Wildbiologische Splitter

Noch nicht über den Berg

Steigen die Temperaturen weiter, könnten bis ins Jahr 2070 mehr als die Hälfte des Steinwildlebensraumes verloren gehen.

Der Alpensteinbock gilt heute als nicht gefährdet. Eine neue Modellstudie zeichnet für die kommenden Jahrzehnte jedoch ein deutlich weniger beruhigendes Bild. Ausgehend von der aktuellen Verbreitung und den damit verbundenen klimatischen und topografischen Bedingungen, untersuchten Forschende, wie sich der geeignete Lebensraum bis 2050 und 2070 verändern könnte. Mit Abstand wichtigster Einflussfaktor war die mittlere Jahrestemperatur. In einem moderaten Klimapfad, der bis zum Ende des Jahrhunderts auf rund 2,7 Grad globale Erwärmung hinausläuft, könnten bis 2050 etwa 26 Prozent und bis 2070 rund 31 Prozent des derzeit geeigneten Lebensraums verloren gehen. Bei einer Erwärmung von etwa 4,4 Grad wären es bis 2070 durchschnittlich 50 Prozent, je nach Klimamodell sogar bis zu 59 Prozent. Besonders stark betroffen wären die Westalpen; nur wenige neue Flächen entstünden in höchsten Lagen. Auch Österreich bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont: Ausgerechnet am Hochschwab, dem Gebiet mit der größten Steinbockpopulation, erwarten die Modelle hierzulande die stärksten Verluste an geeignetem Lebensraum. Die Wiedereinbürgerung in zahlreichen Gebirgsgruppen der Alpen, darunter auch viele in Österreich, war eine große Erfolgsgeschichte. Gut 100 Jahre nach den ersten Aussetzungen sind wir noch nicht über den Berg. Mit dem Klimawandel kommt nun ein neuer Player hinzu – und er verändert die Spielregeln grundlegend.

Rudolf Reiner