Im Reich der Sinne

Was die Nase alles kann!

Der Geruchs- und Geschmackssinn sind aus evolutionärer Sicht der wichtigste von allen. Noch heute liefern sie essenzielle Informationen, die das Leben von der Nahrungs- bis zur Partnersuche bestimmen.

Vor mehr als drei Milliarden Jahren schlossen sich im Urozean die ersten Teilchen zu primitivsten Lebewesen zusammen. Was meinen Sie, welche Sinne sie als Erstes entwickelten? Nun, sagen wir Ursuppe statt Urozean, dann wird es klar. Welcher Sinn macht da Sinn? Riechen und Schmecken. Die Wahrnehmung von chemischen Teilchen, aus denen Gerüche und Geschmackstoffe nun einmal bestehen.

Riechen hat eine vielfältige, lebensbestimmende Bedeutung. Anhand von Gerüchen erkennen Tiere Freund und Feind, Nahrung, Gefahr, Lebensraum und Territorium. Komplizierterweise besteht jeder Duft aus unzähligen verschiedenen Duftteilchen. Für jedes einzelne muss die Nase passende Empfängerzellen bereithalten. Und das ist schon der Punkt: Gut riechen zu können, bedeutet nicht immer, über eine großflächige Riechschleimhaut, sprich lange Nase, zu verfügen, sondern über die passenden Andockstellen. Neuweltgeier haben nicht viel Platz für Riechschleimhaut. Dafür haben sie ein spezialisiertes Empfängersystem für das Gas, das frische Kadaver ausströmen. Das Potenzial eines genialen Spürhundes.

Und da sind wir schon bei dem Riechspezialisten, der für uns Jäger unverzichtbar ist. Dem Hund. Wie schafft er es, uns mit schlafwandlerischer Sicherheit im Wirrwarr von Vegetation und hunderten unterschiedlich alten Tierspuren zum Stück zu führen (vorausgesetzt, wir stellen nicht unseren vermeintlichen Verstand über sein Können)? Erstens atmen Säugetiere durch die Nase und überprüfen damit laufend die Ankunft von Duftstoffen. Zweitens wird der Luftstrom in der Nase geteilt. Ein Teil liefert über den Weg zur Lunge Sauerstoff. Der andere streicht in den Nasenmuscheln über die Riechschleimhaut mit ihren mannigfaltigen Sensoren, verweilt dort und wird über die seitlichen Nasenschlitze wieder ausgestoßen. Auf diese Weise werden Gerüche sogar noch verdichtet. Die Informationen, die von den Sensoren gesammelt werden, landen im Riechkolben, einem Teil des Gehirns, der einem Hochleistungscomputer entspricht. Je mehr Daten er gespeichert hat, umso mehr "spuckt" er aus.

Dass Hunde bei der Fährtensuche die Nase am Boden haben sollen, ist dabei eine teilweise vollkommen unnatürliche Vorstellung. Versuchen Sie einmal, 300-mal in der Minute zu schnüffeln. Wie geht es leichter: Mit erhobenem Kopf oder geknicktem? Wie holt das Reh Wind oder der Hirsch? Windfang am Boden? Nein. Windfang dorthin gerichtet, woher der Wind die Duftpartikel anliefert. Auch den Geruch der Pflanzenverwundungen, anhand deren Abfolge (Gras – Fäulnis – Abgestorbenes) Hunde, Füchse und andere Könner zeitliche Aussagen über eine Spur treffen können, trägt nämlich der Wind in die Höhe oder versetzt ihn seitlich. Man muss eben nur wissen, woher der Wind kommt.

Mit hoher Nase können Hunde besser Wind holen als mit tiefer – ganz gleich wie Hirsch oder Reh. Beim Flehmen zieht der Widder 
den Geruch an sein Jacobson'sches Organ, einen Sonderteil der Nase, der auf Damendüfte spezialisiert ist. 

Und das berücksichtigt sogar das Schmetterlingsmännchen, wenn es mit seinen gekämmten Fühlern ein Chanel-N°5-Partikelchen des Weibchens aufgefangen hat, um sich daraufhin im Zickzackflug auf die Suche nach den nächsten und damit nach der Dame des Herzens zu machen. Duft ist das Träger- oder soll ich sagen: Trigger-Instrument der Fortpflanzung schlechthin. Aber das ist ja hinlänglich bekannt. Warum sollte der Hirsch sonst flehmen? Er zieht den Geruch an sein Jacobson'sches Organ, einen Sonderteil der Nase, der auf Damendüfte spezialisiert zu sein scheint. 

Tiere erkennen am Geruch ja nicht nur Geschlecht und Fortpflanzungsbereitschaft, sondern auch sozialen Status und Gesundheit eines anderen. Schneemausböcke lesen aus der Ausdünstung eines Weibchens sogar, dass es ihre Tochter ist. Und lassen dann die Finger oder vielmehr das … davon. Inzestvermeidung. Und das in bis zu 4.000 Meter Seehöhe, wo die Auswahl nicht gerade groß ist.

Beatrix Sternath