Im Revier
Schalenwild in Europa: Wohin geht die Reise?
Die Jagdstrecken und damit wohl auch die Bestände steigen in Europa seit 50 Jahren kontinuierlich an. Es gibt dabei aber große Unterschiede in den einzelnen Ländern. Bei Rot- und Rehwild gilt die Zunahme der Waldfläche als Treiber, beim Schwarzwild war es der Wandel im Ackerbau.

Wir jagen in verschiedenen Revieren zu unterschiedlichen Zeiten. Ein Blick über Ländergrenzen zeigt, dass auch Jagdsysteme und Traditionen voneinander abweichen und ihre Eigenheiten haben. Dazu kommt, dass an das Wildtiermanagement von Jagd, Forst und anderen Landnutzergruppen oft diverse Forderungen gestellt werden. Schlussendlich führt das dazu, dass jeder sein Zeitfenster, seine Bilder und seinen Rahmen hat, womit sein Blickwinkel, die Erfahrungen, Werte und Interessen im Umgang mit Rot-, Reh-, Gamswild oder anderen Schalenwildarten geprägt werden. Dennoch steht nichts still. Lebensräume sind einem andauernden Wandel unterworfen – und Wildtiere reagieren darauf. Die Zunahme der Waldflächen, die Aufgabe von landwirtschaftlichen Grenzertragsböden, hohe Stickstoff-einträge, Abwanderung vom Land und Zuwanderung in Städte zählen ebenso wie klimatische Veränderungen zu jenen Treibern, die die Entwicklung beeinflussen. Erfolgreiches Wildtiermanagement sollte demnach differenzieren und mit der Zeit gehen, das zeigt eine neue Studie über die Entwicklung von Schalenwildstrecken in Europa.
Länderübergreifender Ansatz
Es gibt in der Wildbiologie einen Trend, der nun seit einigen Jahren zu beob-achten ist: Über Ländergrenzen hinweg schließen sich Forscher zusammen, um ihre Daten und Ergebnisse gemeinsam auszuwerten. Das führt dazu, dass wir in Europa mehr und mehr ein großräumiges Bild über die Entwicklung und Verbreitung von Wildbeständen erhalten. Damit können Trends besser eingeordnet werden. Jagdstrecken liefern dazu solide Grundlagen. Nimmt man den Zeitraum von 1975 bis 2018, dann wissen ältere Semester, wie viel sich in dieser Periode verändert und weiterentwickelt hat: Wurde Rehwild hierzulande am Beginn noch gehegt und mit Vorsicht bejagt, so ist der Zugang heute deutlich einfacher und weniger vom Hegegedanken geprägt. Rotwild war in vielen Revieren Anfang der 1970er-Jahre noch gar nicht heimisch, die Wildart breitet sich derzeit in vielen Ländern immer noch aus. Die Wildschweinbestände haben sich vervielfacht. Damwild und Mufflons wurden in vielen Revieren ausgesetzt. Die Gamsstrecken erlebten Anfang der 1990er-Jahre einen Höchststand, von dem wir heute jedoch weit entfernt sind.
Vereinfacht gilt: Die Bestände und damit auch die Strecken wild lebender Huftiere haben in Europa seit 1975 zugenommen. Die Entwicklung verläuft aber je nach Wildart und Land durchaus heterogen. Analysiert wurden in einer neuen Studie 19 Länder von Spanien, Frankreich, Italien, Slowenien, Kroatien und Ungarn über Österreich, die Schweiz und Deutschland bis ins Baltikum und nach Skandinavien. Beim Rehwild gehen viele davon aus, dass der Trend nach oben unvermindert anhält: In Österreich liegen wir derzeit bei einer Jahresstrecke von rund 290.000 Stück. Tatsache ist, dass hier die Rotwildstrecken über diesen Zeitraum beinahe gleich stark angestiegen sind – nicht in absoluten Zahlen, sondern in Relation. In einer Reihe von Ländern sind die Rotwildstrecken jedoch deutlich stärker gestiegen als die Rehwildstrecken. Das hat vor allem einen Grund: Rotwild ist Mitte der 1970er-Jahre vielerorts noch kaum vorgekommen. Es gab damals noch große rotwildfreie Räume. Österreich startete dabei im Ländervergleich von einer völlig anderen Basis aus. Das Alpenland hatte im Jahr 1975 unter allen Staaten, die hier in den Vergleich eingehen, die höchste Rotwildstrecke. Damals wurden hierzulande rund 44.600 Stück erlegt – im flächenmäßig weit größeren Deutschland waren es 44.500. Erst weit danach folgte Ungarn mit rund 16.600 Stück Rotwild. Mittlerweile liegen Spanien, Polen, Deutschland, Frankreich und Ungarn zahlenmäßig vorne, bereits danach steht jedoch wieder das kleine Österreich.

Rotwild international
In Slowenien ebenso wie in der Schweiz war Rotwild ausgerottet. Die Art wurde im südlichen Nachbarland wiedereingebürgert, in der Schweiz ist sie aus dem oberen Vintschgau wieder zurückgekehrt. In Slowenien hat sich die Rotwildstrecke im vorgegebenen Zeitraum annähernd vervierfacht, in der Schweiz ist sie um das Dreifache angestiegen. In beiden Ländern ist die Ausbreitung dieser Wildart noch immer im Gange, wobei zu erwähnen ist, dass im waldreichen, kleinen Slowenien rund 6.000 Stück Rotwild erlegt werden, in der deutlich größeren Schweiz sind es rund 12.000. Ungarn gilt heute unter österreichischen und deutschen Jägern als eines der bekannten Rotwildländer: Heute werden dort etwa 65.000 Stück erlegt. Das ist ein markanter Streckenanstieg – etwa viermal so viel wie 1975. Im Baltikum ebenso wie in Dänemark, Schweden oder im Trentino sind die Strecken von relativ geringer Anzahl noch deutlich stärker gestiegen. Das heißt, hier gibt es zwar enorme Steigerungen, aber von geringem Niveau aus. Auch in Frankreich hat Rotwild während der letzten Jahrzehnte enorm zugenommen. Die Strecken stiegen in dem hier betrachteten Zeitraum von 6.700 Stück auf rund 65.000 Stück. Das bedeutet, hier hat sich die Zahl der erlegten Stücke in etwa verzehnfacht. Bezogen auf die Größe des Landes ist das dennoch wenig. In Polen ergibt sich ein ähnliches Bild – auch hier wird heute etwa zehnmal so viel Rotwild erlegt wie 1975, das sind rund 95.000 Stück. In Norwegen und Spanien sind die Veränderungen noch deutlich stärker. Der Anstieg beträgt das Elf- bis Zwölffache. Die Gründe dafür sind jedoch völlig unterschiedlich: In Norwegen wird das Wild nicht gefüttert, Klimaerwärmung sowie Land- und Forstwirtschaft schaffen hier gute Bedingungen, die Wildart breitet sich von der Westküste im Süden des Landes immer weiter aus. In Spanien wird Rotwild in großen Jagdgattern gehalten, die Wildart wird intensiv bewirtschaftet.
Zunahme bei Wald und Wild
Derzeit gibt es auf über 70 Prozent des europäischen Kontinents wieder zwei oder mehr heimische Schalenwildarten. Auch wenn man über tragbare Wilddichten in einzelnen Ländern diskutieren kann, so ist das keine Schreckensmeldung für Land- und Forstwirte, sondern grundsätzlich eine Erfolgsgeschichte, die zeigt, dass nach einer massiven Ausrottungswelle im 19. Jahrhundert auch in einer dicht besiedelten Kulturlandschaft ein Miteinander möglich ist. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig, auf Basis von Schutzbestimmungen, rechtlichen Rahmenbedingungen, die auch eingehalten wurden, sowie einer sich ändernden Einstellung zum Tier zeigt sich vor allem, dass die markante Ausdehnung der Waldfläche ein wesentlicher Treiber in dieser Entwicklung war. Heute bedeutet das verkürzt auch oft: "Gerade der Erfolg der Forstwirtschaft brachte es mit sich, dass Tiere, die davon profitiert haben, immer wieder zum Problem für eben deren wirtschaftliche Ziele werden." Das mag als ein Paradoxon erscheinen, aber bevor ein wirtschaftlicher Schaden – durch welche Organismen auch immer – entsteht, müssen zunächst optimale Lebensbedingungen für diese geschaffen werden. In Österreich ist man dabei in der Vergangenheit oft an der Fütterungsfrage hängen geblieben, die Entwicklung in verschiedenen EU-Ländern mit ganz unterschiedlichen Jagdsystemen zeigt jedoch, dass dieser eine Faktor auf kontinentaler Ebene viel zu kurz greift. Fest steht, auch die Waldentwicklung erklärt in dem gesamten Ursachen-Wirkungs-Komplex nur einen Teil. Das zeigt sich auch beim Reh.
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