Im Revier
Die manipulative Wirkung von Zuschauern
Zuschauer können uns Menschen motivieren oder entmutigen – je nachdem wie gut unser Auftritt ist. Tieren geht es nicht anders. Entsprechend ihrem Entwicklungsgrad sind sie zu ebensolchen Einschätzungen und Reaktionen fähig.

Es ist ein warmer Sommerabend und ich sitze an einer kleinen Wiese am Waldrand. Der Platz ist vielversprechend und der Wind günstig. Ich habe meinen Sitz vor noch nicht allzu langer Zeit bezogen, da tritt eine Geiß mit ihrem Kitz aus dem Bestand. Kurz darauf gesellt sich eine weitere Geiß mit ihren beiden Kitzen dazu. Etwa eine halbe Stunde später reißt mich lautes Knacken aus meinen Gedanken. Im Robinienbestand sehe ich schemenhaft, wie zwei Böcke aufeinander losgehen. Die Böcke rangeln hin und her und stemmen ihre Gehörne gegeneinander. Leider verschluckt der Wald den Ausgang des Duells für mich. Wie versteinert haben die beiden Geißen das Treiben der Böcke aufmerksam verfolgt. Wie die Zuschauer bei einem Boxkampf, denke ich.
Menschen und Zuschauer
Von sich selbst weiß man, dass eine Zuschauermenge das eigene Verhalten erheblich beeinflussen kann. Ob es in diesem Fall auch so gewesen sein könnte, bleibt für mich zunächst offen. Zuschauer können beim Menschen im positiven, aber auch im negativen Sinne beeinflussend wirken. Sozialer Druck führt zu verändertem Verhalten bzw. Äußerungen, indem man beispielsweise (oft unbewusst) versucht, den Erwartungen oder Meinungen der Zuschauer gerecht zu werden. Standardbeispiele sind sportliche Wettbewerbe oder öffentliche Reden. Die Anwesenheit eines Publikums kann einerseits die Motivation erhöhen und zu einer verbesserten Leistung führen. Andererseits kann die Angst vor negativer Bewertung in anderen Fällen so hemmend wirken, dass es zu einer Verschlechterung der Leistung kommt. In der Biologie wird die Wirkung von Zuschauern schon länger untersucht. Dabei müssen zwei Aspekte unterschieden werden. Denn es ist dabei nicht nur von Interesse, ob und inwieweit sich mit dem Publikum das Verhalten ändert. Die Frage ist auch, welche Informationen die Zuschauenden im Einzelnen daraus ziehen können. In jedem Fall findet zwischen den Beteiligten eine Art Kommunikation statt. Wobei diese eher im Kontext von Kommunikationsnetzwerken als von Zweiergruppen betrachtet werden muss. Das ist auch daran zu erkennen, dass viele Signale, die während einer Interaktion ausgetauscht werden, oft viel weiter übertragen werden, als es für die Informationsübertragung zwischen den direkt beteiligten Individuen erforderlich wäre. Eine Häsin beispielsweise könnte sich einem zudringlichen Rammler in der Regel sehr einfach entziehen. Tatsächlich inszeniert sie aber eine auffällige Verfolgungsjagd, die wiederum andere Rammler aufmerksam macht. Das heißt, dass sie Signale nutzt, die darauf ausgelegt sind, auch von anderen weiter entfernten Individuen empfangen zu werden.

Hirsche sind in der Lage, die Fähigkeit eines Konkurrenten an dessen Stimme einzuschätzen. Während der Ruf eines jungen Hirsches einen Platzhirsch kaum aus der Reserve lockt, wird ein Hirsch mit kräftiger, dunkler Stimme, der diesem ebenbürtig sein könnte, durchaus ernst genommen. Alttiere reagieren auf die Stimme ebenso.
Verlierer kommen nicht gut an
Wie komplex die Zusammenhänge sein können, verdeutlichen verschiedene Untersuchungen. Bei Siamesischer-Kampffisch-Männchen kommt es regelmäßig zu aggressiven Auseinandersetzungen. Bei einer diesbezüglichen Studie wurden aggressive Interaktionen dokumentiert und danach auch auf den Zuschauereffekt hin überprüft. Dabei stellte sich heraus, dass Männchen, die einen Kampf gegen ein anderes Männchen verloren hatten, deutlich weniger Zeit damit verbrachten, sich einem Weibchen zu präsentieren, das dem Kampf beigewohnt hatte. Handelte es sich jedoch um ein Weibchen, das diesen Kampf nicht beobachtet hat, hielten sich die Verlierer dort länger auf und warben um seine Gunst. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass sich diese Männchen sowohl über ihre Niederlage als auch deren Wirkung im Klaren sind ...
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