Im Revier

Die Mär vom ewigen Achter

Die Geweihform von Hirschen hat einen sehr großen Wiedererkennungswert. Es ist dabei vor allem die untere Geweihhälfte, die stets sehr charakteristisch ist. Der Rest des Stangenaufbaues ist recht variabel und hängt nicht nur von der Veranlagung ab.

Ein älterer Achter ist gefallen und einige Jäger haben sich um ihn versammelt. Einen von ihnen höre ich sagen, dass dieser Hirsch nie eine Krone geschoben hätte. "Ein ewiger Achter – ganz klar!", ergänzt er mit fester Stimme. So ziemlich jeder Weidmann dürfte schon einmal vom "ewigen Achter" gehört haben. Dabei ist zunächst fraglich, ob es tatsächlich derartige Hirsche gibt, die für immer kronenlos bleiben. Spannt man das Ganze etwas weiter auf, ergibt sich die Frage, wie variabel bestimmte Geweihmerkmale eines Hirsches tatsächlich sind und welche Änderungen sich von Jahr zu Jahr ergeben können. Eine aktuelle Untersuchung der Justus-Liebig-Universität Gießen (Bils et al., 2023) gewährt spannende Einblicke.

Langjährige Entwicklungen nachvollziehen zu können, ist für den praktischen Jäger allein schon deshalb schwierig, weil in der Regel keine Abwurfreihen vorliegen. Und selbst wenn diese (vermeintlich) vorhanden sind, bleibt die Unsicherheit, ob sie tatsächlich von ein und demselben Hirsch stammen. Genetische Untersuchungen machen es heute möglich nachzuweisen, ob derartige Serien auch einem Hirsch zuzuordnen sind. In der oben genannten Untersuchung stellte man auf diese Weise sicher, dass die zu untersuchenden Abwurf-reihen zweifelsfrei zueinanderpassten. Insgesamt analysierten die Wissenschaftler 35 Geweihe beziehungsweise 377 Abwurfstangen auf ihre Merkmalsvariabilität. Dabei wurden Abwurfstangen von Hirschen ab einem Alter von fünf Jahren in die Untersuchung einbezogen. Zur Klärung der Zusammenhänge wurden die Stangen zunächst gescannt, dann 3D-Modelle erstellt und schließlich eingehend vermessen. Im nächsten Schritt werteten die Forscher die jährlichen Veränderungen umfassend statistisch aus.

Ein körperlich schwacher Hirsch wird eher dazu neigen, ein schwaches Geweih zu schieben und keine Krone auszubilden.

Das Ergebnis: geringe Variabilität

Die Analyseergebnisse zeigen für den unteren und mittleren Stangenbereich vergleichsweise geringe Veränderungen. So änderten sich die Abstände zwischen Aug-, Eis- und Mittelsprosse sowie die Stangenumfänge in nur geringem Maße. Gleiches gilt für die Aug-, Eis- und Mittelsprosse selbst, die bei den untersuchten Hirschen von Jahr zu Jahr weniger schwankten.

Die höchste Wiederholbarkeit zeigte sich überraschenderweise bei der Endenzahl. Die Untersuchungsergebnisse verdeutlichen demnach, dass ein Hirsch, der zur Endenfreudigkeit neigt, diese auch ein Leben lang beibehält. Dies trifft umgekehrt selbstverständlich auch für Hirsche zu, die diesbezüglich eher spärlich ausgestattet sind. Auch sie blieben ihrem Merkmal zeitlebens im Wesentlichen treu und weisen keine größere Veränderung auf.

 

Ein genauer Blick auf die Krone

Natürlich widmete man sich in der Studie auch der Krone der Hirsche. Diesem charakteristischen Teil des Geweihs wird von Jägern bei der Wiedererkennung eines Hirsches üblicherweise ein hohes Gewicht beigemessen. Die Studie belegt jedoch, dass dieser Stangenabschnitt die höchste Variabilität aufweist! Besonders auffällig war, dass selbst die Kronenform von Jahr zu Jahr wechseln konnte. Die Wiederholungswahrscheinlichkeit lag bei den Kronen insgesamt bei nur etwas über 20 Prozent. Die Veränderungen traten nicht nur von Jahr zu Jahr auf, sie wechselten auch von der rechten auf die linke Stangenseite und wieder zurück.

Bemerkenswert ist, dass bestimmte Kronenformen eine höhere Wahrscheinlichkeit aufwiesen, im nächs-ten Jahr erneut gebildet zu werden. Die Leiterkrone wies mit etwa sechs Prozent dabei die geringste Wahrscheinlichkeit auf, im Folgejahr erneut gebildet zu werden. Demgegenüber hatte die becherartige Zwölferkrone mit etwa 37 Prozent die größte Chance, erneut gebildet zu werden. Ein deutlich verlässlicheres Merkmal war die Endenzahl der Krone sowie ihre Länge. Beide Werte zeigten eine höhere Wiederholbarkeit.

  
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