Rehe erkennen Straßen als Gefahr und meiden sie weitestgehend. An Hotspots würden Lenkungsmaßnahmen helfen, Unfälle zu vermeiden. Straßen sind für Rehe nicht nur Gefahrenquelle, sondern auch eine unsichtbare Barriere. Eine aktuelle Studie aus Südwestdeutschland zeigt, wie deutlich Rehe den Kontakt mit Straßen meiden – und was das für Jagd und Wildunfallprävention bedeutet. Mit GPS-Halsbändern verfolgten Forschende die Bewegungen der Tiere über Monate hinweg und werteten zusätzlich Wildunfalldaten aus. Das Ergebnis bestätigt zwar, was viele aus der Revierpraxis längst vermuten: Rehe hielten sich überwiegend in bewaldeten Bereichen auf und mieden Straßen konsequent – unabhängig davon, ob sie sich innerhalb ihres angestammten Streifgebiets bewegten oder auf Wanderung waren. Mussten sie dennoch eine Straße queren, geschah das meist zielgerichtet und in direkter Linie zum nächsten Waldstück, offenbar um die Gefahrenzone so kurz wie möglich zu halten. Straßen wirken dadurch wie eine Barriere, die die Vernetzung von Lebensräumen einschränkt und langfristig sogar den genetischen Austausch zwischen Populationen beeinflussen kann. Die Analyse der Unfallstatistiken zeigte zudem: Kollisionen häufen sich an bestimmten Hotspots, während andere Abschnitte trotz hoher Rehdichte kaum Unfälle verzeichnen – vermutlich weil Rehe diese gezielt umgehen. Für die Revierpraxis bedeutet das: Wildunfälle lassen sich nicht nur durch allgemeine Tempolimits oder Warnschilder reduzieren, sondern vor allem durch gezielte Maßnahmen an bekannten Unfallstellen – etwa Querungshilfen, Lenkung durch Vegetation oder Wildschutzzäune. Werden solche Maßnahmen dezentral und angepasst eingesetzt, können sie sowohl Rehen wertvolle Korridore eröffnen als auch Menschen schützen – durch weniger Unfälle und sicherere Straßen.
Dr. Rudolf Reiner