Heft Oktober 2020


Themen im aktuellen Heft:
 

Bleiben, wer man ist ...

 

Irgendwo weit hinten

 

Die alte Buche

 

Keilerwaffen einfach selbst präparieren

Frauen in der Jagd

Bleiben, wer man ist ...

Annemarie Moser ist in einem ganz natürlichen Umfeld mit der Jagd aufgewachsen. Vater und Großvater waren Jäger. Das hat auf sie abgefärbt und sie selbst durch ihre aktive Karriere begleitet.

 

Ganz einfach, du fährst bei der Kirche hinauf, und da, wo der hölzerne Gams steht, da bin ich.“ Ganz einfach. Und der nette Briefträger, der mich auf der kleinen Parkfläche oberhalb besagter Gams anspricht: „Willst sicher zur Annemarie. Da unten steht sie schon!“ Ganz einfach. Und dann gibt es köstliche Leber vom frisch erlegten Schmalspießer, Reis und Kartoffeln, ein Safterl, Kaffee und Kuchen. Und zum „Ratschen“ hätten wir noch lang etwas gehabt, die Annemarie und ich. Annemarie Moser ist eine der berühmtesten Frauen Österreichs. Völlig unnötig, sich hier allzu lang über ein Leben zu verbreitern, das zumindest jedem halbwegs sportinteressierten Bürger dieses Landes über dreißig bekannt ist. Annemarie Pröll, wie sie vor ihrer Heirat geheißen hat, ist ein Bergbauernkind. Eines von acht. Den Hof führt heute ihre Nichte. Er liegt ein paar Hundert Meter über dem Dorf. Ein wunderschönes Dorf übrigens, eingebettet in eine freundliche Berglandschaft. Keine schroffen, abweisenden Berge, sondern freundliche, auf denen sich üppige Wiesen mit Waldstücken abwechseln. Berge, die dieses sportliche Ausnahmetalent hervorgebracht haben. An der Einfahrt in den Ort stößt man gleich auf ein Plakat mit Bildern der ehemaligen Skirennläuferin. Wie es sich wohl anfühlt, ständig auf seine eigenen Denkmäler zu stoßen? Noch ehe ich die Frage stellen kann, kommt die Antwort ganz von allein: Den ganzen Ruhm und Rummel kann man nur unbeschadet überstehen, wenn man bleibt, wer man ist.

 

Natürliches Selbstverständnis

Annemarie Moser, wie sie seit ihrer Heirat heißt – heute auch keine Selbstverständlichkeit mehr, seine Zugehörigkeit zu einem Mann mit dem gleichen Namen zu besiegeln –, strahlt genau das aus: vollkommen natürliches Selbstverständnis. Unkompliziert. Sie ist, wer sie ist. Und genau das ist auch ihr Zugang zur Jagd. Sie ist eben einfach Jäger. Und wir sind uns einig darin, dass man kein „in“ anhängen muss, um als Frau etwas zu sein – etwas zu können. Sie war ja auch Weltmeister, wie sie sagt, immerhin fünf Mal. Das „in“ hängt erst heute dran.

 

Den ausführlichen Beitrag finden Sie in unserer Oktober-Printausgabe. Kostenloses Probeheft bestellen.


Reviergang im Oktober

Irgendwo weit hinten

Piotr nahm das Glas vor die Augen. Dann sah auch ich das Wild: Zwei Alttiere, ein Kalb und ein Spießer waren es. Schwarzbeere, Eichenjugend und Pilze äsend, zogen sie langsam von uns weg. Piotr mahnte zur Vorsicht ...

Bruno wollte ich sehen und wenigstens einmal in meinem Leben Emma an mich drücken. Sonst nichts. Doch als es bekannt wurde, kam die Einladung zur Jagd ... Viertel vor sieben: Die Welt noch von der Nacht umschlungen. Schwarz der Wald, dunkel und konturlos verschmelzend See und Himmel. Wind, starker Wind, der manchmal drohte, sich zum Sturm auszuwachsen. Dann wieder kurze Momente fast völliger Windstille. Als ich die Tür hinter mir schloss, löste sich ein Schatten aus dem Schwarz der Nacht und trat in den Lichtschein der Hoflampe – Pan Piotr, der Förster. Er war mir angekündigt, sollte mich führen. Sprachprobleme bereinigten wir mit Gebärden. Nur ein kurzes Stück fuhren wir, dann blieb das Auto stehen und wir pirschten los. Das Revier war wie so viele in jenem Land fast ohne Hochsitze. Es ging auch so, ohne Vollmöblierung, ohne Kirrung und Restlichtverstärker; man wollte Jäger bleiben.

 

Nach zehn Minuten blieb Piotr im Schutz des Waldrandes stehen und nahm sein Glas. Oben, auf einem der sanften, von den Gletschern modellierten Hügel, grasten Kühe. Zwischen und neben ihnen drehten Sauen den Boden um. Unter diesen waren drei bunte Überläufer, Nachkommen irgendeines in den Wäldern am See frei nach Nahrung suchenden Ebers. Solche Bastarde waren relativ häufig. Keiler paarten sich mit Hausschweinen und Zuchteber versuchten es mit Bachen. An Schießen war nicht zu denken und so pirschten wir vorsichtig bis zu einer überaus dicken, von Schnee und Stürmen zerzausten zwischen Wald und Schilf wachsenden Weide. Piotr spekulierte darauf, dass die Sauen mit zunehmendem Licht durch ein inselartiges Wäldchen herunter zum Schilf ziehen würden. Schon am Vorabend, als wir von der überaus freundlichen Polizei zu unserem Haus am See eskortiert wurden, überquerte eine nicht ganz „arische“ Rotte unseren Weg. Das Haus lag weit draußen in der Einsamkeit der Landschaft, für einen Fremden kaum zu finden. Sandwege, dann uraltes Pflaster aus Bachsteinen, dann wieder desolate Betonschwellen … Piotrs Überlegung schien aufzugehen. Irgendwann zogen die Sauen der kleinen Waldinsel zu. Es wurde ernst. Nach 15 Minuten hörten wir sie vor uns im Wald brechen. Die Frischlinge waren alle bereits fleckenlos und somit selbstständig. Piotr flüsterte mir „Mama“ zu und ich antwortete fragend „Bastard“. Er zuckte die Schultern und nickte. Offenbar überließ er mir die Entscheidung.

 

Die beiden „Mamas“ überquerten mit ihren Frischlingen zuerst den Weg. Den Schluss machte eine dreifarbige Überläuferbache. Sie zeichnete gut und nahm das nahe Schilf an. „Kaputt“, murmelte zufrieden mein Führer und bot mir eine Zigarette an. Als ich ablehnte, kramte er eine kleine Flasche mit der Aufschrift „olej słonecznikowy“ – Sonnenblumenöl – aus seinem Rucksack und reichte sie mir. Slawische Sonnenblumen scheinen schärfer zu sein als mitteleuropäische … Eine Zigarettenlänge warteten wir, dann untersuchte Piotr den Einwechsel, nickte mit dem Kopf und verschwand im Schilf. Wenige Meter drinnen lag verendet die Bache. Gemeinsam zogen wir sie heraus. Als ich mein kleines Messerchen mit der gerade einmal fünfeinhalb Zentimeter langen Klinge und der ebenso zierlichen Aufbrechsäge aufklappte, wehrte Piotr entschieden ab. Dann, als ich unmissverständlich darauf bestand, das von mir erlegte „Halbwild“ selbst aufzubrechen, bot er mir sein Jagdmesser an. Ich blieb stur. Der gute Piotr schaute mir kritisch und immer wieder den Kopf schüttelnd zu. Ich aber war gottfroh, mich nicht blamiert zu haben. „Der Vorführeffekt lauert überall“, belehrte mich dereinst ein wohlmeinender Freund …

 

Irgendwo hinter Schilf und Gehügel, hinter bunten Eichen und dunklen Föhren trompeteten letzte Kraniche: Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen, über weite Felder lichte Wunder geh’n. Hätte Piotr mich an diesem Morgen nicht abgeholt, hätte ich es ihm ehrlichen Herzens verziehen; es machte ja, so war ich überzeugt, wirklich keinen Sinn. Das Wetter verschlechterte sich. Die Wolken hingen tief und der Wind trieb immer wieder Regenschwaden vor sich her. Später, als Piotr mich zurück zum Haus gebracht hatte, trugen die ans Ufer schlagenden Wellen weiße Gischtkronen. Vorm Fenster ein Rotkehlchen, das unterm Vordach Schutz suchte. Überm See vom Wind getriebene Kormorane. Flackerschein im Ofen. Kein Computer, kein Fernseher, kein Telefon, kein Radio. Kein Bedürfnis, das Erlebnis dieses Morgens per SMS in die Welt zu posaunen. Stille, nichts als Stille. Tee. Erinnerungen und eine Handvoll Sehnsucht … Am Spätnachmittag kam Piotr erneut, um mich abzuholen. Der Wind hatte zugelegt. Wieder wäre ich gerne im Haus geblieben. Freund Gerhard hatte mir Heinz Staudingers „Der alte Diezel“ mit auf den Weg gegeben. Dazu kam Henryk Okarmas „Der Wolf“. Ich hatte Okarma vor Jahren in Polen kennen und schätzen gelernt. Aber nun musste ich wohl mit, ließ mir nichts anmerken und folgte. Wir umfuhren den See und ließen das Auto des Windes wegen vorm Waldrand stehen, denn schon auf der Fahrt mussten wir immer wieder heruntergebrochenen Föhrenästen ausweichen. Auf sandigem Weg pirschten wir langsam, den Wind meist im Gesicht, durch große Altbestände. Viel Sinn sah ich in dieser Pirsch nicht. Nie wäre ich als Pirschführer selbst bei solchem Wind mit einem Gast ins Revier gegangen. Es wäre mir zu gefährlich gewesen. Jede der alten Kiefern trug brüchige Dürrästn. Jagdlich war ich nicht wirklich bei der Sache. Meine Gedanken kreisten bald um Menschen, die mir nahestanden, dann wieder um die jungen Eichen, die unter den alten Föhren eher selten „Kniehöhe“ erreichten, und um die zahllosen Maronen-Röhrlingen, von denen man, ohne den Weg zu verlassen, in Kürze einen Eimer hätte füllen können.

 

Manchmal blieb Piotr, eine Zigarette rauchend, einige Zeit an einen Baum gelehnt stehen. Bei einer solchen Pause drückte er plötzlich seine gerade angerauchte Zigarette wieder aus und nahm das Glas vor die Augen. Dann sah auch ich das Wild: Zwei Alttiere, ein Kalb und ein Spießer waren es. Schwarzbeere, Eichenjugend und Pilze äsend, zogen sie langsam von uns weg. Piotr mahnte zur Vorsicht. Schritt für Schritt zogen wir uns hinter eine langgestreckte Erhebung zurück, hinter der uns das Wild nicht eräugen konnte. Das Rauschen des Windes verschluckte jedes Geräusch. Eigentlich eine komfortable Situation! Als Piotr erstmals ein paar Schritte auf die Erhebung machte und vorsichtig hinübersah, hatte er das Wild kaum 60 Meter vor sich. Er deutete mit beiden Zeigefingern einen Spießer an, legte sich auf den Boden und bedeutete mir, es ihm gleichzutun. Der Rest war eher banal. Schuss brach, Spießer lag. Messerchen am Vormittag frisch geschärft. An den Fingern Ruch nach Pansen. Geronnener Schweiß. Piotr hatte einen Kälberstrick im Rucksack. Gemeinsam zogen wir den Spießer zum Weg. Dann deutete er zurück zum Aufbruch, der liegen geblieben war, und meinte vielsagend: „Wilk!“ Auf einem Drittel der Landesfläche kommt heute der Wolf vor und entsorgt, was zu entsorgen ist. „Land der dunklen Wälder …“

Bruno Hespeler


Mut zur gepflegten Unordnung

Die alte Buche

Bauernwald, richtig gepflegter Bauernwald, die Fichten Herbst für Herbst gegen Verbiss geschützt, im Dickungsalter sauber aufgeastet, im Stangenholzalter bereits peinlich von jedem Laubholz befreit … Und dann liegt da mitten in schönster Ordnung und Sauberkeit eine etwas verlotterte Parzelle. 


Praxiswissen für Revierbetreuer

Keilerwaffen einfach selbst präparieren

Sauber präparierte Keilerwaffen im Jagdstüberl unterstreichen die Freude des Erlegers. Zugleich reflektieren sie aber auch Achtung und Wertschätzung dem erlegten Wild gegenüber. Vieles kann man ganz leicht auch selbst versuchen.

 

 


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