendwo in dem Verhau ein paar Juchzer des Dackels, dann wieder Stille. Man versuchte, den Hundelaut in Bilder umzusetzen, hoffte auf ein sich aus dem Staub machendes Reh und war gleichzeitig schon rundum zufrieden. Es war Zeit, innerlich loszulassen.<\/p><p>Im Kopf diskutierten Stifter und Klostermann, wer von den vielen b\u00f6hmisch-bayerischen Dichtung und Erz\u00e4hlung verfallenen Landsleuten ihnen am n\u00e4chsten w\u00e4re. Einer, der ihnen zeitlich nachfolgte, war Johann Peter, der sich den Namen \u201eRosegger des B\u00f6hmerwaldes\u201c erschrieb. Auch er war dem Wald tief verschworen. Er war \u00d6sterreicher, und doch war ihm die Moldau n\u00e4her als die Donau.<\/p><p>Wieder ein Juchzer vom Hund, noch zwei, drei, vier. Dann ganz kurze Pause und nachfolgend glockenheller, l\u00fcckenloser Spurlaut. Bilder leuchteten im Kopf auf, wollten eine Antwort: die einzelnen Juchzer als Ouvert\u00fcre? Vielleicht die in der warmen Mittagsluft stehende Witterung eines vor dem Hund aus der Sasse gefahrenen Hasen? Die Kette sich schnell und gleichm\u00e4\u00dfig folgender, anhaltender Laute \u2013 eher eine \u201es\u00fc\u00dfe\u201c Rehwitterung? &nbsp;<\/p><p>Und schon werden meine Gedanken wieder provokativ: Wie stellt man fest, ob eine Witterung s\u00fc\u00df oder sauer ist?<\/p><p>Bastis \u201eKehlkopf-Handy\u201c meldet, dass ein Reh Kurs auf mich h\u00e4lt. Der sich n\u00e4hernden Herausforderung noch nicht richtig bewusst, sehe ich ein Reh links zwischen Ginsterb\u00fcschen verschwinden. Ich hatte keine Chance, es zu fehlen \u2026<\/p><p>Irgendwann w\u00fcrde eine Treiberhupe den Schluss unseres Unternehmens verk\u00fcnden. Gerade noch Zeit, dar\u00fcber nachzudenken, warum weibliches Rehwild nicht zur Troph\u00e4enschau muss. Ohne Gei\u00dfen ist doch die Zeugung neuer Rehe gar nicht nachhaltig. Sie bestimmen doch bei allen K\u00f6rpermerkmalen mit \u2013 selbst bei den sekund\u00e4ren Geschlechtsmerkmalen der B\u00f6cke!<\/p><p>Am Abend bin ich wieder in der Lehranstalt, sitze in meinem Zimmer und lese in der \u00d6sterreichischen Forst-Zeitung vom 11. Juni 1909 einen Beitrag von Leopold Hufnagel: \u201eDer Hauptvorzug des B\u00f6hmerwaldes ist seine gewaltige Waldromantik; denn hier gibt es wirklich noch W\u00e4lder von mitunter halbtausendj\u00e4hrigem Alter und Urwaldcharakter, die zu betreten nicht jedermann den Mut findet, wenn er ohne F\u00fchrer wandert.\u201c<\/p><p>Vorbei!<\/p>"}}]}