Jagderlebnis
Bergjägers Rucksack
Der Bergjäger, der in einsamen Höhen pirscht, fern aller Hilfe, der sollte für alle Möglichkeiten gerüstet sein. Das kann im Fall der Erlegung eines Wildes – was ja sein Ziel ist –, bei jähem Wetterumschwung, Verletzung, Abkommen von bekanntem Weg ins Weglose und damit in Nacht und Finsternis sein ...

Mein Bergrevier liegt in einem total abgelegenen Eckzipfel der Allgäuer Alpen, wo es auch keinen Handy-Empfang gibt. Aus diesem Grund schleppe ich bei einer Pirsch vom frühen Morgen bis zum späten Abend die im Falle eines Falles (auch das könnte man wörtlich nehmen) unentbehrlichen Dinge mit mir. Fangen wir mit dem schwersten Teil an: dem Lodenkotzen; dann das Spektiv, Sitzunterlage, Schweißriemen, Reepschnur, lang genug, um sich eventuell ein kurzes Stück abzuseilen, Bergeseil mit Schlepphaken, eventuell ein frisches Hemd, Kaschmirpullover, Brotzeit, auch für den Hund eine Kleinigkeit, Getränk, Taschenlampe, Spiegelreflexkamera, Flachmann, Notizbuch, Erste-Hilfe-Set, Rettungsschutzdecke, Zündhölzer und eine Trillerpfeife für den äußersten Notfall. Dann die kleinen Dinge wie eine Filmdose mit einem getrockneten Bovist, um den Wind zu prüfen, Jagdkarte, Lesebrille, ein kleines Handtuch, das mir als Schweißtuch dient. Und da soll ich nicht jammern? Ich habe all diese Dinge, außer der Trillerpfeife, irgendwann schon einmal brauchen müssen. Da war ich froh darüber und habe auch nicht mehr über die unzähligen Male gehadert, als ich sie nicht brauchte und nur mit mir trug.
Dazu behängt man sich noch mit Büchse, Fernglas und klemmt sich den Bergstecken unter die Achsel. Doch ich verdiene Ihr Mitleid nicht. Das ist es halt, was der Bergjagd eine zusätzliche Würze gibt. Doch wehe, wenn der "Fall X" eintrifft und zum Beispiel die Taschenlampe ihren Geist aufgibt, während Sie in schwarzer Nacht noch oben am Berg sind. Wenn ich Ihnen jetzt eine Begebenheit erzähle, werden Sie verstehen, dass ich nun außer der Taschenlampe (mit Handschlaufe) noch eine Stirnlampe im Gepäck habe.

Es war während der Gamsbrunft. Diesmal im Revier eines Freundes. Mit dem Schnee war’s noch nichts Rechtes, wie das in den letzten Jahren so üblich ist. Dafür war’s bitter kalt. Mit dem Jäger Martl war ich seit aller Herrgottsfrühe zum Schwarzkogl unterwegs. Unsere Pirsch führte uns hoch hinauf über die Baumgrenze und noch höher über die angrenzenden Latschenfelder unter die schroffen Gipfelwände des Zweieinhalbtausenders. Durch das schöne Wetter der vergangenen Woche war das Wild hoch hinaufgezogen. Schon am Vortag hatten wir vergeblich in den mittleren Lagen Umschau gehalten; nur in der Höhe sah man ameisenklein die schwarzen Wutzl umeinanderteufeln. Dort war Bewegung, da war was los, da spielte die Musik.
So gegen die zwölfte Stunde gelangten wir auf einen Steig, der eben unter den steilen Wänden dahinführte. Immer wieder mussten Gräben und Rinnen durchstiegen werden; so kamen wir langsam an die am Vortag erschauten Gams heran. Um eine Felsnase biegend, sahen wir das Rudel auf äußerste Schussentfernung vor uns. Näher heran ging’s nun nicht mehr, denn ein weites, freies Kar lag vor uns. Deckung bot nur ein stubenhoher Felsbrocken. Gut, wir hatten Zeit genug, um uns in aller Ruhe einen Gams herauszusuchen. Bock oder Geiß, mir war es einerlei. Der Platzbock jedoch, der beim Rudel stand und der Reihe nach die Geißen werbend umkreiste, das war ein zukunftsfroher Sechs- bis Siebenjähriger. Weit geschwungen die hohe Krucke mit gutem Hakel und starken Schläuchen. Dazu prahlte er mit seitlich überhängendem Prachtbart. Aber halt noch zu jung. Auch nach einer Stunde Zuwartens wollte sich kein weiterer Bock suchend zugesellen, obwohl in der Ferne reichlich Bewegung beim Krickelwild zu sehen war. Eine einschichtige, abseits stehende starke Geiß nahmen wir näher in die Linsen. Sie war nicht so kohlrackelschwarz wie ihre Genossinnen, sondern eher noch fahl gefärbt. Dabei war sie ungemein stark im Wildbret und schien auch anhand ihrer verwaschenen Zügel ein reiferes Alter zu haben. Plötzlich tat sie etwas Ungewöhnliches. An einem einsam stehenden Latschenboschen fegte und markierte sie wie ein Bock. Und dann stellte sie sich mit spärlich gesträubtem Rückenhaar hin und – bläderte. Das hatte auch der Martl noch nie gesehen. Aber sie war mit hundertprozentiger Sicherheit eine Geiß. Alle Kennzeichen sprachen dafür, Spiegel, Krucke, der fehlende Pinsel. Sie musste ein Zwitter sein. Das war nun plötzlich eine besonders reizvolle Beute. Doch die Entfernung war teuflisch weit. Der Martl hatte einen Entfernungsmesser: "Zwoahundertachtzge. Geh’ nur g’scheid hoach eini ins Ziel, nacha feit se nix!"
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