Reviergang im September
Geliebtes Elend
Zur Zeit der ersten Hühnerjagden hing über den Feldern der Ruch der Kartoffelfeuer. Für mäandernde, mit Schilf gesäumte Gräben, für Sandwege und mitten in den Äckern stehende, das Bild der Landschaft beherrschende Eichen fand sich noch Platz und Verständnis ...

Hinter uns lag der Krieg, dem 60 Millionen Menschen zum Opfer gefallen waren. Kein Politiker hätte gewagt, davon zu schwafeln, wir müssten wieder "kriegstüchtig" werden. Er hätte es vielleicht nicht überlebt. Dennoch: Das, was wir heute Langwaffen nennen, durfte jeder Erwachsene frei erwerben. Er musste sie nicht einmal anmelden. Die Zahl der mit solchen Waffen begangenen Verbrechen ebenso wie jene der Unfälle war – ver-glichen mit heute – gering.
Hätte diesseits des Eisernen Vorhangs ein Politiker die Registrierung von simplen Flinten oder die Pflicht, diese in genormte Stahlschränke zu sperren, gefordert, wäre er postwendend den Kommunisten zugeordnet worden: "Dann geh doch rüber!"
Wir Buben profitierten von diesem Geist. Fast jeder hatte ein ordentliches Messer in der Hose, oft auch in der Schule, und häufig hing im Elternhaus Opas Flinte am Kleiderhaken. Wer aus einem Forst- oder Jägerhaus kam, hatte seinen ersten Hasen nicht selten schon als Zwölfjähriger erlegt. Motto: "Irgendwann muss er es ja lernen."
Mit der Jägerprüfung begann das richtige Leben –
vielleicht die erste Hühnerjagd. Ohne Probleme fuhr man mit der Bahn ins Revier: Rucksack und Flinte offen auf dem Buckel, das Plesshorn an der Seite. Mit diesem erregten wir Buben damals mehr Misstrauen als mit einer Flinte. Man war ja kein Preuße und wollte keiner sein. Königgrätz hatte die Preußen den Österreichern zum Feind gemacht. Pless (Pszczyna) – Geburtsort des gleichnamigen Jagdhorns – lag nur gut 30 Kilometer östlich von Königgrätz.
Das Königreich Hannover, in jener Zeit unter englischer Herrschaft, aber an der Seite Österreichs kämpfend, wurde 1866 von Preußen annektiert. Ohne zu zögern, verboten die Preußen den königlich hannoverschen Förstern die Verwendung ihrer Signalhörner und erzwangen – ausgenommen der Saupark Springe – die Verwendung des Plesshorns. Als Fürst Hans Heinrich XI. von Pless später auch noch Oberstjägermeister von Wilhelm II. wurde, war das Plesshorn ein preußisches Symbol.
Kein Österreicher hätte nach Königgrätz ein solches Horn geblasen! Erst in den 1950er-Jahren brachte der ehemalige Kärntner Landesjägermeister Georg Thurn-Valsassina das bis dahin im heiligen Österreich weitgehend unbekannte Plesshorn nach Kärnten. Heute gilt es als uralte, alpenländische Tradition …
Zurück zur Hühnerjagd: Mein Freund Alois und ich waren zur Hühnerjagd eingeladen. Ob sich der aus Bregenz stammende Jagdpächter gerade von uns zwei "Buben" viel Hilfe erwartet hatte, ist nicht verbürgt. Hühner gab es jedenfalls genug.
Wir mochten zehn Schützen gewesen sein und streiften mit zwei oder drei Vorstehhunden breit die Felder ab. Die Landschaft war noch keine seelenlose Agrarsteppe. Schmale Streifen mit Rüben, Mais, Hafer, Klee und Kohl wechselten einander ab. Zur Zeit der ersten Hühnerjagden hing über den Feldern der Ruch der Kartoffelfeuer. Für mäandernde, mit Schilf gesäumte Gräben, für Sandwege und mitten in den Äckern stehende, das Bild der Landschaft beherrschende Eichen fand sich noch Platz und Verständnis.
Die vor Anfang September kaum irgendwo bejagten Hühner lagen fest, ebenso fest standen die Hunde vor. Der Schuss auf die abstreichenden Hühner war auch für uns Anfänger wenig anspruchsvoll. Wie viele Hühner an jenem Samstagnachmittag auf der Strecke lagen, weiß ich nicht mehr, wohl aber dass wir beiden Buben gar nicht so schlecht schossen und am Abend jeder zwei Hühner mit nach Hause nehmen durfte. Das machte uns unglaublich stolz!
Und noch etwas prägte sich tief ein: Der Jagdaufseher hatte, als er unsere Hörner sah, etwas ironisch gefragt, ob wir nach der Jagd noch "Musik" machen wollten. Er riet uns, die Trompeten in den Rucksack zu stecken. Kommentar: "Des mache bloß d‘ Preiße."
Das ranghöchste Wild jener Jagd, ein für krank erklärter Jahrlingssechser, wurde ohnehin im Kofferraum des Jagdaufsehers zur Strecke gelegt. Auch das war in jener Zeit nicht außergewöhnlich. Noch wurden auf vielen Niederwildjagden – je nach "Küchenlage" – so nebenher Rehe geschossen. Selbstverständlich mit der Flinte. Die Alten schossen und schwiegen. Es war halt, wie es vor jenen vorangegangenen geschichtsträchtigen zwölf Jahren Brauch und Praxis war.
Noch etwas blieb mir in Erinnerung: Nach der Jagd hatte der Jagdaufseher eine Liste, auf der das vorbestellte Wild notiert war. Heute dürfen viele Jäger Wild, das sie nach der Jagd – notgedrungen – übernahmen, nicht mehr mit nach Hause bringen. Das Rupfen von Federwild und das Abbalgen von Hasen und Kaninchen und erst recht das Zubereiten von Wildbret waren früher in einem Jägerhaushalt wirklich kein Thema. Dennoch waren damals die Scheidungsraten niedriger als heute.
Wer bei Freunden eingeladen war und einen prächtigen Fasanenhahn oder einen herbstfeisten Hasen als Gastgeschenk mitbrachte, war herzlich willkommen. Heute können daran Freundschaften zerbrechen …
Jünger müsste man sein, nein, nicht im Sinne einer religiösen Gemeinschaft. Jünger an Lebensjahren ist gefragt. An die Zukunft müsste man glauben können, dann wäre der Handel mit veganem, auf Soja basierendem Wildbret wahrscheinlich eine lohnende Geschäftsidee. Dazu vegane Trophäen aus Kunstharz mit Gütesiegel: CIC-zertifiziert, Staub abweisend und absolut glutenfrei. Und gerade im November, wo wir alle zu gläubigen Besuchern von Hubertusmessen werden, fände der vegane, weil aufblasbare Hubertushirsch vor dem Altar für Tierschützer und Gelegenheitsgläubige seinen Platz!
Übrigens: In den 1950er-Jahren brachte die Firma Remington die Nylon 66 auf den Markt. Das war ein Selbstlader im Kaliber .22 mit einem 14-Schuss-Röhrenmagazin und einem Schaft aus Polymer. Wenn wir so wollen, war es die erste "vegane Büchse" für den Jäger! Nur den Begriff kannten wir noch nicht.
Der eine oder andere Leser wird fragen: Was hat der alte Nörgler wieder geraucht, ehe er diesen Beitrag schrieb? Nichts – nur einen Earl Grey hat er getrunken! Die Erinnerung an das Gewesene und das Bewusstsein, dass es vorbei ist, haben ihm die Feder geführt.
Halt – da ist ja noch das Angebot, an einer "klassischen" Hühnerjagd in einem Nachbarland teilzunehmen. Einen PR-Beitrag müsste man dafür schreiben, mehr nicht. Dennoch oder gerade deshalb: Was soll einen sich immer noch weitgehend gesund fühlenden Menschen veranlassen, für die Tötung etlicher armer Kreaturen aus Massenaufzucht sein eigenes Ich der Verelendung preiszugeben?
Nein – er wird noch einmal dort sein, wo alles angefangen hat. Er wird mit der Gefährtin im Garten des Goldenen Ochsen hocken. Vor sich zwei goldbraune, duftende Perdices aus der Zucht eines elsässischen Bauern, der ihnen kurz und schmerzlos die Hälse umgedreht hat, so wie es Mutter, Großmutter und Urahn mit anderem Hausgeflügel schon taten. Ohne stressigen Transport zur "Hinrichtungsstätte", ohne Weichschuss, quetschendes Hundemaul und Halali.
Im letzten Abendlicht wird in den Gläsern der Zweigelt aus dem Elsass schimmern, und das alles ohne Verrat an der eigenen Überzeugung und Gesinnung.
Bruno Hespeler
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