Jagderlebnis

Ein letzter Hirsch  in der Gottschee

Herbst, Hirschbrunft in den Urwäldern der Gottschee. Hier heißt es, aktiv zu jagen, das Wild im unwegsamen Gelände anzupirschen, rasch anzusprechen und zu entscheiden. Das Erlebnis macht die Strapazen rasch vergessen. Ob wir noch einmal wiederkommen, steht in den Sternen ... 

Jagdfreund Andreas wird heuer mit mir in die Gottschee zur Hirschbrunft fahren, um auch einmal einen Hirsch zu erlegen. Die Abfahrt fixieren wir mit 11 Uhr in Sulzthal. Ich gebe im Handy unser Endziel Podturn in Slowenien ein – und dann fahren wir trotzdem falsch! Wer kann auch wissen, dass es noch einen anderen Ort mit gleichem Namen gibt, und das sogar in der Nähe. Als wir draufkommen, haben wir unsere Abfahrt auf der Autobahn bereits versäumt, müssen bis Novo Mesto weiterfahren und dann geht es auf der Landesstraße zurück bis zum Kurort Dolenjske Toplice, wo wir heuer direkt neben der Brücke im Hotel Pri Mostu wohnen werden. Nachdem wir unsere Zimmer bezogen haben, essen wir im Hotel eine Pizza und fahren dann weiter nach Podturn, wo wir Rudi treffen werden.

Als wir aus dem Auto aussteigen, empfängt uns ein warmes, schwüles Wetter und deshalb ist eine weiße Mischung, die wir traditionsgemäß vor jeder Ausfahrt ins Revier trinken, gerade das Richtige, um auf unsere Pirschführer zu warten. Pünktlich zur vereinbarten Zeit kommen Rudi, sein Helfer Dujan und zu meinem Erstaunen auch Rudis Sohn, ebenfalls mit Namen Rudi, zu unserem Treffen. Beim Austausch von Neuigkeiten, die sich während eines Jahres angesammelt haben, erfahre ich, dass der Senior Knieprobleme hat, und deshalb soll ich mit Rudi junior pirschen, Andreas wird mit Dujan jagen.

Nachdem das geklärt ist, fahre ich mit den Rudis zu unserem ersten Pirschgang und genieße jedes Mal aufs Neue diese erste Autofahrt in der Erwartung der kommenden Ereignisse und bin voller Vorfreude. Dabei gibt es Vielerlei zu besprechen: Was hat Rudi heuer bereits an Hirschen gesehen, wie war der letzte Winter – hat es viel oder wenig Schnee gegeben, Dinge, die sich auf die Trophäenstärke auswirken, oder – auch ob die Wölfe Probleme gemacht haben. Als weitere Neuigkeit erfahre ich, dass Rudi junior bei unseren Pirschgängen eine App verwenden wird, in der er die kleinen Wege und Schichtenlinien des Geländes erkennt, zusätzlich bedient er sich einer Wärmebildkamera, technische Errungenschaften, die ich vom Senior nicht kenne, die sich aber in der Folge als sehr nützlich erweisen werden. Leider ist unser erster Ausgang erfolglos, wegen der Wärme melden die Hirsche schlecht, und als die Dunkelheit weiteres Jagen verhindert, fahren wir zurück nach Podturn, wo ich wieder Freund Andreas treffe und erfahre, dass es ihm gleich ergangen ist. Wir verabschieden uns von unseren Pirschführern und vereinbaren für morgen um 6 Uhr den Treffpunkt.

Sonntag, 23.9.: Morgenpirsch

Als wir von unserem Hotel am Morgen ins Freie treten, stellen wir fest, dass es stark regnet. Auf der Bergstraße nach Gace, dem kleinen Skigebiet, das sich hier befindet, gelangen wir ins Revier. Bei der großen Straßenkehre unterhalb des Berges Topli Vrh befinden sich die großen Bergwiesen, wo ich im Jahr 2017 den starken Bock geschossen habe. Hier halten wir an, um zu dritt die große, almähnliche Freifläche abzuglasen. Im obersten Hangbereich, dort, wo der Wald beginnt, sehen wir schemenhaft einige Wildkörper, wovon einer ein Hirsch ist, der ein offensichtlich brunftiges Tier treibt, die übrigen sind äsendes Kahlwild. Noch ist es zu dunkel, um bei einer geschätzten Entfernung von 800 Metern genauer ansprechen zu können, zusätzlich regnet es noch immer und Nebelfetzen ziehen die Bergflanken entlang, was die Sicht weiter erschwert. Erst der heranbrechende Tag lässt erkennen, dass der Hirsch nicht alt ist, höchstens sieben Jahre, deshalb lässt die Spannung nach und wir verzichten darauf, näher zu pirschen. Stattdessen ergibt sich eine gute Gelegenheit, das Brunftgeschehen zu beobachten, bis es hell wird und der Hirsch mit seinen Tieren schließlich in den Wald einzieht. 

Bei der Weiterfahrt auf den Berg ergibt sich eine neue Chance, denn wir vernehmen zwei Stimmen im seitlichen Waldbereich. Der Zufall will, dass hier ein alter, schon wieder verwachsener Wirtschaftsweg in den Wald führt, den wir benützen wollen, um uns den Stimmen zu nähern. Der Senior bleibt bei der Straße, um weiter zu verhören.

Rechts und links unseres Weges befindet sich dichtes Unterholz, so dass die Sicht sehr eingeschränkt ist. Vorsichtig bewegen wir uns vorwärts, bleiben immer wieder stehen, um zu lauschen, und sind uns bewusst, dass überall Wild stehen könnte. Alle Sinne sind angespannt, wir erwarten eine Hirschstimme und sind erstaunt, als plötzlich gar nicht weit von uns seltsame Laute ertönen, die sich wie ein hohes "Jiff, Jiff" anhören. Ratlos schaue ich Rudi an, er zuckt nur mit den Schultern und kann offensichtlich damit auch nichts anfangen. Mit einem Mal fällt es mir wie Schuppen von den Augen, denn jetzt erkenne ich die Ähnlichkeit mit dem Winseln und Jappen junger Hunde, wenn sie von ihrer Mutter etwas erbetteln wollen. Nachdem es hier im Wald aber sicher keine jungen Hunde gibt, kann es sich nur um die Laute von Wölfen handeln. Leise teile ich Rudi meine Meinung mit und er nickt bestätigend. Trotz eifriger Bemühungen ist im Dickicht vor uns kein Haar zu erkennen und es ist auch nichts mehr zu hören. Noch nie habe ich in freier Wildbahn einen Wolf gesehen, noch nie ihr Heulen gehört und auch dieses Mal musste ich mich lediglich mit den Lautäußerungen von Jungtieren begnügen, aber allein die Tatsache, dass sich in so naher Entfernung von uns dieses scheue Wild aufgehalten hat, war für mich etwas Besonderes.

Leise pirschen wir zurück. Noch bin ich in Gedanken beim gerade Erlebten, als ganz nahe im Unterholz wischende Bewegungen zu sehen sind. Im ersten Moment vermuten wir, dass es sich um die Wölfe handelt, aber es ist nur eine Rotte Wildschweine, bestehend aus Bachen und Überläufern, die im Boden nach Nahrung sucht. Noch haben sie uns nicht bemerkt und so ist es uns möglich, die Gesellschaft eine ganze Weile lang zu beobachten, wie sie unter Grunzen und Streiten die gefundene Nahrung gegeneinander verteidigen.

Noch einen weiteren Höhepunkt hält diese Pirsch für uns bereit, denn urplötzlich veranstalten zwei Hirsche, die aneinandergeraten sind, im seitlichen Buchenjungwuchs einen großen Radau. Sie röhren sich gegenseitig in voller Lautstärke an, kurze Zeit darauf ist wildes Brechen im Unterholz zu vernehmen, das sich direkt auf uns zubewegt, und da ist schon der eine in ganz kurzer Entfernung aus dem Gebüsch heraußen. Es ist ein junger Hirsch, das sieht man auf den ersten Blick. Als der Jungspund uns wahrnimmt, wirft er sich herum und verschwindet wieder im Unterholz. Der hintere lässt aus geringer Entfernung den Sprengruf ertönen, wir hoffen, dass er ebenfalls herausstürmt, jedoch im Gegensatz zum jungen lässt sich der vermutlich alte im Schutz der dicht stehenden Jungbuchen nicht blicken und dann ist der ganze Spuk vorbei. 

Noch ist aber unsere Chance nicht vorbei. Der Hirsch musste nicht unbedingt vergrämt sein, denn der Wind stand gut. Vielleicht ist er einfach nur misstrauisch geworden und abgesprungen, ohne uns erkannt zu haben. 

In einem großen Bogen ausholend, nähern wir uns anschließend dem vermeintlichen Standort des Phantomhirsches. Hier befinden wir uns in einem Hochwald mit nur geringem Unterwuchs und haben daher großteils guten Ausblick. Immer wieder schweift der Blick in die Runde, um nur ja nichts zu verderben oder zu übersehen, nirgends erfassen die Augen eine Bewegung. Plötzlich aber grölt ohne Vorwarnung ober uns eine gute Hirschstimme auf. Schnell richte ich auf Verdacht meinen Schießstock und da sehe ich schon durch eine Bestandslücke einen Hirsch mit zwei Tieren, der in einer Entfernung von 100 Metern von uns wegzieht. Wieder handelt es sich nur um einen mittelalten Hirsch, der gleich aus meinem Blickfeld entschwindet und den wir danach noch einige Zeit melden hören. Ob es wohl der gleiche Recke ist, der vor kurzer Zeit den Beihirsch vertrieben hat? 

 

Abendpirsch

Die beiden Rudis verspäten sich heute und kommen erst um 17 Uhr zur Pension Strauß, es hat nämlich bis 16.30 Uhr geschüttet. Heute ist es durch den bedeckten Himmel recht dunkel und deshalb fahren wir gleich los, wieder den Berg hinauf nach Rampoha und dann weiter auf der Straße Richtung Baza 20. Wir wollen es wieder in der Gegend versuchen, wo wir am Vormittag waren, aber alles ist ruhig. Der Senior sieht den Grund darin, dass die Wölfe alles austreiben. Ein weiterer Mittelklassehirsch kostet uns dann an diesem Abend viel Zeit, die wir nicht haben, denn die Dämmerung im September kommt schnell. Um 19 Uhr ist im Wald letztes Schusslicht. Der Grund der Verzögerung war eine Hirschstimme mit schwer einzuordnendem Alter, bei der wir deshalb beschlossen haben, uns den Herrn einmal anzusehen. Am unteren Ende eines mit Jungwuchs wieder stark zugewachsenen Schlages, der sich den Hang hinaufzieht, verweilen wir, denn dem Röhren nach muss der Recke irgendwo da oben stehen. Tatsächlich sieht ihn Rudi bald darauf mit seiner Wärmebildkamera und dann kommt er in Verfolgung eines Tieres tiefer herunter, uns entgegen. Jetzt erblicke auch ich ihn, aber es ist wie verhext, denn wieder einmal handelt es sich nur um einen mittelalten Hirsch, der sich uns schließlich bis auf 50 Meter nähert, ohne uns wahrzunehmen. Rudi filmt ihn mit seinem Handy und ich vermisse wieder einmal, dass man beim Jagen nicht auch fotografieren kann, denn die für hochwertige Bilder erforderliche Fotoausrüstung nimmt zu viel Platz ein und ist zu schwer. Zwei Herzen schlagen in solchen Situationen immer in meiner Brust.

Als der Hirsch im Wald untertaucht, machen wir uns auf den Rückweg zum Auto. Da die Tageszeit schon weit fortgeschritten ist und die Dämmerung nicht mehr weit, nimmt Rudi eine Abkürzung und da büße ich all meine Sünden ab. Alles ist noch nass und im hohen Gras ist der Untergrund nicht zu erkennen. Ich hasse dieses Stolpern über Fallholz und kleine Felsbrocken im steilen, unübersichtlichen Gelände, lasse mir aber das Tempo, das mein Pirschführer vorlegt, nicht aufzwingen, weiß ich doch, dass man sich dabei ganz schnell überknöcheln kann oder, noch schlimmer, das Bein bricht, und dann ist das Pirschen vorbei. Dort, wo der Untergrund sichtbar ist, folge ich im Laufschritt und so kommen wir doch fast gleichzeitig auf der Straße beim Auto an. Der Senior erwartet uns schon ungeduldig, denn er hat von der Straße aus im darunterliegenden Waldbereich, wo ich letztes Jahr meinen Hirsch geschossen habe, mehrere vielversprechende Hirschstimmen vernommen.

Immer noch ein wenig außer Atem, pirschen wir wegen der bereits einsetzenden Dämmerung so schnell wie vertretbar den bereits vom Vorjahr bekannten Waldweg abwärts, dem Röhren entgegen. Trotz der Eile sucht Rudi in kleinen Zwischenpausen mit der Wärmebildkamera das Gelände unter uns ab und stoppt plötzlich. Er hat einen Hirsch entdeckt. Ein junges Bürscherl zieht im gut einsichtigen Hochwald ein wenig über 100 Meter entfernt langsam, von links kommend, den Hang hinauf. Während wir ihn beobachten, grollt mit einem Mal aus dem Nichts heraus eine gute Stimme auf. Es ist ein guter Hirsch, das sehe ich auf den ersten Blick, der dem jungen folgt. Rudi sagt sofort: "Stark, schießen!"

Durch das Zielfernrohr ansprechend, erkenne ich einen starken Wildkörper, rund um die Lichter eine Brille vortäuschend, ist die Decke ganz hell, die Trophäe hat beidseitig gute Dreierkronen. Trotz der Aufforderung zögere ich, denn ich habe den Eindruck, dass der Hirsch jung ist. Aber auf erneutes Drängen hin bin ich verunsichert, und da der Wildkörper wirklich sehr bullig wirkt und man hier nicht lange Zeit zum Überlegen hat, entscheide ich mich schließlich zu schießen. Als Rudi das wahrnimmt, röhrt er mit der bloßen Hand den ziehenden Hirsch an, und als er stoppt, peitscht der Schuss heraus. Zu meinem Erstaunen bleibt der Hirsch danach stehen. Was soll das, denke ich mir in diesem Moment. Und da kommt schon die Aufforderung, nochmals abzudrücken. Um in eine bessere Position zu gelangen, will ich meinen Schießstock umstellen, jedoch benötige ich dafür meinem Gefühl nach zu lange und gerate deshalb, und weil der Hirsch sich unglaublicherweise noch immer nicht bewegt, in eine gewisse Hektik, bevor ich das zweite Mal schieße. Zu unserer beider Verwunderung steht der Hirsch danach aber immer noch wie angewurzelt an derselben Stelle. Wir wissen beide nicht, was da los ist. Jetzt habe ich nur mehr eine Patrone im Magazin. Da wir beide kein Zeichnen bemerken konnten, meint Rudi, dass mein zweiter Schuss fehl ging, und fragt, ob ich mich aufgrund der speziellen Situation in der Lage sehe, mit der letzten Patrone einen sicheren Treffer zu landen, ansonsten würde er schießen, aber in diesem Moment sehen wir, dass der Hirsch weg ist – er ist wie vom Erdboden verschwunden.

Wir sehen uns ratlos an und stolpern dann bei schon recht starker Dunkelheit den Hang hinunter zum Anschuss. Unten angekommen, sucht Rudi mit der Wärmebildkamera die Umgebung ab und sieht zu unserer großen Freude und Erleichterung den Wildkörper nicht weit entfernt liegen. Bevor wir zum Verendeten treten, meint der Junior, dass das für ihn immer der schönste Moment bei der Jagd ist, wenn man zwar weiß, dass die Beute liegt, aber nicht genau weiß, was einen erwartet. Ich sehe das auch so und will den Moment hinauszögern, dann aber treibt uns die Neugierde die letzten Meter hin zu meinem Hirsch. Je näher wir kommen, desto besser erkenne ich trotz der Finsternis, die uns bereits umgibt, dass ich Glück hatte. Ein guter Berghirsch mit dunklen, gut geperlten Stangen und starken Rosen liegt vor uns, es ist ein gerader Zwölfender. Leider ist er nicht alt, höchstens vom achten Kopf und damit wieder einmal ein zu früh geschossener Zukunftshirsch, aber ich tröste mich damit, dass im Urwald eben andere Gesetze gelten und der bullige Körper uns ein höheres Alter vortäuschte. Rudi überreicht mir den Bruch, der Hirsch bekommt seinen letzten Bissen in den Äser und dann schieße ich noch ein paar Handyfotos, bevor wir uns die Zeit nehmen, den schweren Recken, der vor uns liegt, genauer zu betrachten. Er ist sehr stark im Gebäude, hat sicher mehr als 200 Kilo und wirkt noch gar nicht abgebrunftet. Beim Aufbrechen ergießen sich literweise Schweiß und Flüssigkeit aus der Bauchhöhle, aber am Wildkörper außen sehen wir keinen Schweiß. Anscheinend hatte ich beim ersten Schuss die Blattschaufel getroffen, das Geschoß im Kaliber 
7 x 64 hatte aber nicht genug Kraft, den Wildkörper zu durchschlagen, es führte jedoch anscheinend zu einer Schockstarre. In diesem Zustand reagierte der Hirsch nicht mehr auf die zweite Kugel. Rudi meint, dass wir, wenn er abgesprungen wäre, ohne Schweiß die größten Probleme gehabt hätten, ihn zu finden. Für einen starken Brunfthirsch hat dieses Kaliber in einigen Sonderfällen anscheinend doch zu wenig Energie.

Viel Zeit zur Besinnung haben wir nicht, denn inzwischen ist es schon stockdunkel geworden und der schwierige Teil des Abtransportes in der Nacht ohne Weg und Steg liegt noch vor uns. Bevor wir aber ins Tal absteigen wollen, studiert Rudi noch seine App und stellt fest, dass nur 20 Meter unter uns ein Wirtschaftsweg abwärtsführt. 20 Meter klingen nicht nach viel, aber als wir anschließend in der Nacht versuchen, den schweren Brocken den Hang abwärts zu diesem Weg zu wuchten – wobei ich gestehe, dass mein Pirschführer die Hauptplackerei macht –, sind wir nach kurzer Zeit fix und fertig. Endlich ist es so weit und wir lassen den Hirsch dort liegen. Beim Abstieg stellt sich dann heraus, dass dieser Weg offensichtlich seit Jahren nicht mehr benutzt wurde, denn einige umgefallene Bäume und auch der ein oder andere Felsbrocken liegen kreuz und quer darüber. 

Unten im Tal angekommen, wartet der Senior bereits auf uns. Er kennt im nächsten Dorf einen Bauern, der mit seinem kleinen Jungen zur Aufbesserung des Monatslohnes bereit ist, mit seinem Traktor auf den Berg zu fahren, um unseren Hirsch zu bergen. Beim Wiederaufstieg gehen wir mit unseren Handylampen voraus, um den Weg zu weisen, und mithilfe der Motorsäge werden die dicken umgefallenen Bäume entfernt. Nach einer Wegstrecke von ungefähr einem Kilometer im finsteren Wald gelangen wir wieder zu unserem Hirsch, der immer noch wie schlafend an der Stelle liegt, wo wir ihn verlassen haben. Auf die Doppelgabel des Traktors zerren wir nun unter viel Horuck zu viert den Wildkörper und verzurren ihn anschließend so, dass die Trophäe beim Abtransport nicht beschädigt wird. Anschließend gehen wir nun bereits zum zweiten Mal ins Tal hinunter, mit dem Unterschied, dass wir nun Beute mitbringen. Zuvor rufe ich noch Andreas an, gebe ihm einen Kurzbericht und bitte ihn, zusammen mit Dujan und einem Tragerl Bier zu kommen. Anschließend wird der Hirsch auf einen Pkw-Hänger umgeladen, ich erledige meinen Teil des Trinkgeldes für den Traktorfahrer und seinen Jungen und danach treffen wir uns alle beim Kühlhaus, um mit ein paar Bier mein Weidmannsheil zu feiern und nebenbei den Hirsch zu versorgen. Beim Abwiegen stellt sich heraus, dass er ohne Aufbruch stolze 220 Kilo auf die Waage bringt und sogar noch Feist auf den Rippen hat.

Zurück beim Hotel erlebe ich als Abschluss noch ein zusätzliches kleines Abenteuer. Als wir ankommen, ist alles verschlossen, so dass wir mit den Zimmerschlüsseln aufsperren müssen. Anschließend gehen wir auf unser Zimmer, ich aber bemerke, dass ich etwas im Auto vergessen habe, und lasse dabei diesen Schlüssel liegen. Wieder bei der Haustür angelangt, stelle ich fest, dass ich mich ausgesperrt habe. Noch denke ich an nichts Schlimmes, aber als ich, rund ums Haus gehend, nirgendwo einen offenen Eingang finde und Freund Andreas trotz Schreiens in voller Lautstärke und Werfens von Steinen auf sein Fenster im Dachgeschoß nicht reagiert – er ist ein wenig terrisch –, ändert sich das. Zu meinem Schrecken befindet sich auch mein Handy im Zimmer und so stehe ich nun schön da. Mindestens eine Viertelstunde lang bemühe ich mich, meinen Jagdkollegen auf mich aufmerksam zu machen, als plötzlich ein Kärntner Jäger, der in einem anderen Revierteil jagt, auch noch zu so später Stunde erscheint, und mit dem komme ich dann ins Hotel hinein. Als ich ihm mein Missgeschick erkläre, lacht er und meint nur, ob ich nicht weiß, dass alle Jäger terrisch sind. So bin ich dann doch noch in einem Bett zu meinem Schönheitsschlaf gekommen.

 

Sonntag, 25.9.

Ich schlafe mich einmal richtig aus. Andreas, der bisher keinen Erfolg hatte, will es heute am Morgen nochmals probieren, Rudi senior hat zu Hause meine Trophäe ausgekocht und gesäubert, damit ich sie um 15 Uhr, wenn wir uns bei Direktor Vilfan in Kocevje treffen werden, im Auto mitnehmen kann.

Als wir zum Büro kommen, sehe ich im Vorraum im Vorbeigehen zwei Trophäen stehen, eine davon ist meine und eine zweite ist schwächer, im Aufbau aber sehr ähnlich. Nach der Abrechnung und der Verabschiedung vom Direktor steht nur mehr eine Trophäe im Vorraum, und da sie offensichtlich mir gehört, nimmt sie Andreas mit. Während des Hinausgehens betrachte ich sie genauer und bin doch ein wenig enttäuscht, hatte ich meinen Hirsch doch wesentlich stärker in Erinnerung gehabt. In dem Moment erkennen wir aber, dass Herr Ales, der Mitarbeiter von Herrn Vilfan, meine Trophäe bereits hinausgetragen hatte und Andreas nur den "Beihirsch" nahm. Großes Gelächter – und bei mir, ich gestehe es, macht sich eine gewisse Erleichterung breit. So endete unsere Hirschbrunft 2023 in den wunderbaren Wäldern der Gottschee. Andreas hatte leider kein Weimannsheil, aber so ist es eben, das Glücksvogerl, oder wenn man will, die Göttin Diana sind eben launisch und verteilen ihre Gaben nicht immer nachvollziehbar.

Klaus Jaretzky