{"identifier":"3fd6d8ed-6d54-4706-b736-72e9dff83e90","nodeType":"Inoovum.Site:Document.App.Article","properties":{"title":"Von r\u00f6mischen Wolskindern und Lungauer Werw\u00f6lfen","subTitle":"W\u00f6lfe haben den Menschen immer schon in ihren Bann gezogen, wie sich an unz\u00e4hligen Mythen rund um dieses schlaue Gro\u00dfraubtier zeigt. Man traute ihnen zu, verwaiste Menschenkinder aufziehen zu k\u00f6nnen, aber auch dass sie Tod und Teufel mit sich bringen.","teaserText":null,"uriPathSegment":"von-roemischen-wolskindern-und-lungauer-werwoelfen","dateTime":null,"image":"https:\/\/assets.inoovum.io\/_Resources\/Persistent\/6edc1e4931ac5947749f02900e1df25f85eb543d\/9e8f65c9f860ce611f4f9e95b1f370b07fcaabc7\/Bilder_1200x616_Kalte-Faehrte_01-1024x637.jpg","images":[],"categories":[{"identifier":"ec73ced4-4a28-472b-b641-f192863cfc5f","title":"Jagdkultur"}],"categories2":[{"identifier":"ca2c9be9-1182-478d-8478-71d2611e8f96","title":"Zur\u00fcck auf kalter F\u00e4hrte"}],"public":null},"childNodes":[{"identifier":"9e709db4-0fae-44eb-b5c2-b7347aa7a022","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Eingebettet in sich st\u00e4ndig \u00e4ndernde Lebenswelten, war der Mensch seit Jahrtausenden gezwungen, sich im Spannungsfeld zwischen den vorgegebenen Naturkr\u00e4ften und der Entwicklung seiner eigenen kulturellen F\u00e4higkeiten stets neu zu definieren. Einst selbst ein Teil der nat\u00fcrlichen Nahrungskette, ist ihm dabei die von Angst und Ehrfurcht gepr\u00e4gte Faszination an gef\u00e4hrlichen Raubtieren bis heute erhalten geblieben. Nicht nur in Europa, sondern bei zahlreichen Kulturen auf der gesamten n\u00f6rdlichen Hemisph\u00e4re nahm dabei der Wolf eine au\u00dferordentliche Rolle ein.&nbsp;<\/p><p><strong>Zwischen Verehrung und Verachtung<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Nach dem Verschwinden der eiszeitlichen Megafauna war der Wolf neben dem ebenso gef\u00fcrchteten wie verehrten B\u00e4ren jenes europ\u00e4ische Gro\u00dfraubtier, zu dem die Menschen in den folgenden Jahrtausenden ein Verh\u00e4ltnis entwickelten, das stets zwischen Verehrung und Verachtung schwankte und das vor allem bei den agrarischen Kulturen der Neuzeit von Verfolgung und den mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen der Ausrottung dieser Tiere gepr\u00e4gt war. Der Umgang mit dem Wolf war dabei stets vom Weltbild und den Wertvorstellungen der jeweiligen Epoche beeinflusst. Wohl noch auf einer pr\u00e4historischen, von beiden Seiten als durchl\u00e4ssig empfundenen archaischen Mensch-Tier-Beziehung fu\u00dfend, galt der Wolf noch bis in die Antike als mythischer Stammvater zahlreicher Kulturen oder Herrscherfiguren. Das bekannteste Beispiel daf\u00fcr ist wohl die Gr\u00fcndungslegende der antiken Gro\u00dfmacht Rom. Dabei war es weniger ein Stammvater als vielmehr eine Mutter, n\u00e4mlich die \u201eKapitolinische W\u00f6lfin\u201c, die sich der beiden ausgesetzten Zwillingsbr\u00fcder Romulus und Remus angenommen haben soll. Der eine, n\u00e4mlich Romulus, gr\u00fcndete laut dieser Geschichte, und nachdem er zuvor seinen Bruder erschlagen hatte, die Stadt Rom. Als Abk\u00f6mmlinge einer Vergewaltigung der Priesterin Rhea Silvia durch den Kriegsgott Mars sollten Romulus und Remus eine von den G\u00f6ttern hergeleitete Abstammung des R\u00f6mischen Imperiums symbolisieren. Der Wolf galt dabei als Charaktertier des Kriegsgottes und Krieg und Gewalt sollten in der Folge auch die st\u00e4ndigen Begleiter der antiken Gro\u00dfmacht bleiben. Beispielhaft an dieser Legende ist die scheinbar widerspr\u00fcchliche Verbindung des Wolfs mit Krieg und Zerst\u00f6rung einerseits, so wie aber auch mit Mutterschaft und F\u00fcrsorge auf der anderen Seite. So findet sich das Motiv der sogenannten \u201eWolfskinder\u201c in zahlreichen Kulturen wieder.&nbsp;<\/p><p><strong>Mowgli und andere Wolfskinder<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die Vorstellung, dass sich W\u00f6lfe um verwaiste Menschenkinder k\u00fcmmern, faszinierte wohl seit jeher und so z\u00e4hlen etwa in unserer heutigen Zeit die fiktiven Geschichten \u00fcber den Jungen Mowgli aus Kiplings \u201eDschungelbuch\u201c zu den popul\u00e4rsten Versionen dieser weit zur\u00fcckreichenden Wolfs-kindlegenden. Seit dem 14. Jahrhundert wurden etwa 53 F\u00e4lle sogenannter \u201eWolfskinder\u201c beschrieben. Neben einigen F\u00e4lschungen handelte es sich dabei jedoch gro\u00dfteils um Geschichten aus zweiter Hand, sodass eine direkte \u00dcberpr\u00fcfung kaum m\u00f6glich war. Vermutlich stellte die Mehrzahl dieser Legenden den Versuch dar, das in vergangenen Zeiten immer wieder aufgetretene Ph\u00e4nomen verwahrloster und\/oder ausgesetzter Kinder zu erkl\u00e4ren. K\u00f6rperlich und geistig beeintr\u00e4chtigt, wurden deren mangelhaftes Sozialverhalten, die meist fehlende Sprachf\u00e4higkeit, anormale Bewegungsmuster und unkultivierte Essgewohnheiten oftmals als tierisch empfunden und somit mit dem Ph\u00e4nomen der Wolfskinder zu erkl\u00e4ren versucht. Wenngleich also die M\u00f6glichkeit einer Aufzucht menschlicher S\u00e4uglinge durch W\u00f6lfe weitgehend ausgeschlossen werden kann, sind aber sehr wohl F\u00e4lle bekannt, wo es zu einem engen sozialen Zusammenschluss von Stra\u00dfenkindern mit herrenlosen Hunden gekommen ist. So war es wohl auch bei den r\u00f6mischen Zwillingen weniger die W\u00f6lfin als vielmehr der in der Geschichte ebenso erw\u00e4hnte Hirte Faustulus, der sich gemeinsam mit seiner Frau Acca Larentia der Kinder annahm.<\/p>"}},{"identifier":"7fab200e-e367-4d52-a078-37493fe47051","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/www.anblick.at\/media\/thumbnail\/3b23cf43-5eb9-42c3-b76b-29e16745d7e5","caption":"<p>Die ber\u00fchmte Bronzefigur der \u201eKapitolinischen W\u00f6lfin\u201c stellte zun\u00e4chst nur das Tier selbst dar. Die beiden Knaben Romulus und Remus wurden erst sp\u00e4ter durch einen Renaissancek\u00fcnstler hinzugef\u00fcgt<\/p>"}},{"identifier":"187f1fea-653a-49a9-ad48-d44dc976a176","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>Parallelen zwischen Mensch und Wolf<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Tats\u00e4chlich faszinierte die Menschen aber seit jeher das ausgepr\u00e4gte Sozialverhalten der W\u00f6lfe. Wir entdecken darin zahlreiche Parallelen zum eigenen menschlichen Zusammenleben und auch die Entwicklung der au\u00dfergew\u00f6hnlichen und einzigartigen Beziehung zwischen Mensch und Hund l\u00e4sst sich wohl zu einem guten Teil mit dieser art\u00fcbergreifenden Gemeinsamkeit erkl\u00e4ren. Auf der anderen Seite waren es aber auch stets die animalisch-triebhaften, von Z\u00fcgellosigkeit und Aggression gepr\u00e4gten Charakterz\u00fcge dieses gro\u00dfen Fleischfressers, die die Fantasie der Menschen seit jeher besch\u00e4ftigten. Dabei diente der Wolf wie wohl das Tier im Allgemeinen stets vor allem als Spiegelbild und Projektionsfl\u00e4che der eigenen psychischen Abgr\u00fcnde sowie der von Kultur und Religion gepr\u00e4gten moralischen Wertvorstellungen. Ein \u00fcber zahlreiche Kulturen hinweg verbreitetes und wohl auch bereits archaisch angelegtes Ph\u00e4nomen stellt in diesem Kontext der bis heute in Fantasyromanen und Horrorfilmen lebendig gebliebene Werwolfmythos dar, dessen Inhalt nichts Geringeres darstellt, als die Vorstellung, dass sich ein Mensch in einen Wolf verwandeln k\u00f6nne. Das germanische Wort \u201ewer\u201c bedeutet dabei \u201eMann\u201c und macht das sagenhafte Mischwesen also eigentlich zu einem \u201eMann-Wolf\u201c. Diese als Lykanthropie bezeichnete Verwandlung \u2013 \u201elykos\u201c ist dabei das altgriechische Wort f\u00fcr \u201eWolf\u201c und \u201eanthropos\u201c das Wort f\u00fcr \u201eMensch\u201c \u2013 taucht als Mythos in allen Epochen der abendl\u00e4ndischen Kultur auf. Als bekanntestes antikes Beispiel gilt dabei die Sage \u00fcber den griechischen K\u00f6nig Lykaon der, nachdem er in frevelhafter Weise dem Gottvater Zeus Menschenfleich geopfert hatte, von diesem zur Strafe in einen Wolf verwandelt wurde. Im Mittelalter dann galt Lykanthropie zun\u00e4chst als Gottesstrafe und erblicher Fluch.&nbsp;<\/p><p><strong>Werw\u00f6lfe und Schadzauber<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Die Betroffenen wurden anfangs aber noch als Opfer von List und Schadenszauber betrachtet. Erst in der Folge des fr\u00fchneuzeitlichen Hexenwahns galten Werw\u00f6lfe als mit dem Teufel im Pakt stehende Menschen. Der in unterschiedlichen Varianten \u00fcber ganz Europa verbreitete Volksglaube brachte zahlreiche Menschen vor Gericht und nach erfolterten Gest\u00e4ndnissen auf den Scheiterhaufen. Oftmals war das Werwolfph\u00e4nomen mit wirtschaftlichen Notzeiten und dem Auftreten sogenannter \u201eWolfsplagen\u201c verkn\u00fcpft. Der Wolf wurde in dieser Zeit zum Sinnbild f\u00fcr Ungl\u00fcck, Tod, Krieg und Zerst\u00f6rung, und da man seiner oft genug nicht habhaft werden konnte, beschuldigte man im Rahmen eines von Zauber und Magie gepr\u00e4gten Weltbildes \u201everd\u00e4chtige\u201c Personen, meist Vertreter sozialer Randgruppen, des Werwolfzaubers. \u00c4hnlich wie heute war es aber wohl vor allem ein sich verschlechterndes Klima, das zu jener Zeit nach einer mittelalterlichen Warmphase dann zwischen 1300 und 1900 mit der sogenannten \u201eKleinen Eiszeit\u201c in eine relativ k\u00fchle Periode eintrat. Kalte Winter, verregnete Sommer, massive Gletschervorst\u00f6\u00dfe sowie auch zahlreiche Kriege f\u00fchrten immer wieder zu Missernten, Hunger und sozialer Not. Gesellschaftliche Spannungen waren die Folge und das Auftreten von W\u00f6lfen brachte das Fass in manchen Regionen zum \u00dcberlaufen. Nach den schrecklichen Jahrhunderten der Hexenprozesse vom 15. bis ins 17. Jahrhundert ist schlie\u00dflich sogar noch vom Beginn des 18. Jahrhunderts aus dem Lungau ein aufgrund der erhalten gebliebenen Gerichtsprotokolle gut dokumentierter Werwolfprozess \u00fcberliefert. So kam es offenbar ab 1713 im s\u00fcd\u00f6stlichen Landesteil des Salzburger Erzstiftes mehrfach zu Wolfsrissen bei den Nutztieren der dort heimischen Bauern. Im Grenzgebiet zwischen der Steiermark, K\u00e4rnten und Salzburg konnten sich offenbar trotz intensiver Verfolgung die W\u00f6lfe noch lange Zeit halten. Zwischen 1716 und 1717 kam es dann zu einer H\u00e4ufung von Wolfsrissen, wobei auch die Durchf\u00fchrung mehrerer Dr\u00fcckjagden nicht zum gew\u00fcnschten Erfolg f\u00fchrte.<\/p>"}},{"identifier":"87014ae3-22e3-459a-a095-03ef5e1c4983","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/www.anblick.at\/media\/thumbnail\/1a05a4b2-a335-44d4-b9b8-f032b9305d9e","caption":"<p>Holzschnitt von Lucas Cranach dem \u00c4lteren, 1512. Beeinflusst durch ein von Magie und Zauber gepr\u00e4gtes Weltbild und infolge von Missernten, Kriegen, Pandemien und sozialer Not war w\u00e4hrend der fr\u00fchen Neuzeit neben dem Hexenwahn auch der Glaube an Werw\u00f6lfe in Europa weitverbreitet.<\/p>"}},{"identifier":"cdc358d0-ee07-42c1-bb38-7f844009a979","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>S\u00fcndenbockdynamik<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">Den sesshaften, mehr oder weniger wohlhabenden Bauern, die sich durch die Wolfrisse in ihrer Existenz bedroht sahen, standen auf den unteren sozialen&nbsp; Ebenen Bettlergemeinschaften in Form mittelloser Vagierender gegen\u00fcber. Normalerweise von Almosen und Gelegenheitsarbeiten lebend, machten sie sich zeitweise auch die Ohnmacht der Bauern zunutze, um sich als in magischen Dingen kundig darzustellen und so den Bauern Schutz- oder Segenszauber anzubieten oder aber im Konfliktfall auch mit Schadenszauber zu drohen. Nachdem sich nun jedoch die Situation durch die Wolfsrisse zugespitzt hatte, suchten die verzweifelten Bauern im Zuge einer Platz greifenden S\u00fcndenbockdynamik nach Schuldigen und brachten die Bettler schlie\u00dflich als Werw\u00f6lfe und damit als mit dem Teufel im Bund stehend in Verruf. Nach dem Versagen des herrschaftlichen Jagdwesens und den zu jener Zeit nicht vorhandenen Sozialhilfestrukturen im Salzburger Kirchenstaat unter F\u00fcrsterzbischof Franz Anton von Harrach schloss sich das Pfleggericht Moosham, einen Ausweg aus der Situation suchend, den irrwitzigen Vorw\u00fcrfen der Bauern an und lie\u00df die Bettler festnehmen. W\u00e4hrend einige von ihnen die Werwolfvorw\u00fcrfe bald best\u00e4tigten, vielleicht aufgrund geistiger Beeintr\u00e4chtigung oder aber auch, um sich einfach nur wichtig zu machen, wurden sie vom Anf\u00fchrer der Bettlergruppe, dem Hauptverd\u00e4chtigen Rupp Gell, zun\u00e4chst noch standhaft bestritten. Nach \u00dcberstellung der Gefangenen nach Salzburg und weiteren Verh\u00f6ren gab der \u201ePerger\u201c, wie Rupp Gell genannt wurde, unter Einsatz der Folter schlie\u00dflich seinen Widerstand auf und gestand, was der Salzburger Hofrat Leonardi h\u00f6ren wollte, n\u00e4mlich einen Pakt mit dem Teufel, der ihn unter Verwendung einer \u201eSchwarzen Salbe\u201c zur Wolfsverwandlung bef\u00e4hige. Die vom Ankl\u00e4ger geforderte Todesstrafe durch das Feuer wurde vom Landesherrn, der von der Beweisf\u00fchrung in dieser Sache dann wohl doch nicht ganz \u00fcberzeugt war, schlie\u00dflich zu einer lebenslangen Galeerenstrafe \u201eabgemildert\u201c. Der Erl\u00f6s aus dem Verkauf des Verurteilten an die Venezianer diente zur teilweisen Kostenabdeckung der entstandenen Prozesskosten. Da dadurch nat\u00fcrlich weder das Wolfsproblem noch die Bettlerproblematik auf Dauer gel\u00f6st waren, kam es in den Folgejahren sogar noch zu einer weiteren Verurteilung. Im Zuge dieses letzten Werwolfprozesses in Salzburg wurde der Bettler Simon Wind schlie\u00dflich 1720 in Moosham im Beisein der Bauern und als abschreckendes Beispiel f\u00fcr seinesgleichen mit dem Schwert exekutiert.<\/p>"}},{"identifier":"f7946302-4968-43bc-8db7-0a45f6e2a8a4","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/www.anblick.at\/media\/thumbnail\/1bc727ee-e395-46e4-9b1b-5d1fee7a576b","caption":"<p>Der Glaube an Mensch-Tier-Mischwesen war in fr\u00fcheren Zeiten nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich. Diese Abbildung stammt aus dem \u201eWunderbuch\u201c des Conrad Wolffhart (Conrad Lycosthenes) aus dem 16. Jahrhundert, das neben Monstern und Fabelwesen auch Himmelsph\u00e4nomene und Naturkatastrophen jener&nbsp;<br>Zeit dokumentierte.<\/p>"}},{"identifier":"a17e0320-325c-4d1f-8508-87657aa91d44","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p><strong>W\u00f6lfe als Problemverst\u00e4rker<\/strong><\/p><p style=\"text-align:justify;\">W\u00e4hrend die Hexen- und Werwolfprozesse im Zuge der Aufkl\u00e4rung w\u00e4hrend des 18. Jahrhunderts ein Ende fanden, blieb die Wolfsproblematik in manchen Gebieten noch lange brisant und so sollte es erst im 20. Jahrhundert gelingen, den Wolf in weiten Teilen Mittel- und Westeuropas auszurotten. Mit der seit einigen Jahrzehnten stattfindenden Wiederbesiedelung Europas durch diesen Beutegreifer kommt es nun auch zu erneuten Konfliktsituationen, nicht nur mit diesem Spitzenpr\u00e4dator, sondern auch innerhalb der Gesellschaft zwischen meist urbanen und damit nicht unmittelbar selbst betroffenen Bef\u00fcrwortern einer Wolfsausbreitung und der von Wolfsrissen unmittelbar betroffenen l\u00e4ndlich-b\u00e4uerlichen Bev\u00f6lkerung. Dabei scheint der Wolf auch heute seiner Rolle als \u201eProblemverst\u00e4rker\u201c gerecht zu werden. Auf Basis moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse und unter Einsatz heutiger Technologien sowohl im Bereich des Herdenschutzes als auch bei der Kontrolle und \u00f6rtlich notwendigen Reduktion der W\u00f6lfe sollte ein Problemmanagement durchaus machbar sein, allein der poltische und gesellschaftliche Diskurs dar\u00fcber bleibt allzu oft im emotionalen und b\u00fcrokratischen Sumpf stecken und endet letztlich meist im polarisierenden \u201eEntweder-oder\u201c und der \u201eVerteufelung\u201c der jeweils anderen Interessenvertreter. Damit ist die Wolfsproblematik auch heute nicht nur eine \u00f6konomische, sondern vermag dieses intelligente und anpassungsf\u00e4hige Gro\u00dfraubtier allein durch sein Auftreten, einem Brennglas gleich, den Fokus auf zahlreiche gesellschaftliche Probleme zu legen.&nbsp;<\/p>"}},{"identifier":"c5f87242-aedf-4c1c-864f-e9bb03345f32","nodeType":"Neos.NodeTypes:Image","properties":{"image":"https:\/\/www.anblick.at\/media\/thumbnail\/cce2a756-07c2-4415-8c43-d050583652cf","caption":"<p>Sch\u00fctzenscheibe, vermutlich aus dem 19. Jahrhundert, als Erinnerung an den angeblich letzten Wolf aus dem Bereich Wolfschwang, Gro\u00dfgmain, am Fu\u00dfe des Untersberges in Salzburg, der im Jahr 1726 geschossen wurde.<\/p>"}},{"identifier":"58fd297d-d51d-4d49-975d-9ee09b81823a","nodeType":"Neos.NodeTypes:Text","properties":{"text":"<p style=\"text-align:justify;\">Klimakrise, soziale Ungleichheit, Kriege, Inflation, Artensterben, das Aufstreben populistischer\/faschistischer Gruppierungen, Pandemien und weltweite Migrationsbewegungen \u2013 wie bereits die Menschen vor uns leben auch wir heute in einer Zeit massiver Krisen und gro\u00dfer Ver\u00e4nderungen und so ist es nicht prim\u00e4r nur die tierische Konkurrenz, die das gr\u00f6\u00dfte Problem darstellt, sondern sind wir es selbst, denen der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Gemeinschaft verloren zu gehen drohen, sodass auch wir heute Gefahr laufen, dem \u201eanderen\u201c und dabei vor allem sozialen Randgruppen das Menschsein abzusprechen, nur um ihn oder sie leichter verurteilen, abschieben und im schlimmsten Fall \u201ebeiseiter\u00e4umen\u201c zu k\u00f6nnen. Die Populisten bedienen diese Dynamiken nur zu gerne. Und so sollten wir vorsichtig bleiben und die Grundwerte menschlicher Gemeinschaft nicht aus den Augen verlieren, um nicht wieder einem mittelalterlichen Werwolfglauben anheimzufallen bzw. in Anlehnung daran einfachen, geistig schlichten S\u00fcndenbockstrategien auf den Leim zu gehen.<\/p><p style=\"text-align:right;\"><em>Markus Zeiler<\/em><\/p>"}}]}