{"identifier":"5d19e7a7-c3bd-4362-9536-2d0a7185f2f8","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Der wahre K\u00f6nig tr\u00e4gt Geweih","subTitle":"In diesen Tagen spricht Norwegen \u00fcber K\u00f6nige, Thronfolge und Kr\u00f6nung. Doch die Frage nach dem wahren K\u00f6nig des Landes ist l\u00e4ngst gekl\u00e4rt. Er wohnt nicht in einem Schloss in Oslo, sondern in den W\u00e4ldern, Mooren und Bergen des Landes. Dort tr\u00e4gt der Monarch weder Uniform noch Krone, sondern dunkelbraunes Fell und ein gewaltiges Schaufelgeweih. Sein Thron besteht aus Heidelbeeren, Weidenr\u00f6schen und jungen Birken und seine Herrschaft erstreckt sich \u00fcber die tiefen W\u00e4lder des Nordens.&nbsp;","teaserText":null,"uriPathSegment":"der-wahre-koenig-traegt-geweih","dateTime":null,"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/51e8c27d98c5c90490c993bf475526a243f903d7\/Bilder_1200x616_Jagareien-Norwegen_01-1024x526.jpg","images":[],"categories":[{"identifier":"5980b1c9-d48d-4bd2-a98c-51174e187aa7","title":"Unter J\u00e4gern"}],"categories2":[{"identifier":"5ceabebb-1c98-448c-8803-557b025e1fe2","title":"Jagareien aus ..."}],"public":null},"childNodes":[{"identifier":"6b29c160-5aff-4fe1-9dbf-577c0d5cf341","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Gro\u00df, w\u00fcrdevoll, etwas stur und stets ein wenig unnahbar pr\u00e4gt der Elch Landschaft, Kultur und Jagdleidenschaft Norwegens wie kaum ein anderes Tier. Wenn sich im Herbst die Birken gelb f\u00e4rben und die ersten Nachtfr\u00f6ste \u00fcber die Moore ziehen, beginnt nicht nur eine Jagdsaison, sondern eine Tradition, die Familien, Dorfgemeinschaften und ganze Landstriche verbindet. Die Elchjagd ist in Norwegen weniger gesellschaftliches Ereignis als vielmehr gelebte Kultur: bodenst\u00e4ndig, gemeinschaftlich und verankert in einer Tradition, die nicht st\u00e4ndig begr\u00fcndet werden muss, weil sie f\u00fcr viele selbstverst\u00e4ndlich zum Leben geh\u00f6rt.<\/p><p><strong>Das K\u00f6nigreich des Elchs<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Wer Norwegen auf der Landkarte betrachtet, erkennt schnell eine gewisse Ordnung. Die steilen und verregneten Fjorde der Westk\u00fcste geh\u00f6ren dem Rothirsch. Hoch oben auf den kahlen Vidden der Gebirgsregionen ziehen die Rentiere ihre alten Wanderwege. Dazwischen jedoch liegt das eigentliche Waldland Norwegens: ein scheinbar endloses Mosaik aus Kiefern- und Fichtenforsten, Mooren, Seen und Birkenh\u00e4ngen. Und dieses Reich geh\u00f6rt seit Jahrtausenden dem Elch. Sein Verbreitungsgebiet reicht heute von den Waldlandschaften S\u00fcdnorwegens bis weit in den hohen Norden des Landes. Nur in den baumarmen Hochgebirgen und den \u00e4u\u00dfersten K\u00fcstenregionen wird der \u201eK\u00f6nig des Waldes\u201c zunehmend selten. Doch \u00fcberall dort, wo in Norwegen Wald w\u00e4chst, stehen die Chancen gut, dass auch irgendwo ein Elch unterwegs ist.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Seine heutige Verbreitung ist jedoch das Ergebnis einer langen und wechselvollen Geschichte. Nach dem Ende der letzten Eiszeit breitete sich der Elch gemeinsam mit den nach Norden wandernden W\u00e4ldern \u00fcber weite Teile Norwegens aus. Doch seine Best\u00e4nde waren nicht immer so hoch wie heute. Besonders im 18., 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert f\u00fchrten intensive Bejagung und die zunehmende Nutzung der Waldlandschaften vielerorts zu starken Bestandsr\u00fcckg\u00e4ngen. Regional ver-<br>schwand der Elch zeitweise sogar ganz aus seinem angestammten Lebensraum. Erst strengere Jagdregelungen und ein gezieltes Wildtiermanagement erm\u00f6glichten seine R\u00fcckkehr.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Wer heute in den W\u00e4ldern von \u00d8stlandet oder Tr\u00f8ndelag unterwegs ist, bewegt sich im Kernland des norwegischen Elchs. Hier erreicht die Art ihre h\u00f6chsten Dichten und pr\u00e4gt das Wildtiermanagement wie keine andere Hirschart. Aber auch in der Kulturlandschaft geh\u00f6rt der Elch zum gewohnten Bild. Elche auf Feldern, in jungen Forstkulturen oder mitten im Hafer sind ein normaler Bestandteil des norwegischen Alltags. Die Geschichte des \u00f6sterreichischen Elchs \u201eEmil\u201c, dessen Auftauchen und sp\u00e4tere Umsiedlung gro\u00dfe \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit erregten, hat man in Norwegen mit einer Mischung aus Verwunderung und Belustigung verfolgt. Aus norwegischer Perspektive w\u00e4re die Vorstellung, einen Elch wegen seiner Anwesenheit in der Kulturlandschaft umzusiedeln, ungef\u00e4hr so au\u00dfergew\u00f6hnlich, wie auf die Idee zu kommen, einen Rothirsch aus einem Wald zu entfernen, weil er dort regelm\u00e4\u00dfig auftaucht.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"6837dd1f-a8e0-48d7-aa06-7d9c5ff7c2af","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/c07f2f5f143f49c978c8040578634132a509c80b\/Bilder_1200x616_Jagareien-Norwegen_02-1024x526.jpg","caption":"<p>Sie bewohnen W\u00e4lder, aber auch in der Kulturlandschaft geh\u00f6rt der Elch zum gewohnten Bild. Elche auf Feldern, in jungen Forstkulturen oder mitten im Hafer sind ein normaler Bestandteil des norwegischen Alltags.<\/p>"}},{"identifier":"38ead14b-4116-4dbb-82d6-ba15f3a6a13d","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Krone mit Charakter<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Mit einer Schulterh\u00f6he von bis zu zwei Metern und einem Gewicht von 400 bis 600 Kilogramm ist der Elch unbestritten der Gigant unter Europas Hirschen. Zwar erreicht er nicht ganz die gewaltigen Ausma\u00dfe seiner Verwandten in Alaska oder dem Yukon, doch auch ein norwegischer Elchbulle, von den Norwegern treffend als okse (Ochse) bezeichnet, hinterl\u00e4sst Eindruck. Auf dem Papier klingen 600 Kilogramm bereits beeindruckend. Wirklich begreift man diese Dimensionen jedoch erst, wenn nach erfolgreicher Jagd ein Elch vor einem liegt. Selbst erfahrene J\u00e4ger bleiben dann oft einen Moment stehen und lassen die schiere Gr\u00f6\u00dfe des Tieres auf sich wirken. F\u00fcr Neulinge folgt meist dieselbe Reaktion: ein kurzer Blick auf das Tier, ein zweiter Blick zur Sicherheit und die Erkenntnis, dass Elche auf Fotos viel kleiner wirken als in der Realit\u00e4t.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Auch sein Geweih verleiht dem europ\u00e4ischen Elch einen unverwechselbaren Charakter. Im Vergleich zu den legend\u00e4ren Alaska- und Yukon-Elchen fallen die Geweihe norwegischer Bullen meist etwas kompakter aus. Die breiten, kr\u00e4ftigen Schaufeln wirken weniger spektakul\u00e4r als die oft riesigen Geweihkronen ihrer nordamerikanischen Verwandten, daf\u00fcr aber ausgesprochen kraftvoll und harmonisch. Ganz nach norwegischem Geschmack: etwas weniger Prunk, daf\u00fcr etwas mehr Charakter.<\/p><p><strong>Der H\u00f6hepunkt der Macht<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Der Elch ist nicht nur Norwegens gr\u00f6\u00dftes Wildtier, sondern auch die mit Abstand bedeutendste Wildart der Jagd. Jahr f\u00fcr Jahr werden landesweit bis zu 30.000 Elche erlegt, wobei die Abschusszahlen je nach Bestandsentwicklung und jagdlichen Zielsetzungen schwanken. In den 1990er-Jahren erreichten die Elchbest\u00e4nde historische H\u00f6chstst\u00e4nde und die j\u00e4hrlichen Strecken lagen zeitweise deutlich \u00fcber den heutigen Werten. Ihren H\u00f6hepunkt erreichten sie 1999 mit fast 40.000 erlegten Elchen.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Was zun\u00e4chst wie eine Erfolgsgeschichte klingt, brachte jedoch auch Herausforderungen mit sich. Verbisssch\u00e4den in den W\u00e4ldern und Wildunf\u00e4lle nahmen vielerorts deutlich zu. Besonders betroffen sind junge Kieferndickungen, deren Triebe zu den wichtigsten Winternahrungsquellen des Elchs z\u00e4hlen. Bei hohen Elchdichten k\u00f6nnen die Sch\u00e4den erheblich sein und sowohl das Wachstum der Best\u00e4nde als auch die sp\u00e4tere Holzqualit\u00e4t beeintr\u00e4chtigen. Daher wird heute versucht, die Elchbest\u00e4nde in vielen Regionen auf einem niedrigeren Niveau zu halten, um ein Gleichgewicht zwischen Wald, Wild und menschlicher Nutzung zu schaffen. Manchmal gelingt das sogar. Dennoch erinnern sich viele \u00e4ltere J\u00e4ger noch heute sehns\u00fcchtig an jene Jahre, als Elche vielerorts so h\u00e4ufig waren, dass ihre Existenz keiner langen Diskussionen bedurfte, sondern sich gelegentlich sogar durch eine tats\u00e4chliche Begegnung im Wald belegen lie\u00df.<\/p><p><strong>Weniger Untertanen, neue Sorgen<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Gleichzeitig stehen die Elchbest\u00e4nde heute vor einem Problem, das auf den ersten Blick paradox erscheint: Weniger Elche bedeuten nicht automatisch ges\u00fcndere Elche. In vielen Regionen werden seit Jahren sinkende Schlachtgewichte und eine geringere K\u00e4lberproduktion beobachtet. Manche Elchk\u00fche bringen nur noch ein Kalb zur Welt, w\u00e4hrend Zwillingsgeburten fr\u00fcher deutlich h\u00e4ufiger waren. Auch die K\u00e4lber selbst erreichen oft nicht mehr die Gewichte fr\u00fcherer Jahrzehnte. Die Ursachen hierf\u00fcr sind komplex. Vieles deutet darauf hin, dass das Nahrungs-angebot in manchen Gebieten nicht mehr mit den Anspr\u00fcchen der Population Schritt h\u00e4lt. Wenn \u00fcber Generationen hinweg zu viele M\u00e4uler an denselben Kiefern-, Weiden- und Vogelbeertrieben \u00e4sen, bleibt f\u00fcr das einzelne Tier weniger Nahrung verf\u00fcgbar.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Hinzu kommen weitere m\u00f6gliche Belastungsfaktoren wie klimatische Ver\u00e4nderungen, die das Pflanzenwachstum, die Schneeverh\u00e4ltnisse und die Parasitenbelastung beeinflussen k\u00f6nnen. Auch Ver\u00e4nderungen der Waldlandschaft tragen dazu bei, dass wertvolle \u00c4sungsfl\u00e4chen verloren gehen oder zerschnitten werden. Die moderne Elchbewirtschaftung besch\u00e4ftigt sich deshalb l\u00e4ngst nicht mehr nur mit der Frage, wie viele Elche es gibt. Zunehmend steht auch die Frage im Zentrum, wie es den Elchen tats\u00e4chlich geht. Denn eine Population l\u00e4sst sich nicht allein an ihrer Gr\u00f6\u00dfe messen, sondern ebenso an ihrer Gesundheit, ihrem Ern\u00e4hrungszustand und ihrem Fortpflanzungserfolg. Oder, etwas vereinfacht formuliert: F\u00fcr Wildbiologen ist ein schwerer Elch oft interessanter als ein zahlreicher Elch.<\/p><p><strong>Der Hofstaat seiner Majest\u00e4t Elch<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Ein norwegisches elglag ist eine Jagdgemeinschaft, die gemeinsam ein Elchrevier bewirtschaftet. Auf den ersten Blick mag es sich dabei lediglich um eine Gruppe von J\u00e4gern handeln. Wer ein elglag jedoch genauer betrachtet, erkennt schnell, dass es um weit mehr geht als um die Jagd auf den Elch. Aus soziologischer Sicht handelt es sich um eine bemerkenswert stabile Institution der norwegischen Gesellschaft.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Jeden Herbst versammeln sich Menschen unterschiedlicher Berufe und Generationen in denselben Jagdrevieren, folgen denselben Ritualen und diskutieren dieselben Themen wie ihre V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter vor ihnen. Hier trifft der Unternehmer auf den Elektriker, der Lehrer auf den Krankenpfleger und f\u00fcr einige Wochen z\u00e4hlen weniger berufliche Titel als vielmehr Ortskenntnis, Jagderfahrung und die F\u00e4higkeit, einen Elch zwischen zwei Birken auf erstaunliche Distanz zu erkennen. Die Mitglieder kennen sich oft seit Jahrzehnten, nicht selten jagen bereits die dritte oder vierte Generation derselben Familien gemeinsam. Diese Kontinuit\u00e4t schafft Vertrauen und Stabilit\u00e4t, macht das System aber nicht unbedingt offen f\u00fcr Ver\u00e4nderungen. Neue Mitglieder finden h\u00e4ufig nur langsam Zugang und neue Ideen m\u00fcssen sich ihren Platz erst verdienen, weil in einem elglag jede vern\u00fcnftige Neuerung sorgf\u00e4ltig gepr\u00fcft, ausgiebig diskutiert und meist so lange vertagt wird, bis sie selbst zur Tradition geworden ist.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Besonders deutlich wird die Bedeutung dieser Tradition am ersten Tag und in der ersten Woche der Elchjagd. Wer am 25. September ohne triftigen Grund fehlt, riskiert nicht nur, die Jagd zu verpassen, sondern auch ein gewisses Ma\u00df an sozialem Unverst\u00e4ndnis. In manchen Gegenden scheint die Er\u00f6ffnung der Elchsaison einen h\u00f6heren Stellenwert zu besitzen als Geburtstage, Konferenzen oder andere Verpflichtungen, die anderswo als wichtig gelten w\u00fcrden.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"f31486e7-80a3-4a35-8150-308a45051193","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/a0199ef4b4fca456fa1deb7aeec543c6a5bae689\/Bilder_1200x616_Jagareien-Norwegen_03-1024x526.jpg","caption":"<p>Jeden Herbst versammeln sich Menschen unterschiedlicher Berufe und Generationen in denselben Jagdrevieren, folgen denselben Ritualen und diskutieren dieselben Themen wie ihre V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter vor ihnen.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"fa8f231c-653b-4cf6-9dc0-67229330109d","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Die Verwaltung des K\u00f6nigreichs<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Hinter der gelassenen Atmosph\u00e4re des elglags verbirgt sich ein bemerkenswert pr\u00e4zises System. Die meisten Elchreviere sind Teil eines sogenannten vald, einer jagdlichen Verwaltungseinheit, in der sich zahlreiche Grundeigent\u00fcmer zusammengeschlossen haben. Grundlage der Bewirtschaftung bilden das \u201etellende areal\u201c (z\u00e4hlende Fl\u00e4che), also jene Fl\u00e4chen, die dem Elch tats\u00e4chlich als Lebensraum dienen, sowie das von der Kommune festgelegte \u201eminsteareal\u201c (Mindestfl\u00e4che). Dieses bestimmt, wie viele Hektar Lebensraum rechnerisch f\u00fcr eine Abschussgenehmigung erforderlich sind. Je kleiner das minsteareal angesetzt wird, desto mehr Elche k\u00f6nnen grunds\u00e4tzlich freigegeben werden.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die Gemeinde tr\u00e4gt dabei die Verantwortung f\u00fcr die \u00fcbergeordneten Bewirtschaftungsziele und die Festlegung der Abschussquoten, die auf Bestandsdaten, Verbisssch\u00e4den, Wildunf\u00e4llen und langfristigen Managementzielen beruhen. Auf dieser Grundlage werden j\u00e4hrlich Abschusspl\u00e4ne erstellt, die festlegen, wie viele K\u00e4lber, 1,5-j\u00e4hrige Tiere sowie erwachsene (2,5+ Jahre) K\u00fche und Bullen entnommen werden d\u00fcrfen. Die Vorgaben beziehen sich dabei meist auf vergleichsweise grobe Alters- und Geschlechtsklassen. Aus \u00f6sterreichischer Sicht wirkt das mitunter fast erstaunlich unkompliziert. W\u00e4hrend man in den Alpen fast schon \u00fcberpr\u00e4zise zwischen verschiedenen Alters- und Geweihklassen unterscheidet, verfolgt die norwegische Elchbewirtschaftung traditionell einen deutlich pragmatischeren Ansatz.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Dieser hat allerdings auch Konsequenzen. Da erwachsene Bullen h\u00e4ufig unabh\u00e4ngig von Alter oder Geweihentwicklung in dieselbe Kategorie fallen, wurden \u00fcber viele Jahrzehnte zahlreiche mittelalte Bullen mit gro\u00dfen Geweihen erlegt, lange bevor sie ihr volles k\u00f6rperliches und reproduktives Potenzial erreichen konnten. Entsprechend sind wirklich alte Elchbullen heute in vielen Best\u00e4nden eher die Ausnahme als die Regel. Werden die zugeteilten Quoten in einem Jahr nicht vollst\u00e4ndig ausgesch\u00f6pft, verf\u00e4llt der nicht genutzte Teil in der Regel mit dem Ende der Jagdsaison. Zugleich k\u00f6nnen dauerhaft nicht erf\u00fcllte Abschusspl\u00e4ne f\u00fcr die lokalen Wildbeh\u00f6rden ein Hinweis darauf sein, dass die Bestandsgr\u00f6\u00dfen oder die festgelegten Ziele \u00fcberpr\u00fcft werden sollten.<\/p><p><strong>Die k\u00f6niglichen Statistiker<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Eine Schl\u00fcsselrolle in diesem Jagdsys-tem spielen die J\u00e4ger selbst. W\u00e4hrend Wildtierforschung in vielen L\u00e4ndern vor allem Aufgabe von Beh\u00f6rden oder Wissenschaftlern ist, sind norwegische Elchj\u00e4ger zugleich die wichtigsten Datensammler des Systems. Jeder Jagdtag liefert Informationen, die weit \u00fcber den eigentlichen Abschuss hinausgehen. Im Rahmen des sogenannten Sett-Elg(Beobachtete Elche) Systems werden s\u00e4mtliche Beobachtungen dokumentiert: Wie viele K\u00fche, K\u00e4lber und Bullen wurden gesehen? Wie viele K\u00e4lber f\u00fchrte jede Kuh? Wie viele Jagdstunden waren notwendig, um einen Elch zu erlegen? Aus den Antworten auf diese scheinbar einfachen Fragen entsteht \u00fcber Jahre hinweg ein au\u00dferordentlich detailliertes Bild der Populationsentwicklung.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Hinzu kommen die Daten der tats\u00e4chlich erlegten Tiere, als \u201eSett og Skutt\u201c (\u201ebeobachtet und geschossen\u201c) bezeichnet. Jeder geschossene Elch wird registriert. Geschlecht, Altersklasse, Schlachtgewicht und weitere biologische Merkmale werden erfasst. So l\u00e4sst sich nachvollziehen, ob die Tiere schwerer oder leichter werden, ob die K\u00e4lberproduktion zu- oder abnimmt und wie sich die Altersstruktur des Bestandes ver\u00e4ndert. Die sinkenden Schlachtgewichte und die r\u00fcckl\u00e4ufige Reproduktion, die heute in manchen Regionen Sorge bereiten, w\u00e4ren ohne diese jahrzehntelange Datensammlung kaum erkennbar.<\/p><p><strong>Seine Majest\u00e4t unter Beobachtung<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">L\u00e4ngst geschieht diese Datenerfassung nicht mehr mit Bleistift und Notizbuch. Alle Beobachtungen und Absch\u00fcsse werden heute direkt \u00fcber Smartphone-Apps erfasst und nahezu in Echtzeit an das nationale Hjorteviltregister \u00fcbermittelt. Was fr\u00fcher erst am Abend in der Jagdh\u00fctte festgehalten wurde, landet heute oft schon wenige Minuten nach einer Beobachtung oder einem Abschuss im System. F\u00fcr viele J\u00e4ger geh\u00f6rt der Blick aufs Smartphone inzwischen ebenso selbstverst\u00e4ndlich zum Jagdalltag wie das Fernglas oder die Kaffeekanne.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Im Hjorteviltregister laufen diese Informationen zusammen. Diese zentrale Datenbank bildet damit das R\u00fcckgrat der norwegischen Elchbewirtschaftung und liefert die Grundlage f\u00fcr Bestandsanalysen, Abschussplanung und wissenschaftliche Auswertungen. Hier werden Jagdstrecken, Beobachtungsdaten, Fallwildmeldungen, Gewichte und Bestandsinformationen aus dem ganzen Land gesammelt und ausgewertet. F\u00fcr Wildbiologen ist das Register ein wissenschaftlicher Datenschatz, f\u00fcr die Gemeinden eine zentrale Grundlage der Bestandsbewirtschaftung und f\u00fcr die Jagdgemeinschaften ein Archiv, in dem sich die Geschichte ihres Elchbestandes \u00fcber Jahrzehnte hinweg nachvollziehen l\u00e4sst.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Bemerkenswert ist dabei, dass ein Gro\u00dfteil dieser Informationen nicht von hauptberuflichen Forschern erhoben wird, sondern von Tausenden J\u00e4gern, die an k\u00fchlen Herbstmorgen im Wald unterwegs sind. Betrachtet man die Menge und die zeitliche Tiefe der gesammelten Daten, k\u00f6nnte man beinahe zu dem Schluss kommen, dass die norwegische Elchjagd eine gro\u00df angelegte wissenschaftliche Langzeitstudie ist, die gelegentlich von der Erlegung eines Elches unterbrochen wird. Kaum ein Monarch der Welt wird von seinen Untertanen so aufmerksam beobachtet und dokumentiert wie der K\u00f6nig des norwegischen Waldes.<\/p>"}},{"identifier":"77455e57-9c7f-4d03-b146-5d9811261d12","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/1a35e4ba49b00a18d5db732a5cd422ba9462f024\/Bilder_1200x616_Jagareien-Norwegen_04-1024x526.jpg","caption":"<p>Eine traditionelle Elchjagd erinnert an ein kleines Freilichttheater, in dem jeder seine Rolle seit Jahren kennt, w\u00e4hrend der Elch als Regisseur mit bemerkenswerter Konsequenz daf\u00fcr sorgt, dass nichts nach Plan verl\u00e4uft ...&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"bdb4349a-6485-46c9-84ca-c23be52110c6","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Die Hofjagd<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Wer glaubt, eine norwegische Elchjagd bestehe lediglich aus einigen J\u00e4gern, einem Hund und einem Elch, untersch\u00e4tzt die soziale Komplexit\u00e4t des Ganzen erheblich. Tats\u00e4chlich erinnert ein traditionelles elglag an ein kleines Freilichttheater, in dem jeder seine Rolle seit Jahren kennt, w\u00e4hrend der Elch als Regisseur mit bemerkenswerter Konsequenz daf\u00fcr sorgt, dass nichts nach Plan verl\u00e4uft. Die eigentlichen Hauptdarsteller sind dabei nicht nur die Elche, sondern auch die Menschen. Um sie vorzustellen, nehme ich mir die Freiheit, die wichtigsten Rollen anhand von drei guten Freunden zu beschreiben.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Da ist zun\u00e4chst Christoffer, der Hundef\u00fchrer. Gemeinsam mit seinem grauen Norwegischen Elchhund verbringt er den Gro\u00dfteil der Jagd in Bewegung, w\u00e4hrend sich die \u00fcbrigen J\u00e4ger im Revier verteilen und die Bewegungen des Hundes \u00fcber GPS verfolgen. Jede Kurs\u00e4nderung wird aufmerksam be-obachtet und \u00fcber Funk diskutiert. Zeitweise entsteht dabei der Eindruck, dass der Hund die Jagd organisiert, w\u00e4hrend die Menschen lediglich versuchen, herauszufinden, was sein Plan ist. Christoffer kennt jeden Sumpf, jeden Bergr\u00fccken und jede Dickung im Revier. Sein Hund ist dabei nicht nur Jagdgef\u00e4hrte, sondern auch derjenige in der Jagdgesellschaft, der am besten wei\u00df, wo sich der Elch tats\u00e4chlich befindet.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">W\u00e4hrend Christoffer durch den Wald zieht, sitzt Ole auf seinem Posten. Theoretisch besteht seine Aufgabe darin, aufmerksam den Wald zu beobachten und jederzeit bereit zu sein, einen vorbeiziehenden Elch zu entdecken. Praktisch versteht Ole das Postieren als kulturelles Gesamterlebnis. Er richtet sich ein. Die Kaffeekanne wird ausgepackt. Das Feuer wird vorbereitet. Irgendwo tauchen W\u00fcrstchen auf. Besonders ber\u00fchmt wurde Ole allerdings durch seinen pragmatischen Umgang mit kulinarischen Herausforderungen. Wenn kein Lagerfeuer verf\u00fcgbar ist oder das Wetter andere Pl\u00e4ne hat, greift er auf bew\u00e4hrte norwegische Ingenieurskunst zur\u00fcck: die Standheizung seines Autos. Auf diese Weise lassen sich W\u00fcrstchen auf eine Temperatur bringen, die man mit etwas Wohlwollen als \u201ewarm\u201c bezeichnen k\u00f6nnte. Sein pers\u00f6nlicher Rekord liegt bei 19 kalten W\u00fcrstchen mit zwei Scheiben Brot. Aber sollte ein Elch auftauchen, ist von der Gem\u00fctlichkeit pl\u00f6tzlich nichts mehr zu sp\u00fcren. Dann verwandelt sich Ole mit bemerkenswerter Geschwindigkeit vom W\u00fcrstchenexperten zum hochkonzentrierten J\u00e4ger. Trotz aller kulinarischen Ablenkungen besitzt er die F\u00e4higkeit, nahezu jeden Elch, der seinen Posten passiert, auch tats\u00e4chlich zu erlegen.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Henrik ist der Fleisch\u00f6konom des elglags. W\u00e4hrend andere noch \u00fcber Schussdistanz oder Geweihgr\u00f6\u00dfe diskutieren, denkt Henrik bereits an Zerwirken, K\u00fchlung, Reifung und Fleischqualit\u00e4t. Er geh\u00f6rt zu jener Kategorie von Menschen, die einen frisch erlegten Elch nicht am Geweih, sondern am Schlachtgewicht beurteilen. Hinzu kommt eine weitere Aufgabe, die in Jagderz\u00e4hlungen h\u00e4ufig untersch\u00e4tzt wird: der Transport des Elches aus dem Wald. Solange der Elch irgendwo zwischen Moor, Fichtenjungwuchs und einem besonders ung\u00fcnstig gelegenen Hang liegt, ist die Arbeit noch nicht beendet. W\u00e4hrend andere noch Fotos machen oder diskutieren, wie gro\u00df der Bulle nun wirklich war, organisiert Henrik bereits Seile, Anh\u00e4nger und die n\u00f6tige Logis-tik. Auf seinem Hof hat er sich eine eigene Schlachterei eingerichtet und sich damit gewisserma\u00dfen einen zweiten Beruf geschaffen. W\u00e4hrend andere ihren Urlaub f\u00fcr Strandferien oder St\u00e4dtereisen nutzen, nimmt Henrik zur Elchjagd einen ganzen Monat frei. Der Oktober ist f\u00fcr ihn weniger Ferienzeit als vielmehr Hochsaison. Jagd, Fleischverarbeitung und Schlachterei gehen f\u00fcr einige Wochen nahtlos ineinander \u00fcber, bis kaum noch zu erkennen ist, wo der J\u00e4ger aufh\u00f6rt und der Metzger beginnt. Er \u00fcbernimmt auch Auftr\u00e4ge von anderen elglags und verarbeitet bis zu zw\u00f6lf Elche pro Tag. Schlie\u00dflich wei\u00df er besser als die meisten: Ein Elch ist erst dann wirklich erlegt, wenn er auch aus dem Wald und in die K\u00fchlkammer gebracht wurde.<\/p><p><strong>Der K\u00f6nig hat seinen eigenen Plan<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Der eigentliche Ablauf der Jagd klingt denkbar einfach. Christoffer und sein Hund finden einen Elch, dessen Bewegungsrichtung \u00fcber Funk weitergegeben wird. Ole und die anderen Postenj\u00e4ger beziehen Stellung und rechnen fest damit, dass das Tier dort erscheinen wird. W\u00e4re der Elch ebenso berechenbar wie die Theorie, g\u00e4be es allerdings deutlich weniger Jagdgeschichten. Mit bemerkenswerter Regelm\u00e4\u00dfigkeit entscheidet sich der K\u00f6nig des Waldes f\u00fcr jene Route, die auf keiner Karte eingezeichnet war und die niemand vorhergesagt hat. Nach vielen Stunden intensiver Planung, Warten und Funkverkehr dr\u00e4ngt sich bisweilen der Verdacht auf, dass der Elch den Funkkanal kennt und seine Route gezielt danach ausrichtet. Statt vor den Posten aufzutauchen, verschwindet er mitsamt Hund im Nachbarrevier. Doch hin und wieder f\u00fcgen sich die Dinge \u00fcberraschend genau nach Plan. Dann taucht der Elch dort auf, wo Ole ihn erwartet.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Genau deshalb kommt jedes Jahr wieder dieselbe Gruppe zusammen: Christoffer mit seinem Hund, Ole mit seinen W\u00fcrstchen, Henrik mit Messer, Anh\u00e4nger und \u00f6konomischem Blick auf das Wildbret und der Rest des elglags mit Kaffee, Geschichten und jahrzehntelanger Erfahrung. Offiziell geht es um Elche. In Wirklichkeit geht es mindestens ebenso sehr um die Menschen. Und vielleicht ist genau das das Geheimnis des norwegischen elglags: Der K\u00f6nig des Waldes ist die Hauptfigur, aber das eigentliche Schauspiel spielt sich zwischen den Menschen ab, die ihm Jahr f\u00fcr Jahr hinterherziehen.<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Andreas Zedrosser<\/em><\/p>"}}]}