{"identifier":"b54db5f1-1d5f-401a-a2ac-d477dabf511f","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Halte es jeder, wie er wolle","subTitle":"Schwingenrauschen, Schatten im nachlassenden Licht, schon unterhalb der Baumkronen. Doppelschuss in die Abendstille hinein. Werbender Waldkauz. 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Er war der gro\u00dfz\u00fcgige Sponsor eines Verbandes und er k\u00e4mpfte unerm\u00fcdlich gegen die Nachsuche von Rehen mit dem \u201eroten Hund\u201c. Ja, er sah darin einen schweren Versto\u00df gegen die Weidgerechtigkeit.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Bei dieser Pr\u00fcfung durften wir mit gebotenem Abstand einem Hund folgen, der ein laufkrankes Alttier in der N\u00e4he eines Fischteiches gestellt hatte und ausdauernd bailte.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Als der Fangschuss gefallen und \u00fcber Funk ein Bergefahrzeug beordert war, hatten wir Gelegenheit, eine Einrichtung zu besichtigen, die es zahlenden westlichen J\u00e4gern erm\u00f6glichte, erfolgreich auf Enten zu \u201eweidwerken\u201c. Die kaum fluggewohnten Zuchtenten kamen aus K\u00f6rben in eine Art \u201eH\u00fchnerauslauf\u201c. In diesem f\u00fchrte ein Laufbrett auf eine kleine Plattform, von der aus die Enten \u2013 geschoben von den nachdr\u00e4ngenden Artgenossen \u2013 in Freiheit flattern konnten. Das funktionierte mithilfe von Mais. Alles dr\u00e4ngte hinauf zum Futter und schubste sich gegenseitig hinaus. Entsprechend wurden die Sch\u00fctzen um den Teich postiert. Die Meinung unserer kleinen Begleitgruppe war einhellig.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Heute sind solche und \u00e4hnliche Einrichtungen in verschiedenen EU-L\u00e4ndern immer noch zu finden. An \u201eKunden\u201c scheint es nicht zu fehlen, und wenn die Jagd gem\u00e4\u00df unserem jagdlichen Brauchtum weidgerecht organisiert wird \u2013 also Strecke gelegt und geblasen wird&nbsp;\u2013, ist alles in Ordnung \u2026<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Im letzten Jahr wurde ich nach einem Vortrag zu einer derartigen Jagd eingeladen. Ich bedankte und entschuldigte mich gleicherma\u00dfen. Je \u00e4lter man wird, umso mehr muss man mit der \u2013 vielleicht \u2013 verbleibenden Zeit haushalten.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Der Verzicht fiel mir nicht allzu schwer, zumal ein lieber Freund aus fr\u00fchen Jugendtagen meinte, es w\u00e4re sch\u00f6n, uns noch einmal zu sehen. So machten sich Heidi und ich vergangenen Oktober auf die nervenaufreibende Fahrt in die Heimat meiner Kinder- und fr\u00fchen Jugendjahre. Im Gep\u00e4ck neben einer Spinnangel samt diversen Blinkern und Kescher eine nagelneue, h\u00f6chst komfortable Flinte \u2013 Geschenk eines B\u00fcchsenmachers.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Zum Fischen kam ich am Ankunftstag nicht mehr, doch zum Abendeinfall reichte es. Die lange Trockenheit hatte dem Auwald und seinen Altarmen und Lacken viel Wasser geraubt. So waren es gerade noch zwei Schirme, die einen guten Einfall versprachen. Dort, wo ich Gast war, durfte im Wasser ohnehin nicht gekirrt werden. Kirrte man am Ufer, f\u00fchlten sich Rehe, Sauen und allerlei Nager angesprochen. Doch J\u00e4ger sind oft findige Menschen, denen immer eine L\u00f6sung einf\u00e4llt \u2026<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Der Schirm war perfekt. Auf drei Seiten mannshoch mit geschnittenem Schilf eingefasst, vorn offen. Fester Boden, auf dem man auch im Stehen ruhig schie\u00dfen konnte, und ein \u201edamentaugliches\u201c Bankerl samt Lehne. Das war wichtig!<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Etliche N\u00e4chte mit Temperaturen um null Grad hatten das Millionenheer der Gelsen schon kr\u00e4ftig reduziert. Die kleinen, l\u00e4stigen Insekten sind fast immer ein Problem. Sind die N\u00e4chte noch frostfrei, vertreiben die Gelsen die Menschen aus der Au. Aber dem J\u00e4ger f\u00e4llt es schwer, sich zu konzentrieren. Sobald die von kalten N\u00e4chten geschw\u00e4chten Gelsen jedoch in Vogelschn\u00e4beln, Fledermaus- und Fischm\u00e4ulern verschwunden sind, wagen sich Natur- und Menschenfreunde in die Auw\u00e4lder.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Doch seit die ersten W\u00f6lfe in der Au gesichtet wurden, treten die Menschen den R\u00fcckzug an, noch ehe die Enten einfallen. Wer Rotk\u00e4ppchen nicht mehr traut und lieber h\u00f6rt, wie man in anderen durchaus zivilisierten L\u00e4ndern mit Problemen umgeht, die gar keine sind, genie\u00dft die stillen Abende in der Au. Sie stehen an Stimmung einem Schnepfenabend nicht nach. Der Schrei des Reihers, vielleicht die heisere Emp\u00f6rung eines Rehs, das Wind vom J\u00e4ger bekommen hat, oder der helle Schlag des Bibers mit seiner flachen Kelle aufs Wasser in die Abendstille hinein \u2026<\/p><p style=\"text-align:justify;\">So sa\u00dfen wir: entspannt und angespannt zugleich. Heidi begab sich in einem kleinen, d\u00fcnnen Kastel, das die Menschen Smartphone nennen, auf die Nachsuche. Sie hatte \u201eWildentenrezepte\u201c eingegeben, gedacht f\u00fcr eine eventuell von mir erlegte Stockente. Gut, sie hat in mehr als einem halben Jahrhundert Gemeinsamkeit viele dieser V\u00f6gel auf den Tisch gebracht und alle hatten meinen ehrlichen Beifall erzwungen.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die Generation unserer M\u00fctter kam mit einem halben Dutzend Rezepten in allen Situationen durchs Leben: Schweinebraten, Gefl\u00fcgelbraten und Fisch ohne gro\u00dfe Variationen f\u00fcr besondere Tage, Sauerkraut, Kartoffeln und Kohl, mehrfach abgewandelt, f\u00fcr den Alltag \u2026<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Da sa\u00dfen wir also und genossen den Abend: die langsam weniger werdenden Stimmen, die ber\u00fchrende Stimmung dieser noch relativ urspr\u00fcnglichen Landschaft, ihren Ruch \u2013 Franz Schuberts Abschiedssymphonie&nbsp;\u2026&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Das Rauschen von Entenschwingen zwischen Weiden und Erlen, der Kontakt eines Vogelk\u00f6rpers mit Wasser und Laichkraut \u2013 und das alles hinter \u00fcberh\u00e4ngenden, uns die Sicht nehmenden \u00c4sten. Nicht die Runde eines Sekundenzeigers sp\u00e4ter erfolgte die Wiederholung.&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Heidis Smartphone wanderte in ihre Parkatasche. Aufmerksamkeit, Anspannung: W\u00fcrden weitere Enten einfallen? W\u00fcrden die bereits eingefallenen uns den Gefallen tun \u2026<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Ist es \u00fcberhaupt weidgerecht, auf dem Wasser liegende Enten zu beschie\u00dfen, oder verzeiht Hubertus eher, wenn \u2013 so die M\u00f6glichkeit \u2013 die in der Luft befindlichen Enten mit ein, zwei Schroten im K\u00f6rper weitergeschickt werden? Warum vermerkt in den zwei Laufmetern daheim im Regal stehender Kochb\u00fccher keines, welches Rezept sich f\u00fcr welche Erlegungsart besonders eignet?<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Nochmals Schwingenrauschen, Schatten im nachlassenden Licht, schon unterhalb der Baumkronen. Doppelschuss in die Abendstille hinein. Aufspritzen des von zwei Vogelk\u00f6rpern getroffenen Altwassers. Noch ehe die Sch\u00fcsse verhallt waren, laute \u201eSalutschl\u00e4ge\u201c einer Biberkelle. Heiser, vom Rauschen m\u00fcder Schwingen begleiteter Protestschrei des Reihers. Von drau\u00dfen, vom breiten, eind\u00e4mmernden Schicksalsstrom her\u00fcber, das Signalhorn eines Frachtkahns. \u00dcber uns das Rauschen einer von den Sch\u00fcssen aufgem\u00fcdeten \u201eStarenwolke\u201c: \u201eFuneral\u201c des Auwaldes.<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Heidi hatte ihr kleines Glasel dabei: \u201eIch sehe eine, dort, wo der Ast aus dem Laichkraut ragt, die andere dicht daneben im offenen Altwasser.\u201c Dann die entscheidende, auch ein ganz klein wenig den Sinn der Jagd unterstreichende Frage: \u201eWie magst du sie am liebsten; so wie immer, mit \u00c4pfeln und Maroni? Kartoffeln oder Kn\u00f6del?\u201c<\/p><p style=\"text-align:justify;\">\u201eJo, so wie immer, bitte.\u201c&nbsp;<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Immer wieder Entenschwingen \u00fcber uns, Auwald, der in der Nacht versank. Wir mussten auf Rolf, unseren Gastgeber, warten, dessen Arko die Enten aus dem Wasser holen w\u00fcrde. F\u00fcr den Fall einer fr\u00fcher notwendigen Nachsuche gab es das Handy \u2026<\/p><p style=\"text-align:justify;\">Der Weg zum Auto. Werbender Waldkauz. Letzte, diskret sirrende Gelsen, die uns der Auwald ins Schlafzimmer geschickt hatte. Manchmal die Vorstellung, der Einladung in jenes \u201egut gehegte\u201c Entenrevier gefolgt zu sein: statt zwei vielleicht 30 selbst erlegte Enten. Triumphmarsch statt Funeral? Nein!<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Bruno Hespeler<\/em><\/p>"}}]}