Reviergang im April

Warum schreien wir nicht?

Wo wir die Insekten verlieren, müssen wir auch von der Niederjagd Abschied nehmen. Was bleibt, ist Schießsport auf Zuchtgeflügel. Schlimmer: Wir müssen von uns selbst Abschied nehmen, weil wir zu träge und zu feige sind, um zu schreien!

Wir schreiben den 13. April: Beim Tagwerden rief hinterm Haus der erste Kuckuck des Jahres. Wenige Tage zuvor hatte ich ihn schon draußen in Bayern gehört. Mit einem "Kuckuck" hatte auch mein dortiger Besuch zu tun. Dem Jagdpächter war finanziell die Luft ausgegangen, als sein kleiner Betrieb in die Insolvenz schlitterte. Der Versuch, einen passenden Mitpächter zu finden, scheiterte bislang an den Nebenkosten: Da waren vor allem die enormen Schwarzwildschäden. Wie fast überall hatte man über Jahre versucht, mittels üppiger Kirrung die Abschüsse zu erhöhen. Das gelang auch, aber stärker als die Strecken stieg die Zahl der sich als Bürger des Reviers fühlenden Sauen. 

In den letzten Jahren kamen die früher weitgehend ignorierten Schäden am Wald hinzu. Kosten für Zäunung, Einzelschutz und Nachbesserung schlugen zu Buche. Die Aufsichtsbehörde tat ihre Pflicht und die Bauern waren mit einem Jagdessen und einer Flasche Rotwein zu Weihnachten auch nicht mehr ruhigzustellen. 

Früher war man als Jagdpächter meist aus dem Schneider, wenn der Kontakt zu einem Abgeordneten bestand – die momentan richtige Partei vorausgesetzt. Nun aber – gerade begann das neue Jagd- und Pachtvertragsjahr – war Feuer unterm Dach. Aus diesem Anlass wurde ich gebeten, gemeinsam mit einem Pachtinteressenten das Revier anzuschauen und die Vertreter der Jagdgenossenschaft sowie den zuständigen Förster zu kontaktieren. 

Der scheidende Pächter argumentierte, das größte Problem seien die seit einigen Jahren immer wieder anwesenden Wölfe. Sie hätten von dem vor ihrer Ankunft hervorragenden Rehwildbestand kaum etwas übrig gelassen. Mein Einwand, wenn dem tatsächlich so sei, müsste man vor neuen Waldschäden keine Angst haben, war wenig hilfreich.

Am Spätnachmittag musste mein Auftraggeber noch zur Gemeinderatssitzung. Damit war meine Mission für diesen Tag beendet und ich hatte "frei". Zeit für einen abendlichen Gang durchs fremde Revier. 

Schon bei meiner Rückkehr ins Gasthaus, in dem ich untergebracht war, schoss die erste Mehlschwalbe des Jahres an mir vorbei. Es war Frühling geworden. Rund ums Dorf blühten bereits die ersten Kirschen, der Schwarzdorn, der so üppig weiß blüht wie kein anderer Strauch, der schwarze Holler, ebenfalls in üppigem Weiß, am Waldrand die Traubenkirschen und – intensiv duftend – die Vogelbeere. Das ist so die Jahreszeit, in der sich bei mir alljährlich die rein emotionale Sehnsucht nach einem eigenen Revier aufbaut. Auch wenn es undankbar klingt: Das alleinige Jagen im wirklich eigenen Revier wog für mich immer weit schwerer als das noch so großzügige Mitjagendürfen in einem Kollektiv. 

Ja, die aktiven Jahre waren wirklich schön! Die Jagd hatte ich mich damals der Stadt, ihrer Hektik, ihrem Lärm, ihrer Norm und ein ganzes Stück auch dem jeweiligen Zeitgeist entzogen. Ob ich diesen Weg, so wie sich die Jagd entwickelt hat und weiterzuentwickeln droht, noch einmal gehen würde? 

Auch hier riefen schon der Kuckuck und der Wiedehopf dazu. Am Waldrand eine offene Kanzel, die zu benutzen ich mich der Umstände wegen "halbberechtigt" fühlte. Amsler machten sich wichtig, Ringeltauber taten es ihnen gleich. 

Erinnerungen an Jungjägertage: Nachmittage und Abende verbrachte man damit, Tauber anzuspringen oder mit dem Ruf zu locken – Jagdhandwerk! Der Tauber sei der Hahn des "kleinen Mannes", war Jahr für Jahr zu lesen. Ich maß damals 1,72 Zentimeter und fühlte mich durchaus für einen Großen Hahn geeignet. Ein paar Jahre später war es so weit. Doch wie stolz war man, drei oder gar vier Tauber in der Küche abliefern zu können? Man kratzte noch an der Pubertät und war fest überzeugt, mit den "winterdürren" Vögeln das Überleben der Familie gesichert zu haben. 

Es sollte dauern, ehe die eigene Selbstsicherheit zu bröckeln begann und ich die Tauber im Frühjahr in Ruhe ließ. Damals fiel bei uns vor Juni – vor Aufgang der Bockjagd – kein Schuss. Bejagt wurden nach dem Jahreswechsel fast ausschließlich die Winterfüchse. Sauen waren noch ein sehr rares Wild, Fuchswelpen und Jungfüchse ließ man bei uns im Gebirge tunlichst in Ruhe.

Da saß ich also und die Gedanken wurden zu einem Wegweiser mit vielen Tafeln, der zu zahllosen Ratgebern führte. Doch er war nutzlos, weil man das eigene Ziel noch gar nicht kannte. Da war jener große Frankfurter, dem Deutschland weit mehr verdankt als fast allen seinen Politikern, der zum Verweilen riet. Auf der anderen Seite führte er zu Sachsens letztem König, der seinen Untertanen riet, ihren Dreck "alleene" zu machen.

Unter mir, auf dem Weg, ein schon seinen braunen Sommerbalg tragendes Hermelin. Wenn die Winter weiter so mild bleiben wie die letzten, werden Mitteleuropas Hermeline außerhalb der Hochgebirge überhaupt nicht mehr weiß umfärben.

Schon wieder so ein unangenehmer Gedanke: Warum gelten bei uns Hermelin und selbst das Mauswiesel immer noch als "schlimme Niederwildfeinde"? Sie sind brillante Mäusejäger! Dann die bei uns als tierschutzgerecht empfohlenen Wippbrettfallen. Die Mehrzahl der Tiere, die sich in ihnen fingen – dazu gehören auch Igel und Eichhörnchen –, starb an Herzversagen. 

Welcher Entrüstungssturm bräche los, würden wir – zur Erfüllung der Abschusspläne – Rehe in Kastenfallen fangen. In der Rehwildforschung ist das selbstverständlich. Anders als Wiesel verhalten sich Rehe in der dunklen Falle absolut ruhig. Sie gehen, nach Markierung oder Untersuchung freigelassen, nicht selten gleich wieder in dieselbe Falle …

Am Abendhimmel ein Rudel Rauchschwalben in pfeilschnellem Flug auf Insektenjagd. Überhaupt die Rauchschwalben: Ihre Zahl ist – wie jene der kleinen Bauern – stark rückläufig, ebenso Zahl und Vielfalt der Insekten. Aus Ställen wurden Ferienwohnungen. Aus einst lehmigen Höfen entstanden tote Asphaltflächen und Pflasterorgien. Nur selten findet man in Ställen Kunstnester, die den fehlenden Lehm ersetzen.

Letztes Jahr waren wir ein paar Tage in der alten Heimat. Auch dort wurden aus den alten, vertrauten Dörfern längst alpenländisch "gestylte", sich krebsartig in die Landschaft wuchernde Ferienquartiere. Aber eine kleine, eher unbequem zu erreichende Alpe mit Milchkühen und bescheidener Käserei fanden wir noch. Der Stall eher großväterlich, ohne moderne Melkanlage, aber mit zahlreichen Naturnestern der Rauchschwalben. Ohne Rast flogen die eleganten Vögel durch die offenen Stallfenster, manchmal einen kleinen Umweg über Hausflur und Stube machend. Josef, der Senn, war ein weiser Mann: "Wenn d‘ Küh‘ alles verscheißed, häsch net nur Mucke. Do hätsch au Schwalbe gnug." Dem Josef war es auch völlig egal, wenn die Schwalben von ihren Nestern herunter den Stallboden verschissen …

Die Schwalben fallen nicht in des Jägers Zuständigkeit, wohl aber die Insekten. Wir können Fallen stellen, so viel wir wollen, und bekämpfen, was wir wollen. Wo wir die Insekten verlieren, müssen wir auch von der Niederjagd Abschied nehmen. Was bleibt, ist Schießsport auf Zuchtgeflügel. Schlimmer: Wir müssen von uns selbst Abschied nehmen, weil wir zu träge und zu feige sind, um zu schreien!

Bruno Hespeler