72. CIC-Generalversammlung in Wien

19.05.2026

Der Internationale Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd CIC agiert global, allerdings mit starken Wurzeln in Mitteleuropa. Die Zentrale sitzt nahe Budapest, die vergangenen fünf Jahre war Philipp Harmer aus Wien der Welt-Präsident, Generaldirektor ist Arno Wimpffen, ebenfalls aus Österreich. Zum Abschluss Harmers fünfjähriger Amtszeit fand die diesjährige Generalversammlung von 16. bis 19. April in Wien statt. Rund 750 Teilnehmer aus 42 Ländern nahmen daran teil. Die Bedeutung des CIC lässt sich unter anderem daran messen, dass zahlreiche Nationalstaaten Mitglied dieser Organisation sind, darunter Österreich, Norwegen oder Botswana. Vorträge von Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel oder Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig während dieser Tagung lassen vermuten, dass Österreichs Politik diese Mitgliedschaft durchaus ernst nimmt.

 

Wacht auf und akzeptiert die Wirklichkeit!

In seinem Plenarvortrag kam Schüssel die Rolle zu, die aktuelle geopolitische Lage einzuschätzen – etwas, was als Keynote Speech bei CIC-Tagungen Tradition hat. Mit Blick auf die großen Spieler auf diesem Planeten schlussfolgerte er: "Größe zählt, aber sie ist nicht genug." Schüssel zielte damit auf die aktuelle Entwicklung ab, wo asymmetrische Kämpfe längst nicht mehr auf dem Schlachtfeld gewonnen werden. "Die erste Strategie sollten immer diplomatische Gespräche sein", mahnte er ein, auch wenn dieser Aufruf international wohl wenig Gehör finden dürfte, was sich auch tagtäglich zeigt. In einem Krieg der Drohnen herrscht völlige Transparenz auf dem Gefechtsfeld, nichts bleibt verborgen, alles kann "weaponized" und damit als Waffe eingesetzt werden. Schüssel erinnerte daran, dass die vielen geografischen Flaschenhälse auf diesem Planeten wie die Straße von Hormus oder der Suezkanal auch andere Engpässe darstellen. Beispielsweise liegen dort Datenleitungen und damit die Arterien unserer Infrastruktur ungeschützt am Meeresboden. Und es gibt unzählige dokumentierte Sabotageversuche. Selbiges gilt für Cyberattacken, die mittlerweile eine permanente Bedrohung darstellen.

Für Schüssel ist klar: "Regionale Konflikte ziehen einen globalen Fallout nach sich", weshalb es gelte, sich zu wappnen. Für Österreich und Europa heißt das: "Wacht auf und akzeptiert die Wirklichkeit!" Seiner Meinung nach ist es unabdingbar, dass wir uns auf eigene Beine stellen, militärisch, technologisch und wirtschaftlich. Spätestens seit dem schrittweisen Rückzug der Amerikaner müsste jedem klar sein, dass wir zwischen den großen Machtblöcken alleine dastehen. Daher gelte es, ein eigenes Verteidigungssystem zur Abschreckung gegen Aggressoren aufzubauen. Genauso wichtig sei es, europäische Cloudlösungen und Satellitennetzwerke zu etablieren, um nicht von jenen in Übersee abhängig zu bleiben. Selbiges gilt für die Energieversorgung, bei der wir nur durch eine Dekarbonisierung unabhäniger werden können. Und speziell auf die Wirtschaft bezogen hält Schüssel zwei Säulen für wichtig: die Arbeit, bei der wir in Europa gut aufgestellt seien. Und das Kapital, wo es enormen Nachholbedarf gäbe. Nur mit Anleihen epochalen Ausmaßes ließe sich unsere Finanzkraft schützen.

Trotz aller Düsterkeit versuchte Wolfgang Schüssel mit seinem Schlusswort Zuversicht zu verbreiten. "Ich bin weder Optimist noch Pessimist, sondern ,Möglichkeitist‘", schloss er mit einem Augenzwinkern.

 

Eine neue Art von Hege

Zum Nachdenken regte auch der Vortrag von Shane P. Mahoney aus den USA an. Seiner Ansicht nach war die Jagd der Schlüssel, durch den die Menschheit sich weiterentwickelt hat. Hätte sie sich ausschließlich von Blättern ernährt, wären die kognitiven Fähigkeiten wohl nie in dieser Form zum Vorschein getreten. Besonders im alten Europa war diese Entwicklung augenscheinlich, beginnend bei den Griechen und Römern bis nach der dunklen Zeit im Mittelalter, wo durch Renaissance, Aufklärung und schließlich industrielle Revolution wahre Quantensprünge passiert sind. "Europa hatte so viele Explosionen von Wissen in seiner Geschichte. Meiner Meinung nach hat Europa deshalb die Historie, die Möglichkeit und die Aufgabe, die Jagd in die Zukunft zu führen – und das weltweit", postulierte der Amerikaner. Um das zu erreichen, brauche es globale Anführer, wie sie in den Reihen des CIC vorhanden sind. 

"Conservation" stellt hier ein zentrales Element dar. Im Englischen meint das Wort so viel wie Bewahrung oder Naturschutz, im jagdlichen Zusammenhang geht es aber weit über den bloßen Schutzgedanken hinaus. Vielmehr ist damit eine neue Art der Hege gemeint, die Lebensräume als auch Arten erhalten hilft. "Ich träume davon, Führer in der ‚Conservation‘ zu sein. Wenn wir als Führer in dieser neuen Art der Hege gesehen werden können, müssen wir auch zeigen, dass unsere Gedanken, unsere Charaktere nicht bei den Arten aufhören, die wir mit Flinte und Büchse bejagen! Und wir haben so viele Beweise, dass dieser ganzheitliche Ansatz der Jägerschaft funktioniert. Wir müssen lediglich Brücken bauen und aus der Isolation rauskommen und neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen sein." In weiterer Folge zitierte Mahoney in seinem Vortrag Winston Churchill: "Erfolg ist nicht endgültig, Misserfolg ist nicht fatal: Es ist der Mut weiterzumachen, der zählt." Und genau das sei der Jägerschaft ins Stammbuch geschrieben.

 

Wildlife Economy

Übergeordnetes Tagungsthema in Wien war die Wildlife Economy, also die Jagdwirtschaft. Dazu gab es zahlreiche Wortmeldungen und Kurzreferate. Sukkus des Gesagten war: Nicht alles, was einen Wert hat, hat auch einen Preis. Bezogen auf die Conservation sei es aber wichtig, genau hier anzusetzen und Wildtieren einen Wert beizumessen, wie das beispielsweise bei der nachhaltigen Jagd erfolge. Im Englischen gibt es dafür einen Slogan: What pays stays! Also was Geld einbringt, bleibt erhalten! David Scallan, Generalsekretär der FACE, drängte aus diesem Grund auch darauf, in der öffentlichen Diskussion auf die Wirtschaftsleistung der Jäger zu pochen. Seinen Berechnungen zufolge ist die Wertschöpfung der gesamten Jagdwirtschaft in Europa höher als jene von Konzernen wie BMW oder Mercedes und damit ein handfestes Argument für die Jagd. Und es gibt durchaus Wertschöpfung, die über den reinen monetären Wert hinausgeht. In Nordamerika beispielsweise teilen die rund 14 Millionen Jäger ihr Wildbret mit 100 Millionen Nichtjägern. Und wer das Wildbret annimmt, zählt in gewisser Weise zu den Unterstützern der Jagd. Hier orteten die Redner auch noch weiteres Potenzial und zogen eine Parallele zu Schwammerlsuchern, die sich im selben Lebensraum mit ähnlicher Motivation wie die Jäger bewegen. Breiter Raum wurde auch dem Jagdtourismus eingeräumt, der unter dem Motto "Schützen durch Nützen" vielen bedrohten Arten das Überleben sichert. Zudem hinterlasse der Jagdtourismus einen vergleichsweise geringen ökologischen Fußabdruck, bringe aber Geld, das in die Erhaltung der Artenvielfalt investiert werden kann.

Neben den Vorträgen ging es bei der dreitägigen Generalversammlung in Wien vor allem ums Netzwerken und den internationalen Meinungsaustausch. Franz Mayr-Melnhof-Saurau und Jörg Binder stellten als Vertreter des Dachverbandes "Jagd Österreich" das heimische Weidwerk vor. Im Anschluss gab es eine jagdlich gestaltete Messe mit Jägermarsch zum Stephansdom sowie die Möglichkeit für sehenswerte Exkursionen. Im Rahmen der Veranstaltung kam es auch zur Neuwahl des CIC-Präsidenten, die auf Luis de la Peña aus Spanien fiel.     

Stefan Maurer