Fachtagung: Rehwild wohin?

Ziemlich gestört

In vielen Diskussionen um Wald und Rehwild geht es schnell um Zahlen: Wie viele Rehe sind zu viel? Welcher Verbiss ist zu hoch? Welche Abschusszahlen braucht man? Doch der Wald ist kein statisches System und Schalenwild ist kein isolierter Faktor. Die Dynamik unserer Wälder verändert sich gerade grundlegend – und mit ihr die Bedingungen, unter denen Rehe leben und Wälder sich erneuern.

 

Langfristige Satellitenbilderanalysen zeigen, dass sich Störungen in europäischen Wäldern in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert haben. Zwischen 1986 und 2020 wurde ein signifikanter Teil der Wälder mindes-tens einmal gestört – durch Windwurf, Insektenbefall, Dürre oder Holznutzung durch den Menschen. Diese Störungen sind heute häufiger und von einer anderen räumlichen Struktur geprägt als früher. 

Zunächst klingt das wie ein Problem: Schäden am Wald, Verlust von Beständen. Ökologisch jedoch bedeuten Störungen vor allem eines: Licht, Raum und andere Ressourcen für neue Vegetation. Sobald das Kronendach geöffnet ist, fällt Licht auf den Boden, Kraut- und Strauchschicht entwickeln sich und Pflanzen wie Brombeere, Kräuter oder junge Bäume wachsen schnell. Für Pflanzenfresser wie Rehe entsteht hier ein deutlich aufgewertetes Nahrungsangebot, das anderswo im dichten Bestand schlicht fehlt.

Walddynamik beeinflusst  Lebensräume direkt

Unsere eigene Analyse im europäischen Kontext zeigt, dass mit zunehmender Störung des Kronendachs die Habitateignung für große Herbivoren deutlich steigt – für Rehe, Rothirsche, Elche und Wisente gleichermaßen. Störungsflächen erzeugen Nahrung in Nähe zu Deckung und sicheren Einständen und erhöhen so die Attraktivität für diese Arten. Dieser Effekt ist eine direkte Konsequenz veränderter Waldstrukturen.

Solche Habitatveränderungen wirken sich auch auf Verhalten und Energiehaushalt der Tiere aus. In einer aktuellen Studie aus dem Nationalpark Berchtesgaden konnte gezeigt werden, dass Waldflächen, die durch Windwurf oder Borkenkäfer gestört wurden, von Rothirschen deutlich gleichmäßiger über Tag und Nacht genutzt werden. Diese gestörten Waldflächen bieten gleichzeitig Nahrung und Deckung, wodurch der klassische Zielkonflikt zwischen Äsung und Schutz aufgelöst wird. In bejagten Gebieten wechseln Hirsche tagsüber in sichere Deckung, nachts auf Offenflächen – ein energetisch teurer Rhythmus. Auf Störungsflächen dagegen entfällt dieser Wechsel teilweise, was insgesamt den Energieverbrauch reduziert. Interessant ist auch, wie stark der Einfluss des Menschen ins Spiel kommt: Wo hoher Jagddruck vorherrscht, steigt der Energiebedarf der Tiere allein schon dadurch, dass sie sich mehr bewegen müssen. In Schutzgebieten ohne Jagd kann die "ökologische Tragfähigkeit" aufgrund niedrigerer Energiekosten um bis zu 50 Prozent höher sein als in bejagten Bereichen. Diese Ergebnisse relativieren die oft intuitive Vorstellung, Verbiss sei allein ein "Wilddichteproblem". Vielmehr zeigt sich, wie Landnutzung, Störungen und das Verhalten von Schalenwild interagieren.

  
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