Jagderlebnis
Gams vor der Hütte
Zum Überlegen blieb mir keine Zeit. Fritz öffnete blitzschnell das Hüttenfenster, ebenso rasch drückte er einen Polster ins Fensterkreuz. Der flüchtig hingeschobene Hüttentisch diente zum Abstützen ...

Zwei Wochenenden waren im November bei strahlendem Wetter schon vergangen, ehe es am 19. des Monats so weit war. Es ging ins Gamsgebirg. Ich hatte Fritz Wechselberger auf einen Gamsbock eingeladen. Bei dichtem Schneefall erfolgte die Anreise von Linz aus nach Vorderstoder. Halb vier Uhr nachmittags war Treffpunkt beim Schaffer-Bauer mit unserem Aufsichtsjäger Franz Pernkopf. Der Puch-Haflinger bekam vier neue Schneeketten angelegt, ich denke, er hat es insgeheim genossen. Für unsere kleine Expedition wurde alles hurtig umgeladen und verstaut und mit einem Juchzer ging es im Berggang dem Gamsrevier im Rottal zu. Die anfangs nur leicht angezuckerte Natur verschwand mit zunehmender Höhe unter einer immer höheren und dichter werdenden Schneedecke. Trotz Vierradantrieb mit gesperrtem Vorder- und Hinterachsdifferenzial wurde unser Vorhaben letztendlich durch den hohen Schnee gestoppt. Wir blieben, kurz gesagt, einfach stecken. Nichts wurde aus der bequemen Vorfahrt bei der Hütte. Ja, und so hieß es, die wichtigsten Dinge in die Rucksäcke zu verstauen und den weiteren Anstieg zu Fuß zurückzulegen. Zwei wirklich mühsame Kilometer lagen vor uns. Einige Flüche waren zu hören, doch da hatte uns die tief verschneite Winterlandschaft schon in ihrer Stille verschlungen und zügig ging es der Ochsenbodenhütte zu.
In mondheller Nacht und Glitzerschnee erreichten wir erschöpft unser Ziel. Minus acht Grad zeigte das Thermometer. Schnell sorgten Kerzenschein sowie vertrautes Knistern im Ofen für ein imaginäres Wärmegefühl. Das Heizen nahm uns bis weit nach Mitternacht in Anspruch und so mancher schwarze Gamsbock geisterte durch unsere Träume. Minus zwölf Grad! Der Blick durchs Fenster am nächsten Morgen zeigte klares Wetter und wir waren voll positiver Erwartung. Drei Jäger, drei verschiedene Kaffeesorten. Mokka, entkoffeiniert und Malzkaffee, so hatte jeder von uns das richtige Rezept zum Wachwerden.
Gut gespurt ist halb gewonnen. Wenigstens gilt das für die Nachfolgenden. Durch 50 Zentimeter hohen Tiefschnee ging es langsam voran, den oberhalb der Hütte befindlichen Bodensitzen zu. Schon sehr bald war Bewegung in den beidseitig aufragenden Felswänden festzustellen. Deutlich hoben sich die schwarzen Gams von der hellen Schneedecke ab. Voller Begeisterung beobachteten wir atemberaubende Verfolgungsjagden der Böcke, daneben ein Rudel beim Ausschlagen der Äsung aus dem tiefen Schnee. Sehr vorsichtig und ohne Hast, die Gams ständig durchs Glas beobachtend, gelang es uns, fast ohne jegliche Deckung hinter einer starken Lärche Sichtschutz zu bekommen. Über uns in den Hängen hatte sich ein außergewöhnlich starker Bock, sowohl im Gebäude als auch in der Krucke, inmitten seines sechsköpfigen Rudels niedergetan und versank im Laufe der nächsten Stunde zusehends in der tiefen Schneedecke, bis nur mehr die Schläuche sichtbar waren. Letztendlich waren auch diese verschwunden. Warten bei solchen tiefen Temperaturen und sich nicht viel zu bewegen, war kein leichtes Unterfangen. Schlussendlich erreichten wir den für uns so wichtigen Bodensitz, denn nur dort war eine richtige Auflage für dieses so steile Gelände möglich. Der Sitz war vor einem Kalkfelsen positioniert und somit waren wir drei fast unsichtbar. Die Gams waren nicht beunruhigt – zogen nicht weg. Es war geschafft.
Eine weitere Stunde verging. Wir froren erbärmlich. Der Gamsbock wollte und wollte nicht auf die Läufe kommen. Zum Glück bahnten sich langsam, aber unaufhaltsam die Sonnenstrahlen ihren Weg ins Rottal und ließen die Hänge in gleißendem Weiß aufleuchten. Darüber wolkenloser, azurblauer Himmel. Das bisschen Wärme trug dazu bei, das Kältegefühl wesentlich zu verbessern. Wir waren vorbereitet, alles war eingerichtet, sodass beim Hochwerden des Bockes hoffentlich nichts schiefgehen konnte. Das Rudel entfernte sich ausgesprochen langsam, aber stetig in südlicher Richtung weg vom Platzbock. Es dauerte nun nicht mehr lange. Rasch wurde er hoch und erschien wieder aus seiner Versenkung. Das anschließende Brunftschütteln machte ihn noch größer und imposanter in seinem Aussehen. Welch ein unvergesslicher, herrlicher Anblick. Er stieg steil in die Höhe, die Kugel hatte gut gefasst. Zirka 150 Meter walzte er talwärts und verfing sich anschließend in einem Latschenschopf. Das lange Warten in eisiger Kälte hatte sich gelohnt. Tiefes Aufatmen war spürbar. Überschwängliche Weidmannsheilwünsche folgten. War das eine Freude! Die blauen Augen von Fritz begannen in dieser herrlichen Winterlandschaft so richtig zu leuchten. Es bedeutete ihm persönlich sehr viel. Er zählte damals 82 Lenze und es sollte seine letzte Gamsbrunft bleiben. Um das Glück noch perfekt zu machen, war ein guter Williams-Schnaps schnell zur Hand. Das Frieren hatte ein Ende. Die Bergung gestaltete sich nicht einfach. Steil, hoch nach oben durch Tiefschnee und Latschenfelder. Jäger Franz vollbrachte auch diesmal wieder eine seiner vielen Meisterleistungen. Zwölf Jahresringe! Jetzt war die Freude übergroß. Der Latschenbruch wurde überreicht und wir machten uns mit einem Hochgefühl auf den Rückweg zur Hütte, um den Tag in dringlich benötigter Wärme und in froher Runde ausklingen zu lassen.
Nachdem der Bock versorgt war und die Hüttenwand zierte, machte sich bei uns dreien ein Bärenhunger bemerkbar. Der Ofen war schnell auf Betriebstemperatur gebracht und Fritz bestimmte die Essensmenüfolge. Und dabei sollte es vorläufig auch bleiben.
Was war geschehen? Ein zufälliger kurzer Blick seinerseits aus dem Hüttenfenster des Herrenzimmers ließ ihn folgende Worte sagen, an die ich mich noch heute sehr deutlich erinnere. "An eurer Stelle würde ich sofort einen Blick in den Mitterberg hinauf machen, dort oben ist etwas nicht ganz in Ordnung." Eine Aufforderung, deren Bedeutung sich uns nicht sofort erklärte. Die Neugierde ließ mich doch zum Gucker greifen. Meine Antwort "Also, da ist gar nichts" schwappte blitzschnell über in die Worte: "Doch, da ist a Gams!" Er hatte vor dem einzigen dort oben befindlichen Latschenschopf verhofft, nachdem Fritz ihn in Anblick hatte. Deswegen war er für mich kurz unsichtbar. Jetzt stand er breit, schnell durchs Spektiv betrachtet, war es ein guter Bock!
Es zeigte sich ein im Gebäude nicht allzu stattlicher Gamsbock. Doch die Decke war auffallend bräunlich unterlegt, nicht mehr so tiefschwarz wie in der Mittelklasse. Auch ein deutlich ausgeprägter Vorschlag liess uns schlussendlich nicht mehr daran zweifeln. Ein eindeutig alter, schussbarer Bock stand dort oben.
Rund um die Jagdhütte bot sich in unmittelbarer Nähe keine Möglichkeit, einen exakten und waidgerechten Schuss abzugeben.
Die fragenden Blicke gingen im Kreis und führten letztendlich rasch genug zur zündenden Idee! Es blieb uns nicht anderes übrig, als die Hütte ganz schnell und provisorisch in einen quasi Hochstand umzuwandeln.
Zum Überlegen blieb mir keine Zeit. Fritz trat in einer solchen Geschwindigkeit in Aktion, die Franz und mich in großes Erstaunen versetzte. Er öffnete blitzschnell das Hüttenfenster, ebenso rasch drückte er einen Polster ins Fensterkreuz. Der flüchtig hingeschobene Hüttentisch diente zum Abstützen. Kniend schob ich die Büchse durchs Fensterkreuz. Der Bock hielt aus – stand gut breit.
Die warme Hüttenluft ließ das Bild im Zielfernrohr schlierenartig sich bewegen, trotzdem gelang es mir, gut abzukommen. Auf den Schuss hinauf war vom Bock nichts mehr zu sehen, er war im Schnee versunken. Gibt’s denn so was? Wachen oder träumen?
Wir schauten uns gegenseitig entgeistert an, wollten das so plötzlich passierte Jagdglück kaum wahrhaben. Nachdem wir uns einigermaßen wieder gefasst hatten, wurde es ziemlich laut in der Hütte. Vor lauter Weidmannsheilwünschen, Ausrufen wie "Ja gibt’s denn so was" und "Ist denn so etwas möglich, das glaubt uns keiner" und so weiter verstand man sein eigenes Wort nicht mehr. Kurz und gut, wir lagen uns nicht zu lange in den Armen, denn die Zeit drängte. Ein langer, anstrengender, nicht ungefährlicher Aufstieg lag vor uns. Nach einer guten Stunde waren wir erschöpft beim Bock angelangt. Franz besah sich in Ermangelung seiner Brille die Krucken nicht, er erfühlte sie. Die anschließende Bemerkung war folgendermaßen: "Das Alter hätte er auch!"
Das war eine Freude. Wir kamen Gott sei Dank unversehrt kurz vor Einbruch der Dämmerung zur Hütte zurück. Natürlich waren alle gespannt, welches Alter der Bock hatte, am meisten natürlich ich. Die Taschenlampe brachte es ans Licht! Doch bevor ich das Geheimnis lüftete, forderte ich die beiden gestandenen Mitjäger dazu auf, sich vor Bekanntgabe der Jahre niederzusetzen. Die haben das wirklich gemacht. 17 Jahre! Allen war die große Freude ins Gesicht geschrieben. Träume werden manchmal wahr. Welch ein Tag, welch ein Glück!
Die Menüfolge hätte ich beinahe vergessen, noch dazu wo Fritz ganz alleine gekocht hat: Es gab Grießnockerlsuppe, Blunzen mit gerösteten Knödeln und als Nachspeise Kletzenbrot. Weinbegleitung war ein Blauburger Barrique. Und von diesem war nicht zu wenig auf der Hütte.
Wolfgang Straka
Anblick plus
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